Familiendrama in Penzberg: Schwiegertochter stellt sich

Familiendrama in Penzberg: Schwiegertochter stellt sich

Bewegendes Buch von Christiane zu Salm

Im Angesicht des Todes: Sterbende sprechen

München - Wenn Sterbende über ihr Leben nachdenken, geht es um Wahrhaftigkeit. Und um verpasste Chancen und verlorene Träume. Selbst verfasste Nachrufe im Angesicht des Todes berühren – auch, weil sie wichtige Botschaften enthalten. Drei Beispiele aus einem Buch von Christiane zu Salm.

Bitte verzeihe mir - irgendwann

Ich möchte nicht, dass ihr all die Lügen glaubt, die irgendein Geistlicher an meinem Grab aussprechen würde. Einige von euch, die mich zu kennen glauben, würden ihm erzählen, was für ein guter Mensch ich trotz allem doch war. Nein danke. Es könnte mir egal sein, weil ich es nicht mehr hören muss. Es ist mir aber nicht egal. Ich verabscheue den Gedanken an so viel Unwahres, das ihr über mich wisst und denkt. Daher hinterlasse ich euch hier das, was ihr wissen solltet.

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Lest es vor, wenn ihr an meinem Grab steht. Ich glaube nicht, dass mein Leben, so wie es verlief, viel mit mir zu tun hatte. Es hat mich bis zuletzt einfach so gelebt. Und es war nicht schlecht. Ich war nie der Typ, der Kontrolle haben wollte. Ich habe auch nichts gesucht, mich nach nichts Großem oder Besonderem gesehnt. Die Dinge haben sich einfach so entwickelt. Ich hatte das Glück, nie misshandelt oder missbraucht worden zu sein, dazu war ich eine viel zu kleine Nummer, und auch viel zu unattraktiv. Mit Anfang zwanzig, ohne Ausbildung, fand ich endlich diesen Job in einer Firmenkantine in Köln. Dort habe ich neunzehn Jahre lang tagaus, tagein Mittagessen ausgegeben, Menü eins war immer am teuersten, aber auch am besten. Das Salatbüfett habe ich eingeführt, das ist die einzige berufliche Leistung, die ich mir wirklich auf die Fahne schreiben kann. Einmal täglich etwas halbwegs Gesundes. Es gab einen Wettbewerb unter den Mitarbeitern, und mein Vorschlag für das Salatbüfett hat gewonnen. Den zweiten Preis hat eine Kollegin gemacht, sie wollte, dass es am späten Nachmittag noch mal frische Semmeln geben würde. Sie war dann auch ein bisschen sauer auf mich. Vermutlich weil sie nicht selber drauf gekommen ist.

Was Allerheiligen und Allerseelen bedeuten

Vielleicht habt ihr euch gefragt, warum ich ein Auto hatte und auch zweimal im Jahr in den Urlaub fahren konnte. Dafür hätte das Geld aus dem Kantinenjob nie gereicht. Jetzt kann ich es euch ja sagen, ich muss schließlich keine Angst mehr vor euren Reaktionen haben: Nachts habe ich als Prostituierte gearbeitet. Erst alle zwei Wochen, dann immer häufiger, bis ich krank wurde fast täglich. Es war okay. Ich habe mich mit den Kunden gut verstanden, ich habe sie glücklich gemacht, zumindest für einen Moment. Und ich habe gut verdient. Von einem wurde ich schwanger. Jetzt weißt du, Tanja, woher ich deinen Vater kenne, dessen Namen ich nie erfuhr und den ich dir nie vorstellen konnte. Der Moment, als ich merkte, dass ich schwanger war, war schon ein Schock. War es verantwortungslos, dich zur Welt zu bringen?

