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Feuerwehrleute tragen den Sarg des ermordeten Tobias (13) am Samstag nach der Trauerfeier aus der Kirche in Bodenfelde.

Bodenfelde trauert um ermordeten Tobias

Bodenfelde - Einen Tag nach der Beerdigung der ermordeten Nina nimmt Bodenfelde nun auch Abschied von Tobias, dem zweiten Opfer von Jan O. Dabei werden auch Fragen laut, ob die Tat hätte verhindert werden können.

Mehrere Hundert Menschen haben am Samstag in Bodenfelde um den ermordeten Tobias getrauert. Zahlreiche Angehörige, Freunde und Mitschüler kamen zu dem Gottesdienst in der Dorfkirche, wo der mit Blumen und Kerzen geschmückte Sarg des 13-Jährigen aufgebahrt war. Feuerwehrleute standen Spalier, um Tobias die letzte Ehre zu erweisen. Der Jugendliche war selbst Mitglied bei der Jugendfeuerwehr.

Bilder: Bodenfelde trauert um Tobias

Bilder: Bodenfelde trauert um Tobias

Nach dem Gottesdienst wurde der Teenager auf dem Friedhof beigesetzt. Die Bürger von Bodenfelde begleiteten den Trauerzug mit einer Lichterkette. Viele hielten stumm ihre Plakate mit einer Frage in die Höhe: “Warum?“ 

Vor der Tat: Haftbefehl für Jan O. abgelehnt

Ein Sicherungshaftbefehl gegen den Jan O. ist offenbar zehn Tage vor der Tat von der zuständigen Behörde abgelehnt worden. Hintergrund für den Antrag war der Verstoß gegen Bewährungsauflagen, wie das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“ am Samstag vorab berichtete. Für seine Therapeuten war der 26-Jährige laut dem Bericht im Sommer nicht mehr erreichbar, obwohl er sich ein Jahr lang wegen seiner Drogen- und Alkoholsucht betreuen und seinen Urin regelmäßig kontrollieren lassen musste. Im September habe der Mann zudem auch die Termine mit seiner Bewährungshelferin nicht mehr eingehalten.

Wie das Magazin weiter berichtet, verursachte Jan O. am 24. Oktober ein Feuer in einem Schuppen im Uslarer Ortsteil Vahle. Dadurch geriet ein angrenzendes Mehrfamilienhaus in Brand. Im Zuge der Ermittlungen wurde er nur kurzzeitig festgenommen. Laut Staatsanwaltschaft hätten keine Haftgründe vorgelegen, die Beweise allenfalls für eine fahrlässige Brandstiftung gereicht. Den späteren Leiter der Mordkommission, Hartmut Reinecke, veranlasste diese Tat zu einem Anruf bei der Strafvollstreckungskammer in Stade. Fahrlässige Brandstiftung und Alkoholmissbrauch reichten der Behörde als Grund für einen Sicherungshaftbefehl aber nicht aus.

Die Strafvollstreckungskammer sah aber möglichen Handlungsbedarf und beschloss am 12. November, drei Tage vor dem ersten Mord, mit Reinecke über eine kurzfristige Unterbringung von Jan O. in einer geschlossenen Anstalt zu reden. Das Gespräch sollte am 25. November stattfinden.

Der Bürgermeister des niedersächsischen Ortes, Hartmut Koch (Unabhängige Wählergemeinschaft), kritisierte am Samstag die Staatsanwaltschaft scharf. Der Sicherungshaftbefehl hätte das Leben der beiden Jugendlichen retten können. “Die grausamen Taten wären dann nicht passiert. Man kann Nina und Tobias nicht mehr zurückholen, aber das muss aufgearbeitet werden“, forderte Koch. “In den vergangenen Tagen haben wir vor allem Trauer und Hilflosigkeit gespürt. Doch so langsam kommt Wut auf.“

Auch der Pfarrer der Kirchengemeinde, Marc Trebing, spricht während der Trauerfeier von Wut und Hilflosigkeit. “Tobias ist aus der Achterbahnfahrt seines Lebens herausgerissen worden, und wir stehen fassungslos und verzweifelt an der Unglücksstelle“, sagt er. "Keiner kann diese Taten verstehen. Aber unser Dorf rückt zusammen und trauert gemeinsam.“   

Wie gefährlich ist Jan O.?

Der Staatsanwaltschaft zufolge soll ein Gutachten klären, ob Jan O. schuldfähig ist. Außerdem soll ein Experte einschätzen, wie gefährlich der Mann ist. Zurzeit stehen noch die Ergebnisse von mehreren DNA-Untersuchungen aus. Eine Blutsspur an einem Kleidungsstück des 26-Jährigen konnte das Landeskriminalamt Niedersachsen bereits Tobias zuordnen, wie ein Sprecher der Anklagebehörde erläuterte.

Der bewegende Abschied von Mordopfer Nina (14)

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Die ebenfalls ermordete Nina wurde am Freitag beerdigt. Der 26 Jahre alte Jan O. hatte am selben Tag gestanden, Tobias und seine Mitschülerin Nina vergangene Woche in einem Fichtenwäldchen getötet zu haben. Die 14-Jährige musste dem Geständnis zufolge sterben, weil sie sich gegen seine Annäherungsversuche gewehrt hatte. Tobias wurde Tage später zum Opfer. Er hatte sich zufällig in der Nähe der Leiche aufgehalten. Jan O. brachte ihn nach eigenen Angaben um, um die erste Bluttat zu vertuschen.

dpa/dapd

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