+
Maha (5) im Kreis ihrer Familie.

Ein Stück Nichts kostet 75 Dollar

Syrische Flüchtlingskindern im Libanon: Ein Besuch

  • schließen
  • Rudolf Bögel
    Rudolf Bögel
    schließen

Tripoli - Umsonst ist im Libanon nichts, schon gar nicht für die Flüchtlinge: 75 Dollar kostet ein Stück Nichts monatlich, also das bisschen nackte Erde, auf der die Menschen ihre notdürftigen Zelte aufbauen.

Die Wahrheit ist nie ganz einfach. Einfache Wahrheiten sind trügerisch und verführerisch. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Sie ist oft bunt, aber manchmal auch nur schattengrau oder so lehmbraun wie die vertrockneten Ackerfurchen hier in der libanesischen Bekaa-Ebene. Im Hintergrund schimmert verschwommen das Anti-Libanon-Gebirge, dahinter liegt Syrien, Damaskus, die Apokalypse Assads. Und hier stehen sie also. Hunderte, Tausende notdürftig zusammengeflickte Zelte aus Holzstangen und Plastikfolien. Ein verzweifeltes Stück Erde, voll mit verzweifelten Menschen. Der Massen-Exo­dus aus Syrien hat hier Station gemacht. Knapp 1,2 Millionen Syrer leben hier offiziell, inoffiziell sind es knapp zwei Millionen. Vorerst sind sie in Sicherheit. Die wenigsten wollen hier weg, so erbärmlich das Leben hier auch ist, alle wollen sie zurückkehren in ihre eigene Heimat. Die Hoffnung jedoch schmilzt täglich und viele können es sich finanziell gar nicht mehr leisten, hier zu bleiben.

Ein Stück Nichts kostet 75 Euro.

Denn das ist auch ein Teil der Wahrheit, die wir Unicef-Reporter hier im Libanon finden. Umsonst ist im Libanon nichts, schon gar nicht für die Flüchtlinge: 75 Dollar kostet ein Stück Nichts monatlich, also das bisschen nackte Erde, auf der die Menschen ihre notdürftigen Zelte aufbauen. Kein fließendes Wasser, notdürftige, windschiefe Holzlatrinen, Strom Fehlanzeige! Ein Zimmer im Rohbau gleich nebenan im Dorf kommt auf 150 Dollar, auf dem nackten Beton schlafen siebenköpfige Familien, es gibt keine Tür, nur einen alten Teppich auf halber Höhe des Türstocks.

Hilfe im Libanon bekommen die Flüchtlinge vom Staat nicht. Warum das so ist, dafür muss man in der Geschichte 67 Jahre zurückgehen. Damals, bei der Gründung des Staates Israel, fanden die vertriebenen Palästinenser Zuflucht im Libanon. Sie gingen nie wieder, das ihnen zugestandene Land regieren sie autonom, ein Staat im Staat.

Szenenwechsel: Eine Behelfsschule im Bekaa-Tal: Taimaa ist 13 Jahre alt, und obwohl sie nicht mehr hier ist seit ein paar Tagen, ist sie noch überall präsent. In Gedichten, in Fotos und in den Herzen ihrer Freundinnen. Taimaa ist seit gestern unterwegs nach Europa. Keiner weiß, wie sie sich durchschlagen soll zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter. Sie sind nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet, ihr Vater hat sie losgeschickt. „Wenn wir hier nicht weggehen, müssen wir sterben“, soll er gesagt haben. Überall hat er sich Geld geliehen und jetzt ist seine Familie weg. Sollte sie je in Deutschland ankommen, sollen sie ihren Vater nachholen. Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn ein Vater die Hilflosen wegschickt? Taimaas Foto prangt auf einem roten Herzen, das ihre Freundinnen gebastelt haben. Auf Wiedersehen, Taimaa! Hoffentlich!

tz-Chefredakteur Rudolf Bögel (r.) ­unterwegs im Bekaa-Tal: Hinter ihm die Berge, die den Libanon von Syrien trennen und die Flüchtlinge wie Mahas Familie von ihrer Heimat.

