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Aus für Winnetou: ARD nimmt Filmklassiker aus dem Programm – Pierre Brice‘ Witwe äußert sich

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Von: Bettina Menzel, Anna Lorenz

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Die Erzählungen Karl Mays um Häuptling Winnetou und seinen Blutsbruder Old Shatterhand werden von diversen Medien aufgrund von Rassismus- und Diskriminierungsvorwürfen boykottiert. Ein Überblick.

Update vom 26. August, 16.38 Uhr: Im Angesicht der derzeitigen Winnetou-Debatte hält das ZDF an den klassischen Karl-May-Verfilmungen mit Pierre Brice und Lex Barker fest und zeigt einen davon bald am Tag der Deutschen Einheit. „Das ZDF besitzt Ausstrahlungsrechte für diverse Karl-May-Filme, die in den nächsten Jahren zur Sendung kommen“, teilte eine Sprecherin am Freitag der Deutschen Presse-Agentur mit. „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ wird beispielsweise am 3.10. um 11.30 Uhr ausgestrahlt, sagte sie. In dem Film - einer deutsch-italienischen-jugoslawischen Koproduktion von 1966 - sind auch die junge Uschi Glas und der Schauspieler Götz George zu sehen. Zuvor hatte der Sender in einem Facebook-Post zur Winnetou-Diskussion zunächst gebeten, das „I-Wort“ nicht zu verwenden, diesen Beitrag dann aber wieder gelöscht.

Derzeit tobt eine zum Teil heftige Debatte um kulturelle Aneignung und Rassismus. Sie entstand nach der Zurückziehung zweier Begleitbücher zu einem neuen Winnetou-Film für Kinder. Besonders prägend für Generationen in Deutschland sind die Karl-May-Verfilmungen aus den 60er Jahren mit Pierre Brice als Winnetou. Von der ARD-Programmdirektion hieß es am Freitag, die ARD könne derzeit keine „Winnetou“-Filme ausstrahlen, denn die Lizenzrechte seien schon 2020 ausgelaufen.

Witwe des Winnetou-Darstellers Pierre Brice äußert sich zur Rassismus-Debatte

Update vom 26. August, 16.30 Uhr: Pierre Brice ist für viele gleichbedeutend mit Winnetou. Der Schauspieler, der am 06. Juni 2015 in Paris verstarb, verkörperte in den Filmklassikern aus den 60er Jahren den beliebten Apachen-Häuptling. Im Zuge der gegenwärtigen Debatte, inwieweit die zugrundeliegenden Werke von Karl May rassistisch seien, äußerte sich nun die Witwe des Darstellers, Hella Brice. „Ich kann diesen Vorwurf überhaupt nicht nachvollziehen“, teilte sie am Freitag (26. August) der Deutschen Presse-Agentur mit. „Wäre Karl May rassistisch gewesen, hätte er Winnetou und Old Shatterhand wohl kaum Blutsbrüderschaft schließen und Seite an Seite für das Gute kämpfen lassen.“

Das Ehepaar Brice unterhält sich lachend mit einer Person hinter der Kamera.
Hella und Pierre Brice bei einem gemeinsamen öffentlichen Auftritt im Februar 1997. (Archivbild) © IMAGO / teutopress

Die 73-Jährige gab zu bedenken, dass Brice 1991 bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg von den Winnebagos als Ehrenmitglied in deren Stamm aufgenommen wurde. Eine Geste, die eindeutig dagegen spräche, dass sie sich durch die Winnetou-Werke angegriffen oder verletzt gefühlt hätten.

„Ich finde es sehr schade, dass durch diese Diskussion die Botschaft Karl Mays und die Werte Winnetous in den Hintergrund rücken“, sagte Hella Brice. Der Wunsch ihres Gatten sei es stets gewesen, „den Menschen die Kultur der Indianer näherzubringen, die Verbundenheit zur Natur, den Wunsch nach Frieden, Freiheit, Toleranz und Respekt, weil das auch seine eigenen Werte waren, für die er sich sein Leben lang eingesetzt hat.“

„Ist Winnetou erledigt?“ – Offener Brief stellt sich den Vorwürfen gegen die Winnetou-Werke

Update vom 26. August, 14.30 Uhr: Nach dem Karl-May-Museum bezogen nun auch die Karl-May-Gesellschaft und die Karl-May-Stiftung Stellung zu den Vorwürfen. In einem offenen Brief unter dem Titel „Ist Winnetou erledigt?“ gingen die Verfasser auf Argumente ein, die gegenwärtig zur Begründung des Boykotts der Karl May-Werke vorgebracht werden. Zwar seien die, zwischen 1875 und 1910 entstandenen Erzählungen „unvermeidlich vom Habitus eines kolonialen Zeitalters geprägt“, allerdings sei dies den Werken aller Schriftsteller dieser Zeit zu eigen. Die Aufgabe, Stereotype und Klischees „kritisch herauszuarbeiten und auf ihre Quellen zurückzuführen“, so die Verfasser, käme aber „der Literatur- und Kulturwissenschaft“ zu.

