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Corona-Lockdown in Shanghai: Regierung ergreift immer drastischere Maßnahmen

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Von: Sven Hauberg

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Hinter Gittern: Ein Mann läuft durch eine abgesperrte Wohnanlage in Shanghai.
Hinter Gittern: Ein Mann läuft durch eine abgesperrte Wohnanlage in Shanghai. © EPA/Alex Plaveski

Ein paar Tausend Neuinfektionen jeden Tag reichen in China, um drakonische Maßnahmen im Kampf gegen Corona zu ergreifen. Vor allem in Shanghai ist die Lage der Menschen dramatisch.

München/Shanghai - Es ist die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen - durchgeführt mit den Mitteln einer Diktatur: Weil China noch immer eine Null-Covid-Politik verfolgt, versuchen die Behörden in Shanghai seit Wochen, jeden einzelnen Corona-Fall unter den etwa 25 Millionen Einwohnern der Stadt aufzuspüren. Dabei greifen sie zunehmend auf Methoden, die an dystopische Hollywood-Filme erinnern.

So verbreiteten sich seit dem Wochenende Bilder in den sozialen Netzwerken, die zeigen, wie Bewohner mit Zäunen daran gehindert werden sollen, ihre Wohnungen oder Häuser zu verlassen. Manche Anwohner berichten von verriegelten Türen, die im Falle eines Brandes eine Wohnung zur Todesfalle machen könnten. Wohnsiedlungen, die bereits abgeriegelt waren, wurden zuletzt mit zusätzlichen Zäunen voneinander getrennt. Im Internet geteilte Videos zeigen aber auch, wie Menschen die Absperrungen immer wieder durchbrechen, um ihre Wohnungen verlassen zu können.

Angespannt ist auch die Versorgungslage in den abgeriegelten Gebieten. Damit die Bewohner in den Lockdown-Gebieten von Shanghai etwas zu essen haben, erhalten sie von der Regierung Lebensmittelpakete. Ein Anwohner sagte Merkur.de, dass einzelne Lieferanten die Essenspakete mittlerweile über die Zäune und Mauern der Wohnblocks werfen - offenbar, weil sie nicht mehr in die Nähe der Bewohner gelassen werden. Die staatlich kontrollierte China Daily berichtete am Dienstag, dass sich in den Nahrungslieferungen immer wieder auch Produkte aus zweifelhaften Quellen befinden, etwa von Produzenten ohne Lizenz. Auch von „Schweinefleisch mit schwerwiegenden Qualitätsproblemen“ ist in dem Bericht die Rede. Die Behörden würden den Vorwürfen nachgehen, hieß es weiter.

Corona in Shanghai: Die Fallzahlen gehen langsam zurück

Regierungsdaten vom Dienstag zeigen, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Shanghai zum dritten Mal in Folge gesunken ist. So wurden 16.980 neue Fälle gemeldet, knapp 13 Prozent weniger als am Vortag. Seit Anfang März wurden insgesamt 522.000 Infektionen gezählt, der Großteil davon in den ersten April-Wochen. Der Lockdown hatte am 1. April begonnen und wurde erst Mitte des Monats langsam gelockert. Derzeit ist die Stadt in Bereiche mit unterschiedlichen Freiheiten geteilt - während die Menschen sich in manchen Vierteln frei bewegen können, dürfen sie in anderen noch nicht einmal ihre Wohnungen verlassen. Für Dienstag kündigte die Stadtverwaltung eine neue Runde an Massentests an, wie die South China Morning Post berichtete.

Sorgen macht den Menschen auch, nach einem positiven Corona-Test in eines der berüchtigten Quarantäne-Lager gebracht zu werden. Betroffene berichten von desolaten hygienischen Zuständen, teilweise brennt in den Lagern 24 Stunden am Tag das Licht, auch die Lebensmittelversorgung soll mangelhaft sein. Einem Bericht der BBC zufolge wurden etwa Bewohner eines Vororts im Osten der Stadt gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen, sodass diese von den Behörden desinfiziert werden konnten.

Unterdessen setzen die Behörden ihre Hoffnungen in einen neuen Impfstoff. Wie Staatsmedien berichten, erhielt am Dienstag ein neues Vazkin des Herstellers Sinopharm eine klinische Zulassung. Der Totimpfstoff soll speziell auf die Omikron-Variante abzielen. Auf dem sozialen Netzwerk Weibo wurden am selben Tag entsprechende Medienberichte nach oben gepusht - diese lösten allerdings nicht nur den von den staatlichen Zensoren erhofften Jubel aus.

Corona in Shanghai: Regierung setzt Hoffnungen in neuen Impfstoff

So wurde unter dem Hashtag „Omikron-Variante des Corona-Impfstoffs von Sinopharm erhält klinische Zulassung“ immer wieder auch Kritik an den harschen Maßnahmen in Shanghai geäußert. Andere zweifelten die Wirksamkeit und den Nutzen des Vakzins an. „Waren die ersten drei Impfungen also umsonst?“, fragt ein Nutzer. Ein anderer schreibt: „Ich habe mich immer wieder impfen lassen, und nach der ersten, zweiten und dritten Impfung gibt es eine vierte und fünfte ... Ich möchte wissen, wie viele Impfungen ich brauche, um wieder ein normales Leben führen zu können?“

Die Ausbreitung des Virus wird allerdings auch ein neuer Impfstoff nicht stoppen können. Zudem ist unklar, ob die Entwicklung immer weiterer Vakzine der Impf-Skepsis, die vor allem unter der älteren Bevölkerung Chinas verbreitet ist, etwas entgegensetzen kann. Wie die staatlich kontrollierte Global Times am Montag schrieb, waren von den am Vortag registrierten 51 Corona-Toten in Shanghai nur vier geimpft. Die Zahl der Todesfälle nahm in Shanghai zuletzt zu, wenn auch auf sehr geringem Niveau. Ein Grund dafür könnte die geringe Herdenimmunität sein, sagte ein anonym bleibender chinesischer Virologe der Global Times - eine Aussage, die als Kritik an der Null-Covid-Politik verstanden werden kann, da diese eigentlich zum Ziel hat, die Ausbreitung des Virus komplett zu stoppen.

Insgesamt sterben in China derzeit allerdings nur sehr wenige Menschen an einer Corona-Infektion. Offiziellen Angaben liegt die Todesrate unter den Infizierten bei lediglich 0,017 Prozent - verglichen mit mehr als fünf Prozent zu Beginn der Corona-Pandemie im chinesischen Wuhan. Auch die Zahl der Menschen, die mit schweren Symptomen in Behandlungen müssen, ist gering. Die Maßnahmen, die die Regierung von Shanghai derzeit ergreift, wirken angesichts dieser Zahlen umso drastischer - und sie sorgen für Panik in Peking, wo die Zahl der Omikron-Fälle zuletzt zunahm. (sh)

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