Danach ist alles irgendwie schiefgelaufen, ich habe nicht viel dagegen tun können. Vielleicht war meine größte Schwäche, dass ich immer alles habe laufen lassen, mir zu wenig Gedanken gemacht habe über alles. Tanja, bitte glaube mir: Ich habe ein verdammt schlechtes Gewissen. Ich kann nicht sagen, wie das mit dem Trinken angefangen hat, der Rückblick tut weh, ich sehne mich nach der Zeit zurück, als noch alles gut war. Und jetzt willst du mich nicht mehr sehen, weil ich Alkoholikerin bin. Überhaupt will mich seit meiner Krebsdiagnose niemand mehr sehen, nach neunzehn Jahren in der Kantine rief ein Kollege zweimal an, sonst nichts. Ich funktioniere ja auch nicht mehr.

Mach es besser, meine Tochter, raff dich auf und lass dich nicht gehen, so wie ich es getan habe. Ich hätte dich so gerne noch um Verzeihung gebeten, es hätte mein schweres Herz erlöst. Bitte verzeihe mir – irgendwann. Dass wir uns im Himmel wiedersehen, daran glaube ich nicht. Lebt wohl.

Johanna Thalmann (53), Lungenkrebs

Hans S. hat ins Jenseits geblickt 

In Gestalt eines Engels

Manchmal denke ich, was mache ich eigentlich hier im Hospiz? Das ist kein Kuraufenthalt, und ich bin auch nicht im Krankenhaus. Ich weiß wohl, warum ich hier bin, aber ich will es noch nicht ganz wahrhaben. Dieses ständige Abschiednehmen, von allem immer Abschied nehmen. Als ich aus meiner Wohnung rausgegangen bin und mir bewusst gemacht habe, das war’s für immer, bin ich fast wahnsinnig geworden. Zu wissen, dass man nie mehr in einem Kaufhaus sein kann, nie mehr einen Restaurantbesuch machen wird, Dinge, die man geliebt hat, nie mehr sehen wird, ist sehr schwer. Vieles ist so endgültig, manches noch nicht. Wenn meine Kinder und Enkel nach einem Besuch bei mir wieder nach Hause fahren, weiß ich ja, dass sie wiederkommen. Trotzdem ist alles, was mit diesem letzten Lebensabschnitt in Verbindung steht, irgendwie mit Abschied verbunden. Und das setzt mir sehr zu.

Dann kommt noch die Jahreszeit hinzu. Ich wollte nie im Herbst oder Winter sterben. Immer im Frühling, wenn’s hell ist und grün. Vielleicht schaffe ich es ja, ich weiß es nicht, das weiß niemand. Aber jetzt dieses Graue, die Nässe, das Dunkle, das reißt mich alles noch mehr runter. Wenn in der Natur gerade gestorben wird und den Blättern die Kräfte entnommen werden, dann mit dem Vorteil, dass die Bäume und Pflanzen die Kraft brauchen, um wiederzukommen. Doch wenn meine Kräfte schwinden, frage ich mich, wo und wann komme ich wieder?

Ich möchte nicht als Ameise, Fliege oder Tier, das geschlachtet wird, wiederkommen. Das hätte dann wieder so etwas Endgültiges. Und das Wieder-gehen-Müssen möchte ich nicht mehrfach erleben, glaube ich. Ich könnte mir eher vorstellen, in der Gestalt des Engels, der auf meinem Bettschrank steht, wiederzukommen. Zunächst erhoffe ich mir, dass er mich schützt, auf- und mitnimmt, wenn ich gehe. Auf diese Weise hätte er später gewisse Teile von mir, Denkweisen und auch Gefühle. Und dieser Engel beobachtet dann vielleicht manches und darf an bestimmten Dingen teilhaben. Er kann Schönheiten der Natur erleben, mit nackten Füßen im Wasser am Strand sitzen und den Wellengang verfolgen. Diese Dinge würde ich mir rauspicken, Angenehmes, was mir im Leben Spaß gemacht hat. Meine drei Töchter und ich haben eigentlich immer Urlaube am Meer verbracht. In Dänemark, Schleswig-Holstein oder auf Rügen. Ach, alles ist so wunderschön dort. Ich liebe das Offene und Weite. Das sind Sachen, von denen ich mich nicht endgültig verabschieden möchte und die ich auch wieder erleben möchte.

