Missbrauchsopfer bringt sich nach Kreuzverhör um

London - Sie wurde vergewaltigt und der Täter bestraft. Trotzdem fühlte sich die Missbrauchte nach einer harten Zeugenvernehmung als Opfer und sah für sich keinen Ausweg mehr.

Die britische Justiz ist in die Kritik geraten, nachdem sich ein Missbrauchsopfer in einem Gerichtsverfahren nach einem intensiven Kreuzverhör das Leben genommen hat. Die 48-jährige Geigerin wurde wenige Tage nach ihrer Zeugenaussage tot aufgefunden. Ihre Familie wirft der Justiz nun eine Mitschuld an ihrem Tod vor. Der Ex-Mann des Opfers sagte der Zeitung „Mail on Sunday“ (Sonntag), sie habe das Gefühl gehabt, selbst unter Anklage zu stehen.

Ihr Sohn gab an, sie habe die traumatischen Vorfälle aus den 1980er Jahren vor Gericht aufs Neue durchleben müssen. Die Familie kritisiert insbesondere, dass der Zeugin geraten wurde, keine therapeutische Begleitung bis Ende des Prozesses in Anspruch zu nehmen. Die Polizei bestreitet dies allerdings.

Die Mutter von vier Kindern hatte in dem Missbrauchsprozess als Zeugin gegen ihren ehemaligen Musiklehrer an der renommierten Musikschule Chetham's in Manchester und dessen Ehefrau ausgesagt. Die Verteidigerin bezeichnete die Zeugin beim Kreuzverhör als Lügnerin und Fantastin. Prozessbeobachter kritisierten danach die harte Linie der Verteidigung. Der Richter bescheinigte jedoch der Verteidigerin eine vorbildliche Prozessführung.

Das Gericht in Manchester sprach den ehemaligen Lehrer und seine Ehefrau (68), bei denen sie damals wohnte, am vergangenen Freitag wegen sexueller Nötigung schuldig. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er sein Opfer im Alter von 14 und 15 Jahren zu sexuellen Handlungen in seinem Büro und in seinem Wohnmobil gezwungen hat. Er wurde jedoch von dem Vorwurf freigesprochen, sie als 18-Jährige vergewaltigt zu haben.

dpa

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