Maha (5) lacht nie, ichr Blick versteckt sich fast immer auf der Seite, vielleicht liegt es an jener Bombennacht zu Hause in Syrien. Schreiend ist Maha in dieser Nacht aufgewacht, als die Splitter durch die Luft flirrten, der Himmel sich glutrot färbte und der Boden bebte. Da entschloss sich ihr Vater zu fliehen. Eigentlich ein wohlhabender Mann. Sein großes Land hatte er verpachtet an Bauern, die Pfirsiche und Walnüsse ernteten. Er hatte ein stattliches Landhaus, ein Appartement in Homs und eine Autowerkstatt. Und jetzt sitzt er mit seiner Frau und den drei Kindern auf dem Beton und sagt: „Wir bleiben so lange hier, bis wir in unsere Heimat zurückkehren können!“ Deutschland ist keine Alternative für ihn. Noch nicht. Er hat Glück, er kann bei der Non-Government-Organisation Beyond arbeiten, die hier das notdürftige Schulzentrum eingerichtet hat und ihn als Syrisch-Lehrer beschäftigt. Er verdient Geld, andere Väter können das nicht. Sie schicken ihre Kinder aufs Feld zur Kartoffelernte. Oder verheiraten ihre zwölfjährigen Kinder an Bauernsöhne weit oben in den Bergen, damit wenigstens sie versorgt sind. Die Wahrheit schmeckt bitter in diesen Tagen im Libanon.

Da sieht es nebenan im Zelt schon bunter aus. Überall Farben, Papier, halbfertige Bilder von Sonnenuntergängen, tanzenden Wellen. Hier malen sich die Kinder die Angst von der Seele, verarbeiten Traumata und böse Träume. Oder schreckliche Vorahnungen. Was dort auf dem grünen Karton zu sehen ist, hat mit unschuldiger Kinderfantasie nichts mehr zu tun. Hier dümpelt ein mit Bleistift-Strichmännchen voll gepfropftes Holzschiff auf dem Meer, rechts springen Kinder mit bunten Kleidern ins Wasser, links direkt ins aufgerissene Maul eines Haifisches…

tz-Reporterin ­Dorit Caspary auf Spurensuche in Tripoli.

Letzte Hoffnung Europa: So wie Taimaas Eltern geht es vielen Syrern. Sie sehen kein Ende des Krieges, sie stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand und kämpfen ums nackte Überleben. Mit dem letzten Geld werden Schlepper, Schleuser und Fähren bezahlt, um ins gelobte Land Europa zu kommen. Letzter Ausweg Tripoli. Von der Hafenstadt ganz im Norden des Libanon verkehren wöchentlich drei Fähren in die Türkei. Ganz regulär. Ausgestattet mit einem libanesischem Transitvisum und einem 180-Dollar-Ticket geht es ab in den Bosporus-Staat und von dort aus ganz legal wiederum mit einem türkischen Transitvisum in den europäischen Teil des Landes weiter.

Spurensuche in Tripoli, dem kleinen Hafen der großen Hoffnungen. Filmen, Fotografieren, mit Leuten reden - alles ist inzwischen verboten, der libanesische Staat will Berichte über Schleuser und das Geschäft mit der Verzweiflung nicht mehr lesen. Überall haben Sicherheitskräfte und Polizei ein Auge auf Fremde. Jederzeit finden Passkontrollen statt.

Journalist Omar.

Wir treffen Omar, einen Journalisten aus Tripoli. Wie aus dem Nichts taucht er plötzlich im Café Pinky auf. Ein unscheinbares Lokal, eine Bar, weiße Wände. Auf den Plastikstühlen sitzen nur Männer. Die meisten von ihnen haben viel erlebt, sind Autoren, Künstler, Leute, die viel wissen und wenig sagen. Omar ist so einer, und er weiß, wann die Flüchtlingsfähre ablegt, um Mitternacht. Erst vier Stunden vorher dürfen die Passagiere an Bord. Tickets sind kein Problem, sagt er. Das war im Sommer noch anders, Tausende warteten auf eine Passage, obwohl jeden Tag mehrere Schiffe Richtung Türkei ablegten. Jetzt sind es nur noch drei pro Woche.

