+
Brustimplantate aus Silikon der Firma PIP. Foto: Guillaume Horcajuelo

Implantate-Skandal: Urteil gegen TÜV Rheinland aufgehoben

Der TÜV zertifizierte den Hersteller PIP, der jahrelang minderwertige Brustimplantate verkaufte. Betroffene werfen ihm daher Schlamperei vor. Doch jetzt gibt auch ein Berufungsgericht in Frankreich den Prüfern recht. Und weist Schadenersatzansprüche in Millionenhöhe ab.

Aix-en-Provence (dpa) - Der TÜV Rheinland muss im Skandal um minderwertige Brustimplantate in Frankreich doch nicht haften. Ein französisches Berufungsgericht hob ein Schadenersatz-Urteil gegen das Prüfunternehmen auf.

Der TÜV habe seine Verpflichtungen bei der Zertifizierung der Produktion des Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP) erfüllt, teilte das Gericht in Aix-en-Provence mit. In erster Instanz war der TÜV Ende 2013 verurteilt worden, mehr als 1600 Frauen jeweils zunächst 3000 Euro Schadenersatz plus Anwaltskosten zu zahlen.

Zwischenzeitlich traten nach Angaben des TÜV weitere Opfer dem Verfahren bei, die Entscheidung bezieht sich daher auf mehr als 3000 Frauen sowie einige Händler. Das Unternehmen sieht sich selbst als Opfer des Betrugs des Herstellers und legte deshalb Berufung ein. Mehrere deutsche und französische Gerichte schlossen sich dieser Einschätzung bereits an.

Der inzwischen insolvente Hersteller PIP hatte etwa zehn Jahre lang billiges Industriesilikon für seine Implantate verwendet. Die reißanfälligen Silikonkissen wurden Schätzungen zufolge weltweit bei Hunderttausenden Frauen eingesetzt. Der TÜV hatte nur Unterlagen und die Qualitätssicherung von PIP überprüft, nicht die Kissen selbst. Auf dieser Grundlage erhielt die Firma das europäische CE-Siegel. Die Klägerinnen warfen den Prüfern deshalb Schlamperei vor.

Die Entscheidung sei ein wichtiger Schritt in den gerichtlichen Auseinandersetzungen um den PIP-Skandal, sagte TÜV-Sprecher Hartmut Müller-Gerbes. Eine Bestätigung der Schadenersatzansprüche hätte den TÜV teuer kommen können. Das ursprüngliche Urteil des Handelsgerichts von Toulon sah nämlich die Möglichkeit vor, je nach Einzelfall auch höhere Ansprüche geltend zu machen als die pauschalen 3000 Euro pro Frau. Klägerinnen forderten ursprünglich jeweils 16 000 Euro.

Die bereits gezahlten 5,8 Millionen Euro könnte der TÜV Rheinland nun zurückfordern - ob das Unternehmen dies auch macht, wird laut einem Sprecher noch geprüft. Nach Angaben einer Anwältin könnten auch gegen die Entscheidung des Berufungsgerichts Rechtsmittel eingelegt werden.

Der Skandal um die Brustimplantate war 2010 aufgeflogen. In Deutschland waren schätzungsweise mehr als 5000 Frauen betroffen. Behörden rieten Betroffenen damals, sich die Implantate entfernen zu lassen. Der Gründer der Skandal-Firma, Jean-Claude Mas, wurde im Dezember 2013 zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Sein Berufungsprozess soll im November beginnen.

TÜV Rheinland zum PIP-Skandal

Mitteilung des TÜV Rheinland zum Urteil

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Gericht entscheidet über Klagen gegen Internet-Werbeblocker
München/Köln (dpa) - Das Münchner Oberlandesgericht entscheidet heute, ob ein Softwareunternehmen Werbeblocker für Internetnutzer anbieten darf.
Gericht entscheidet über Klagen gegen Internet-Werbeblocker
Fliegende Händler verkaufen Ekel-Snacks an Urlauber
Da wird einem richtig schlecht. In Barcelona haben fliegende Händler Snacks verkauft, die sich jetzt als ziemlich ekelig herausgestellt haben. 
Fliegende Händler verkaufen Ekel-Snacks an Urlauber
Big Ben verstummt vielleicht doch nicht jahrelang
Zukünftige Londonreisende werden diese Nachricht noch verdauen: Die weltberühmten Glocken von Big Ben sollen eine Zeit lang wegen Bauarbeiten nicht läuten. Vielleicht …
Big Ben verstummt vielleicht doch nicht jahrelang
Lotto am Mittwoch vom 16.08.2017: Das sind die aktuellen Gewinnzahlen
Lotto vom 16.08.2017: Hier erfahren Sie, welche Gewinnzahlen am Mittwoch gezogen worden sind. Im Jackpot ist eine Million Euro.
Lotto am Mittwoch vom 16.08.2017: Das sind die aktuellen Gewinnzahlen

Kommentare