Außerdem könnte ich vielleicht in der Gestalt des Engels ein paar Fähigkeiten behalten, die anderen und mir guttun. Ich hatte immer schon versucht, meine Flügel über meine Kinder auszubreiten und aufzupassen, dass ihnen nichts Böses geschieht. Als meine älteste Tochter vier Jahre alt war, hat sie innerhalb kürzester Zeit alle Haare verloren und hat auch nie wieder welche bekommen. Sie war so sehr dem Schutz ausgeliefert, jahrelang musste sie eine schwere Zeit durchmachen. Doch durch die Stärkung ihres Umfelds ist sie später genau so geworden, wie ich es mir erhofft hatte. Sie ist ein ganz tougher, mutiger Mensch geworden, hat einen Beruf erwählt, in dem sie mit Menschen zu tun hat, und vier Kinder in die Welt gesetzt. Für ihre Stärkung habe ich jahrelang gekämpft. Einfach nur mit Liebe und Vertrauen.

Dieses Zusammensein früher mit den Kindern, als sie noch klein waren, gehört zu der besten Zeit meines Lebens. Was haben wir gelacht und versucht, das Leben auch komisch zu nehmen! Wir haben so viel Spaß gehabt, das hat so viel Dunkles überdeckt.

Alles andere, was wehtat, will ich nicht mehr erleben müssen. Im Moment versuche ich auch, die Erinnerung daran zu verdrängen, sie tut mir nicht gut.

Wenn ich schon nicht aussuchen kann, wann und wodurch ich sterbe, dann möchte ich wenigstens noch zum Teil mitbestimmen dürfen, wie ich den Weg gehen will, ohne anderen allzu sehr zur Last zu fallen. Deshalb hatte ich auch von mir aus den Entschluss gefasst, ins Hospiz zu gehen. Ich hätte nicht zu Hause sitzen und sagen können, seht mal zu, was ihr jetzt mit mir macht. Es war mir auch wichtig, die Patientenverfügung zu geben. So hat alles seine Ordnung, ohne dass die anderen sich den Kopf darüber zerbrechen müssen.

Jeder dieser Schritte macht den Abschied ein bisschen leichter, man wird wenigstens einen Teil davon los, der einen beschwert. Denn wenn man sich nicht mit dem Tod auseinandersetzen würde, träfe er einen umso härter, glaube ich. Und ich war schon immer für Offenheit und Klarheit, und das, denke ich, zieht sich bei mir noch bis zum Schluss durch.

Helga Schlück (62), Brustkrebs

Bitte nicht schon jetzt

Wie soll das alles werden ohne mich – ich habe noch so viel zu tun, zu vollenden. Ich mache mir große Sorgen. Um meinen Sohn Heiko, der doch, wie er selber sagt, nie etwas aus eigenem Antrieb hinkriegt. Sondern der immer den Druck des Vaters braucht. Und um meinen jüngeren Sohn Jan, der kurz vor dem Realschulabschluss steht. Wer wird ihm beim Bewerbungsschreiben helfen für eine Ausbildungsstelle? Wer wird ihm gut zureden, dass er es schafft? Wer wird ihm sagen, dass er sich nicht entmutigen lassen soll, selbst wenn es nur Absagen hageln sollte? Wer wird ihm sagen, dass es das Wichtigste im Leben ist, an sich zu glauben? Ja, es ist das Wichtigste. Wer an sich glaubt, gibt nicht auf. Und deswegen setzt er sich auch irgendwann durch. Deswegen übersteht auch schwierige Zeiten, wer an sich glaubt. Das schreibe ich euch hiermit hinter die Ohren, Jungs.