Libanesen und Syrer zahlen für die Überfahrt zwar den gleichen Preis, doch Libanesen werden sofort in einen abgetrennten VIP-Bereich gebracht. 13 Stunden Fahrt liegen vor den Menschen, die nicht wissen, wie es in der Türkei weitergeht. Es gibt nur ein Thema: „Wo wollt ihr hin? Wie wollt ihr das machen?“ Manche haben sich schon mit einem Schleuser in der Türkei verabredet, andere wollen es alleine versuchen. Vor allem junge Männer. Die meisten von ihnen sind auf der Fähre, weil sie in Syrien zur Wehrpflicht eingezogen worden wären. Die wollen bloß leben und nicht sterben – weder für Assad, noch für die Rebellen, noch für den IS.

Omar hat den Trip auf dem Boot selbst mitgemacht und erzählt uns: „Bei unserer Tour wurden viele richtig seekrank. Die Libanesen haben sofort Medikamente bekommen, die Syrer hatten keine Chance.“ Er hat mit vielen Syrern gesprochen.

„Die fühlen sich einfach nirgendwo mehr sicher oder gar willkommen, im eigenen Land fliehen sie vor den Bomben, die anderen Staaten wollen sie nicht“, erklärt Omar. „Wir sind als Libanesen in der Türkei einfach an Land gegangen, die Syrer mussten sich stundenlang in einer Schlange anstellen, ihre paar Habseligkeiten wurden mit Spürhunden durchsucht, sie wurden mit Fragen drangsaliert, egal ob die Kinder geweint haben, egal ob sie vor Erschöpfung schon nicht mehr konnten.“

Vom Ausflugshafen nebenan machen wir ganz legal eine Hafenrundfahrt, so wie ganz normale Touristen. Fotos im Hafenbecken sind nicht erlaubt, am besten keine Fragen beantworten, schon gar nicht dass man Journalist ist. Mit auf dem Boot ist Moy (26). Seiner Familie gehören drei solcher Ausflugsschiffe mit Platz für bis zu 50 Passagiere. Moy erzählt, dass an diesem Morgen zwei Boote im Hafen gefehlt haben. Nicht seine, von einem anderen Besitzer. Sie sind gekauft worden für je 150 000 Dollar als Fluchtboote. Bis zu 80 Leute pferchen sich auf so einem Kahn, damit stechen sie in die unruhige See, schon nach wenigen Metern können sie tot sein. Allein in den letzten drei Monaten haben aus dem Mina City Port 2000 Menschen das Land verlassen. Erreichen solche Boote die Türkei, werden sie einfach am Ufer zurückgelassen. Überall gibt es hier Kontrollen, die Geheimdienste aller Länder sind in Tripoli zu Gange, aber ein Boot, das nachts ausläuft, bemerkt niemand. „Vielleicht will es ja niemand bemerken“, sagt Omar.

Wir haben das Hafenbecken verlassen und tuckern zwischen den riesigen Frachtschiffen herum und sehen die Lady Su, die Fähre, die in der Nacht Richtung Türkei ablegt. Die Lady SU ist nicht spektakulär, eine Fähre eben, wie es sie zu Tausenden auf den Weltmeeren gibt.

Omar erzählt von einer libanesischen Familie, die er am Tag zuvor getroffen hat. Sie kommt aus einem Brennpunktviertel in Tripoli. In Tebene gibt es täglich Schießereien, hier ist alles zu Hause, nur nicht die Zukunft. Die Familie will mit ihren drei Kindern nach Deutschland. Sie werden als Libanesen in die Türkei einreisen und als Syrer weiterziehen, um so eine Einreise nach Deutschland zu bekommen.

