Schock nach Busunglück: "Es war wie Krieg"

Siders - 30 Minuten lagen zwischen der fröhlichen Abfahrt und dem Grauen. Der Busunfall in der Schweiz hat viele Menschen traumatisiert: verletzte Kinder, Eltern, aber auch Retter.

Zwei Worte sind in Siders immer wieder zu hören: unfassbar und ungebremst. “Der Bus soll ungebremst in den Tunnel gerast sein“, sagt eine Zeitungsverkäuferin am Bahnhof, wenige hundert Meter vom Ort der Katastrophe entfernt. “Aber warum auch nicht? Da waren doch keine anderen Autos, die Straße war trocken, der Tunnel hell beleuchtet.“ Rätselraten überall.

Doch viel mehr sind die Menschen damit beschäftigt, das Unglück zu verarbeiten, das in Sekunden eine Heimfahrt nach herrlichen Skiferien in höllisches Grauen verwandelte. “Das sind Kinder im sechsten Schuljahr, die noch die ganze Zukunft vor sich hatten“, sagt der Bürgermeister von Lommel, Peter Vanvelthoven. “Und jetzt ist die Zukunft mit einem Schlag weg.“ 

Bus-Unfall auf Klassenfahrt - 28 Tote

Bus-Unfall auf Klassenfahrt: 28 Tote

Kurz vor dem Busunglück schwärmten die Schüler noch von „Superferien“, dann endete ihr Skiurlaub in einer Tragödie: 28 Menschen, darunter 22 Kinder, sind gestorben, als ihr Bus in einem Schweizer Autobahntunnel an den Bordstein schrammte und in eine Wand krachte. Im Unfallfahrzeug saßen zwei Schulklassen aus Belgien, die am Dienstag auf der Heimfahrt aus der Skiregion Val d'Anniviers waren. 24 Jungen und Mädchen erlitten laut Polizei Verletzungen. Unter ihnen sei auch ein deutsches Kind. Die Ermittler forschen weiter nach der Ursache. Angehörige und Politiker aus ganz Europa reagierten bestürzt.

Trauer um Opfer des Busunglücks bei Messe im belgischen Leuven

Trauer um Opfer des Busunglücks bei Messe in Leuven

Nur rund 30 Minuten lagen zwischen der Abfahrt vom Hotel „Du Cervin“ im Ferienort Saint-Luc im Kanton Wallis und dem Unglück gegen 21.15 Uhr im A9-Tunnel bei Siders. Dort starben außer den 22 Kindern auch ihre zwei Busfahrer und vier erwachsene Betreuer.

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Bus-Unfall auf Klassenfahrt - 28 Tote

Tunnel-Unglück: Warum raste der Bus in die Nothaltebucht?

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft könnte es verschiedene Ursachen für das Tunnel-Drama geben. Es komme ein technischer Defekt infrage. Auch eine plötzlich auftretende Krankheit des Fahrers sei möglich. „Der Reisebus war neu und gut instand gehalten, und der Fahrer war allen Erkenntnissen nach ausgeruht“, sagte Oberstaatsanwalt Olivier Elsig am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Sitten. Die Leiche des Fahrers werde untersucht.

Polizeichef: "Eine apokalyptische Tragödie"

Ersten Ermittlungen zufolge streifte der Bus den Bordstein in dem knapp 2,5 Kilometer langen Tunnel. Dann wurde er gegen die Wand einer Nothaltestelle geschleudert. „Es gibt keinen Erwachsenen an Bord des Busses, der den Unfall überlebt hätte, den wir jetzt als Zeugen befragen könnten“, sagte Kantons-Polizeichef Christian Varone, der von einer „apokalyptischen Tragödie“ sprach. Gegenverkehr gibt es in der Röhre nicht.

Unter den 24 Überlebenden ist mindestens ein deutscher Jugendlicher, sagte Varone. Von den Verletzten seien 22 identifiziert, davon 17 Belgier, 3 Niederländer, ein Pole und der Deutsche.

An der Unfallstelle bot sich ein Bild des Schreckens: Der vordere Teil des gelb-roten Reisebusses wurde bei dem Aufprall zerfetzt. Auf der Fahrbahn lagen Kleider und Gepäckstücke der Kinder, die meist um die zwölf Jahre alt waren.

Zwar waren die Kinder nach Angaben von Oberstaatsanwalt Olivier Elsig wohl angeschnallt. Sie seien aber vermutlich losgerissen worden beim Aufprall. „Der Zusammenprall war so gewaltig, dass es die Sitze aus der Verankerung gerissen hat. Aber angeschnallt oder nicht, das hätte jetzt nicht viel geändert für die Kinder, die bei dem Unfall ums Leben gekommen sind“, sagte Elsig.

Viele der Verletzten wurden mit Hubschraubern und Rettungsfahrzeugen in Krankenhäuser gebracht. Sanitäter, Polizei und Feuerwehrleute waren stundenlang im Einsatz. Die Horrorbilder der Nacht trieben manchen Helfern Tränen in die Augen. Das völlig zerstörte Buswrack wurde am Mittwoch abtransportiert und soll genau untersucht werden.

Fassungslosigkeit in der Heimat

Trauer und Fassungslosigkeit herrschten in der belgischen Heimat vieler der Passagiere: Vor den Schulen in Heverlee in der Nähe von Brüssel und in Lommel an der niederländischen Grenze spielten sich am Morgen ergreifende Szenen ab. Mitschüler und Angehörige lagen sich weinend in den Armen. Noch am Montag hatten sich die Schüler aus Lommel per Online-Reisetagebuch aus ihren „Superferien“ gemeldet. „Jawohl, liebe Daheimgebliebene, wir sind schon fast am Ende. Morgen ist schon der letzte Tag ...“

Mit einem Airbus flogen 116 Angehörige in die Schweiz. Während einige schon am Morgen einen erlösenden Anruf von ihrem Kind bekommen hatten, war für andere zunächst unklar, ob ihr Kind eines der schwersten Busunglücke in der Schweizer Geschichte überlebt hatte. Belgiens Premier Di Rupo kündigte einen nationalen Tag der Trauer an. Nach belgischen Angaben gehörten zwei weitere Busse zu dem Konvoi. Diese seien aber nicht in den Unfall verwickelt gewesen und hätten ihre Fahrt fortgesetzt.

Zahlreiche europäische Politiker sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Merkel schrieb am Mittwoch an den belgischen Ministerpräsidenten: „Ich möchte Ihnen und Ihren Landsleuten in dieser schweren Stunde die Anteilnahme der Menschen in Deutschland und mein ganz persönliches Mitgefühl ausdrücken.“

dpa

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