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Abgestürzte Boeing 737: Einen Monat nach dem Unglück sind fast alle Fragen noch offen

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Von: Sven Hauberg

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Polizisten helfen nach dem Absturz einer Boeing 737 in Südchina bei den Bergungsarbeiten.
Polizisten helfen nach dem Absturz einer Boeing 737 in Südchina bei den Bergungsarbeiten. © CNS/AFP

Vor einem Monat kamen beim Absturz einer Boeing 737 in China alle 132 Menschen an Bord ums Leben. Die Unglücksursache gibt weiter Rätsel auf.

München/Wuzhou – Was genau auf dem Video zu sehen ist, das die chinesische Staatszeitung People‘s Daily geteilt hat, ist unklar. Ist es ein Teil der Unglücksmaschine, das da mit rasanter Geschwindigkeit senkrecht zu Boden stürzt, oder ist es das Flugzeug selbst? Das Video war nur wenige Stunden nach dem Absturz einer Boeing 737 im Südwesten Chinas* aufgetaucht und wurde auch von anderen chinesischen Staatsmedien verbreitet. Was es zeigt, ist allerdings immer noch ebenso rätselhaft wie der Flugzeugabsturz selbst. Jetzt, einen Monat nach dem Unglück, sind noch immer viele Fragen offen.

Die Boeing 737-800 der Fluggesellschaft China Eastern war am 21. März in der Provinz Guangxi in ein schwer zugängliches Waldgebiet gestürzt*. Die neun Besatzungsmitglieder und 123 Passagiere, die auf dem Weg von Kunming nach Guangzhou waren, sind alle ums Leben gekommen. Eine Woche nach dem Unglück konnten die Überreste alle 132 Opfer identifiziert werden. Viele Angehörige reisten zu dem Absturzort, um sich von den Verstorbenen zu verabschieden, Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping* drückte sein Mitgefühl aus. Überlebenschancen habe keines der Opfer gehabt, glaubt die Luftfahrtexpertin Laura Frommberg. Auch sie habe die mutmaßlichen Bilder des Absturzes schockiert, sagt sie im Gespräch mit Merkur.de*.

Boeing 737 „komplett zerstört“

Unmittelbar nach der Katastrophe berichteten Dorfbewohner, die Maschine sei „komplett zerstört“ worden. Ein chinesisches Medium zitierte einen Augenzeugen mit den Worten, das Flugzeug sei „senkrecht vom Himmel gefallen“. Flugdaten zeigen, dass der Flug MU5735 in einer Höhe von 8869 Metern unterwegs war, als die Maschine plötzlich ihre Reiseflughöhe verließ und mit einer Geschwindigkeit von bis zu 570 km/h in den Sinkflug ging. Etwa 15 Sekunden vor dem Absturz gewann die Boeing demnach noch einmal etwas an Höhe, bevor sie schließlich auf dem Boden aufschlug und in Flammen aufging.

Schon am Tag des Unglücks zitierte die staatliche Zeitung Global Times einen chinesischen Experten, der den Absturz auf „ein sehr schweres technisches Versagen“ zurückführte. Laura Frommberg, Chefredakteurin des Branchenmagazins aeroTELEGRAPH, sagt, es sei noch zu früh, sich über mögliche Absturzursachen zu äußern. Zunächst müsse man abwarten, was die Auswertung der Flugschreiber ergebe.

Die erste der beiden Black Boxes, der Stimmrekorder, war kurz nach dem Absturz gefunden und später nach Washington gebracht worden. Den Flugdatenschreiber hatte man mehrere Tage danach entdeckt*. „Der Absturz ist sehr schnell passiert. Deswegen ist fraglich, ob der Stimmrekorder sehr viel hergibt“, sagt Frommberg. „Möglicherweise haben die Piloten nicht viel geredet oder es ist nicht hörbar. Stimmrekorder können manchmal Aufschluss geben, aber nicht immer. Deswegen braucht es auch noch die Daten des Flugschreibers.“

Abgestürzte Boeing 737: Flugdatenschreiber wird noch immer untersucht

Letzterer wird offenbar noch immer untersucht. Anfang April waren dazu Mitarbeiter von Boeing und dem Triebwerkshersteller CFM sowie Experten von zwei US-Flugbehörden nach China gereist. Am Mittwoch (20. April) wollte die chinesische Flugaufsichtsbehörde CAAC einen vorläufigen Bericht zu dem Unglück an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation übermitteln, der allerdings nicht veröffentlicht werden soll. „Entweder es gibt keine ganz klaren Antworten, oder man überlegt sich noch, wie man bestimmte Antworten kommunizieren möchte”, sagt Frommberg.