Syrische Identitäten gibt es im Augenblick viele zu kaufen, 300 Dollar kosten solche Papiere. Der Vater hat dafür den Familienschmuck verkauft. „Diese Menschen haben dann nichts mehr, nicht mal ihre eigene Identität“, sagt Omar. „Und falls sie mal zurückkommen, sind sie im Libanon Syrer oder Verräter.“

Die Runde durch den Hafen dauert eine gute halbe Stunde. Moy sagt, er denkt sich immer wieder: „Eigentlich könnte ich doch mit meinem Boot auch einfach losfahren und dann nach Deutschland gehen. Frau Merkel ist super.“ Zwei seiner vier Brüder leben in Australien, der eine hat eine Putzfirma, der andere ist Chef einer Subway-Sandwich-Filiale. So was möchte Moy auch mal. Und eine Frau, der er etwas bieten kann. Manchmal fährt er mit seinem Boot ein Stückchen weiter raus aus dem Hafen Richtung Türkei, dreht dann doch wieder um. So wie jetzt. Weil er an seiner Heimat hängt. Und weil er sonst vielleicht gar nichts mehr hätte. Nicht einmal mehr sein Boot.

Auch das zählt zu den Wahrheiten, die wir, die Unicef-Reporter, heutzutage hier im Libanon sehen. Zu flüchten, alles hinter sich zu lassen, die Vergangenheit in der Heimat einzutauschen gegen eine unsichere Zukunft in der Fremde – das ist alles nicht so leicht, wie es einem jene gerne weismachen wollen, die mit einfachen Wahrheiten handeln.

Dorit Caspary, Rudolf Bögel

So helfen Sie den Flüchtlingskindern:

Offiziell sind derzeit 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge auf der Suche nach Zuflucht im Libanon. Inoffiziell sind es fast zwei Millionen, die Hälfte davon Kinder. Diesen unschuldigsten Opfern des Krieges versuchen wir gemeinsam mit Unicef zu helfen. Damit sie irgendwann wieder nach Hause können, in ihre Heimat Syrien. Unsere Spendenaktion startet zwar erst am 1. Adventswochenende, doch schon jetzt sind unsere Konten geöffnet.

Bitte geben Sie bei der Überweisung das Stichwort "Helfen vor Ort“ an. Empfänger ist Unicef.

Bei Spenden bis 100 Euro gilt der Einzahlungsbeleg als Spendenquittung für das Finanzamt. Bei größeren Geldbeträgen bekommen Sie von Unicef automatisch eine Spendenbescheinigung zugeschickt, deshalb bitte im Feld Verwendungszweck Name und Adresse angeben.

Commerzbank München:

IBAN: DE78 7008 0000 0326 9000 00

BIC: DRESDEFF700

Stadtsparkasse München:

IBAN: DE70 7015 0000 0000 2635 25

BIC: SSKMDEMM

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lotto am Samstag, 16.12.2017: Das sind die aktuellen Lottozahlen
Lotto am Samstag vom 16.12.2017: Hier finden Sie heute die aktuellen Lottozahlen. 13 Millionen Euro liegen im Jackpot.
Lotto am Samstag, 16.12.2017: Das sind die aktuellen Lottozahlen
Hessens Justiz will Drogen-Bitcoins schnell zu Geld machen
Eine Kombination aus Fahndungserfolg und Bitcoin-Hype könnte der hessischen Staatskasse ein hübsches Sümmchen einbringen. Weil die bei Drogenhändlern gefundenen Bitcoins …
Hessens Justiz will Drogen-Bitcoins schnell zu Geld machen
Reizgas-Attacke in Drogeriemarkt: 14 Kunden verletzt
In einem Drogeriemarkt in Kassel sind 14 Kunden durch einen Angriff mit Reizgas verletzt worden. Die Polizei sucht nach dem unbekannten Täter.
Reizgas-Attacke in Drogeriemarkt: 14 Kunden verletzt
Mehrere Messerangriffe in Berlin - zwei Schwerverletzte
In Berlin ist es zu Beginn des Wochenendes zu mehreren Messerattacken gekommen. Dabei wurden mindestens zwei Menschen schwer verletzt.
Mehrere Messerangriffe in Berlin - zwei Schwerverletzte

Kommentare