Denn das habe ich auch immer getan. Daher verdränge ich auch meine furchtbare Angst davor, dass ich sterben werde. Vielmehr glaube ich an mich, an meinen Körper, und daran, dass ich den Krebs besiegen werde. Mental bin ich stark. Und ich war schon immer eine Kämpfernatur. Beruflich habe ich entsprechend viel geschafft – ich sollte eher sagen: geschaffen. Als Bauingenieur habe ich mich mit zwei Studienkollegen relativ früh selbstständig gemacht, und wir haben zehn Jahre lang viele große Aufträge rund um Dortmund an Land gezogen. Nur einmal bin ich über den Tisch gezogen worden, aber daraus habe ich gelernt.

Danach kamen dann nicht so erfolgreiche Jahre, der Markt lief nicht mehr so gut, und ich muss im Rückblick eingestehen, dass wir zu erfolgsverwöhnt waren. Wenn man erfolgreich ist, macht man es sich schnell gemütlich und ruht sich drauf aus. Plötzlich klingelte das Telefon nicht mehr, es kamen so gut wie keine Aufträge mehr rein. Es hat dann auch ein paar Wochen gedauert, bis ich gemerkt habe, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft eine Konkurrenzfirma angesiedelt hat, die uns preislich stark unterboten hat – bei denselben Leistungen. Ich finde es erschreckend, wie schnell eine Firma den Bach runtergehen kann, wenn man nicht ständig auf der Hut ist. So ist es ja eigentlich auch mit dem Krebs. Von heute auf morgen geht es bergab – und du merkst nichts. Ich will nicht akzeptieren, dass diese Krankheit meinen Tod bedeuten soll, so wie ich auch nicht akzeptiert habe, dass diese Konkurrenzfirma meine Erfolge zunichtemachte. Ich habe mit meinen Partnern gekämpft, und wir haben das Ruder dann auch wieder herumgerissen. Mit Gottes Hilfe.

Ich bin ein zutiefst gläubiger Mensch. Vielleicht weil ich in einem religiösen Haushalt aufgewachsen bin. Meine Eltern waren beide sehr gläubig. Heute traut man sich das ja kaum noch zu sagen: Ich glaube an Gott, und ich gehe regelmäßig in die Kirche. Sogar meine Söhne schämen sich manchmal für mich, wenn ihre Freunde aus der Schule oder aus dem Handballverein zu uns nach Hause kommen und das Kruzifix über der Küchenbank hängen sehen. Weißt du noch, Heiko, wie sauer ich wurde, als du es einmal sogar abgehängt und in der Garage versteckt hast? Es bedeutet mir unendlich viel, gerade jetzt. Nicht nur, weil es ein Erbstück aus der Familie deines Großvaters ist, sondern, weil es mich jeden Morgen demütig und dankbar aus dem Haus schickt. Auch jetzt noch, wo mir die Ärzte noch zwei Monate geben. Ich möchte das nicht glauben. Ich glaube an Gott und daran, dass er mich rettet.

Das hat er bisher immer getan. Klar, irgendwann muss ich gehen. Aber doch nicht schon jetzt. Es gibt noch so viel zu erleben und so viel zu tun. Zum Beispiel ein Baumhaus auf die große Eiche in unserem Garten bauen. Und nach China reisen. 

An meinem Grab sollt ihr über mich sagen, dass ich ein Kämpfer war, der mit Gottes Hilfe viel geschaffen hat.

Und dass ich meinen Söhnen darin ein Vorbild gewesen sein möchte. Wenn das gelingt, dann ist mein Leben erfüllt.

Aber bitte noch nicht zu Ende. Nicht schon jetzt.

Uwe Behring (59), Darmkrebs

Zum Weiterlesen

Christiane zu Salm: „Dieser Mensch war ich“, Goldmann Verlag, 17,99 Euro

Christiane zu Salm: „Dieser Mensch war ich“, Goldmann Verlag, 17,99 Euro

Rubriklistenbild: © dpa

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