Dieser Bericht, der nach internationalem Luftfahrtrecht binnen 30 Tagen erstellt werden muss, dürfte Experten zufolge allerdings vor allem Sicherheitsempfehlungen beinhalten – und noch keine Antworten auf die Frage, wie es zu dem Unglück kam. Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete am Mittwoch unter Bezugnahme auf den Bericht lediglich, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Überwachungs- oder Navigationsinstrumente an Bord der Maschine ausgefallen seien.

China Eastern hatte nach dem Unglück alle seine Maschinen vom Typ Boeing 737-800 für mehrere Wochen auf dem Boden gelassen und erst ab Mitte April wieder in Dienst gestellt. Lediglich die Maschinen aus derselben Charge wie das Unglücksflugzeug werden weiter untersucht. Für Expertin Frommberg war das vorübergehende Grounding eine Vorsichtsmaßnahme, denn generell sei die Boeing 737 sehr sicher. „In den USA und in Europa wurden die Maschinen nicht am Boden gelassen“, sagt sie.

Die Unglücksmaschine war zum Zeitpunkt des Absturzes sechseinhalb Jahre alt. Der Kapitän hatte seit Anfang 2018 Maschinen vom Typ Boeing 737 geflogen, sein erster Offizier galt als einer der erfahrensten Piloten des Landes. Gerüchte, einer der beiden sei für das Unglück verantwortlich, wies Chinas Flugaufsichtsbehörde zurück.

China: Luftfahrt generell sehr sicher

Der Absturz der Boeing 737 war das schlimmste Flugzeugunglück in China seit vielen Jahren. Zuletzt hatte es im Jahr 2010 bei einem Absturz Tote gegeben: Beim Absturz einer Embraer E-190 der Henan Airlines waren damals 44 Menschen ums Leben gekommen. „Die chinesische Luftfahrt an sich ist sicher“, sagt Laura Frommberg. Das sehe man auch daran, dass sich keine chinesische Airline auf der Schwarzen Liste der EU der unsicheren Fluggesellschaften befinde.

Für Boeing allerdings könnte der Absturz weitreichende Folgen haben. Der US-Luftfahrtriese hatte zuletzt im November 2017 den Verkauf von Maschinen an chinesische Airline vermeldet. Seitdem sind laut CNN keine weiteren Bestellungen eingegangen. Und das, obwohl China laut Boeing-Analysen in den kommenden 20 Jahren Verkehrsflugzeuge im Wert von 1,5 Billionen Dollar kaufen könnte – hunderte Maschinen also, die von den aufstrebenden chinesischen Herstellern allein nicht hergestellt und geliefert werden können.

Boeing: Schwieriger chinesischer Markt

Vor allem die Abstürze zweier Maschinen vom Typ 737 Max* 2018 und 2019 hatten das Vertrauen in Boeing in China beschädigt. Die dortigen Behörden gehörten weltweit zu den ersten, die die 737 Max auf dem Boden ließen – und zu den letzten, die sie wieder für den Verkehr freigaben. Noch allerdings hat keine chinesische Fluggesellschaft die Maschinen wieder in Betrieb genommen. Auch der Handelskonflikt zwischen Peking und Washington* belastet Boeing. „Wir führen weiterhin aktive Gespräche mit unseren chinesischen Kunden über ihre Flottenplanungsbedürfnisse und drängen die Verantwortlichen in beiden Ländern, die Handelsstreitigkeiten beizulegen“, sagte Boeing-Chef Dave Calhoun im vergangenen Herbst zu Investoren.

Einige Tage nach dem Absturz von Flug MU5735 zitierte die Global Times Analysten mit der Vermutung, das Unglück könne die chinesische Luftfahrtbranche nachhaltig verändern. In den nächsten Jahren könnten viele Reisende demnach den Hochgeschwindigkeitszug anstelle des Flugzeugs nehmen. Derzeit sind es aber vor allem die Corona-Lockdowns in Städten wie Shanghai*, die den Airlines zu schaffen machen. Denn unzählige Flüge müssen abgesagt werden. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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