Karl-May-Spiele - Premiere "Der Ölprinz"
Der Schauspieler Sascha Hödl (r.) als Winnetou bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg. (Archivbild) © Markus Scholz/dpa

Auch inhaltlich seien Mays Werke, deren theatrale Darbietung noch bis zum 04. September 2022 in Bad Segeberg zu sehen ist, schwerlich geeignet, als rassistisch oder diskriminierend eingestuft zu werden. „Die Besonderheit Karl Mays besteht darin, dass in seiner Darstellung des ‚Wilden Westens‘ von Anfang an die Sympathie des Erzählers der leidenden indigenen Bevölkerung gilt“, heißt es in dem Brief. Die tragische Vernichtung ihrer materiellen und kulturellen Existenz grundiere alle May‘schen Nordamerika-Erzählungen. Die Würde und Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Kulturen würden Idealfiguren wie Winnetou verkörpern, während überhebliche Verachtung, rassistische Sprache und religiöse Intoleranz in den Winnetou-Erzählungen durchgehend Merkmale seien, die die Bösewichte der Geschichten aufwiesen. Hierdurch hätten Mays Werke bei den Lesern zweifellos über mehrere Generationen hinweg der „Erzieh[ung] zu Toleranz und Weltoffenheit“ gedient.

Schwere Vorwürfe gegen Winnetou-Erzählungen: Politiker und Historiker melden sich zu Wort

Update vom 26. August, 12.10 Uhr: Die mediale Reaktion auf die Rassismus-Vorwürfe in den Winnetou-Erzählungen von Karl May findet Eingang in die öffentliche Diskussion. Nachdem sich bereits Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu Wort gemeldet hatte, äußerte nun auch Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) Kritik. „Kinderbücher von früher bedienen nun mal Klischees“, so die Politikerin am Freitag (26. August) im Gespräch mit der Heilbronner Stimme und dem Südkurier. „Struwwelpeter ist schwarze Pädagogik pur. Sollen wir ihn deswegen verbieten?“ Zu früheren Zeiten gängige Begriffe in Stücken, die in diesen Zeiten spielen, zu streichen, hält die Politikerin für problematisch. „Wenn wir diesen Maßstab bei allen Märchen und Kinderbüchern anlegen“, gab sie zu bedenken, “wohin soll das führen?“

Ähnlich betrachtet die Situation auch der Leiter des Karl-May-Hauses in Hohenstein-Ernstthal, André Neubert. „Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die diese Debatte losgetreten haben, ein Karl-May-Buch zur Hand nehmen und lesen“, sagte der Historiker der Deutschen Presse-Agentur. Seiner Meinung nach würde in der öffentlichen Diskussion, sowie bei Verlagen und Fernsehanstalten verkannt, dass Karl May, der sich selbst stets als Märchen- und Geschichtenerzähler bezeichnet habe, Kritiker des Kolonialismus und ein Pazifist gewesen sei. Er habe sich sehr für die Völkerverständigung eingesetzt, was auch in der Blutsbrüderschaft und dem Zusammenhalt der Romanfiguren Winnetou und Old Shatterhand zum Ausdruck gebracht werde. Angesichts der aktuellen Krisen und Kriege in der Welt, müsse eher mehr als weniger Karl May gelesen werden, statuierte Neubert am Donnerstag (25. August).

Aus für Winnetou: ARD streicht Karl May-Filme aus dem Programm

Erstmeldung vom 26. August, 10.06 Uhr: München – Alle Lizenzen, die die ARD für Winnetou-Filme habe, seien bereits 2020 ausgelaufen, ein Wiedererwerb nicht geplant. Das berichtet die Bild-Zeitung unter Berufung auf eine Sprecherin des Öffentlich-Rechtlichen Senders. Den Wirbel um das „I-Wort“ will der BR indes überprüfen und dementsprechend die ausgestrahlten Filme auswählen. Das ZDF hingegen machte bekannt, Winnetou-Filme „in den nächsten Jahren“ weiter zeigen zu wollen.

Die im kolonialistisch geprägten „Wilden Westen“ eher ungewöhnliche Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand begeistert seit Jahrzehnten Millionen Kinder weltweit. Die in 40 Sprachen übersetzten Werke Karl Mays sehen sich nun aber einem breiten Boykott gegenüber. Die Darstellungen seien rassistisch, würden die Kolonialisierung nicht kritisieren und das Leid und die Unterdrückung indigener Völker romantisieren. Somit sei das „I-Wort“ als beleidigende Bezeichnung zu vermeiden, im Notfall dient die Abkürzung als Umschreibung.

Ravensburger nimmt Winnetou aus dem Programm - ZDF heute setzt sich ins Fettnäpfchen

Der Verlag Ravensburger reagierte auf die Kritik mit einer deutlichen Kürzung des Sortiments. Winnetou wurde als Puzzle und Stickeralbum aus dem Repertoire verbannt; auch die Bücher namens „Der junge Häuptling Winnetou“ sind nicht mehr erhältlich. Ausgelöst hatte die Diskussion der gleichnamige Film, da er rassistische Vorurteile bediene und eine kolonialistische Erzählweise nutze. In einem Instagram-Post begründete Ravensburger seine Entscheidung mit dem Feedback der Nutzer, das gezeigt habe, „dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben“. 

Auf der Facebookseite des ZDF war die Diskussion um das „I-Wort“ ebenfalls entbrannt. Der Sender hatte die Nutzer in den Kommentaren gebeten, das Wort zu meiden.

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