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China: Ein einziger Corona-Fall reicht, um eine Millionenstadt in Panik zu versetzen

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Von: Sven Hauberg

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Ein Freiwilliger desinfiziert ein Gebiet, während es schneit. Die nordostchinesische Metropole Changchun wurde nach mehreren Hundert Corona-Infektionen in einen Lockdown geschickt.
Ein Freiwilliger desinfiziert in Changchun ein Stadviertel. Die nordostchinesische Metropole wurde nach mehreren Hundert Corona-Infektionen in einen Lockdown geschickt. © Chinatopix/AP/dpa

Die Omikron-Variante breitet sich in China weiter aus, ganze Städte werden abgeriegelt. Das bekommt auch die Wirtschaft des Landes zu spüren.

München/Hefei – Vor wenigen Wochen waren es nur ein paar Dutzend Fälle am Tag, mittlerweile liegt die Zahl der Neuansteckungen regelmäßig im vierstelligen Bereich: In China* breitet sich das Coronavirus* seit vergangener Woche so schnell aus wie seit zwei Jahren nicht mehr. Am Montag meldeten die Behörden 2343 neue Fälle, nach 3393 Neuinfektionen vom Sonntag. Die meisten Neuinfektionen gehen inzwischen auf die sehr ansteckende Omikron-Variante zurück.

China verfolgt eine Null-Covid-Politik und reagiert auf einzelne Ausbrüche stets mit Massentests und Lockdowns*. Welche Ausmaße diese Strategie bisweilen annehmen kann, zeigt sich derzeit in der Neun-Millionen-Einwohner-Stadt Hefei in der Provinz Anhui. Auf dem sozialen Netzwerk Weibo trendete am Montag der Hashtag „Pandemie in Hefei“, nachdem dort offenbar ein einziger positiver Fall gemeldet worden war.

Am Montagnachmittag (Ortszeit) schrieb die Stadtverwaltung, man habe eine positiv getestete Person erfasst, die zwei Tage zuvor mit dem Hochgeschwindigkeitszug in Hefei angekommen sei. Offenbar mithilfe von Bewegungsdaten wurde rekonstruiert, wo sich die Person zu welcher Zeit aufhielt, welche Verkehrsmittel sie nutzte und wo sie einkaufen ging. Ein Einkaufszentrum, das die Person besucht hatte, wurde am Montag geschlossen. Die Menschen wurde aufgerufen, sich testen zu lassen, wenn sie sich mit der infizierten Person zur selben Zeit am selben Ort aufgehalten hatten.

Die Bürger der Stadt sollen Hefei nur noch in zwingenden Fällen verlassen, erklärte die zuständige Behörde in einer Mitteilung. Örtliche Behördenvertreter werden bei Corona-Ausbrüchen in ihrem Zuständigkeitsgebiet regelmäßig abgesetzt oder von den Staatsmedien geschmäht. Das erhöht den Druck auf sie, hart gegen jeden Infektionsherd vorzugehen

China: Vor allem Nordosten des Landes betroffen

Das Epizentrum der aktuellen Corona-Welle liegt allerdings weit entfernt von Hefei. Die meisten Fälle wurden zuletzt in der nordöstlichen Provinz Jilin gemeldet; allein in den beiden Metropolen Changchun (neun Millionen Einwohner) und Jilin Stadt (3,6 Millionen Einwohner) wurden am Montag mehr als 1000 Neuinfektionen gezählt. Am Freitag wurde Changchun von den Behörden in einen Lockdown geschickt. Außerdem wurden Massentests angeordnet. Zudem darf nur noch eine Person pro Haushalt alle zwei Tage für Einkäufe die Wohnung verlassen.

Changchun war die größte Stadt, die seit dem Lockdown der 13-Millionen-Metropole Xi‘an im Dezember komplett abgeriegelt wurde. Auch Teile von Jilin Stadt wurden unter einen Lockdown gestellt. Die Finanzmetropole Shanghai stemmt sich noch gegen den Lockdown* für alle fast 25 Millionen Einwohner. Nur Teile der Stadt sind abgeriegelt. Auch ordneten die Behörden Massentests in einem Stadtbezirk an. Die Behörden wiesen die Bürger an, Shanghai nur in den dringendsten Fällen zu verlassen.

China: Lokale Lockdowns mit Auswirkungen auf die Wirtschaft

Die Entscheidung ist schwierig, denn je mehr Lockdowns es gibt, umso stärker wirken sich diese auf die Wirtschaft aus. Volkswagen stoppte am Montag zum Beispiel die Produktion in drei seiner Werke im abgeriegelten Changchun, wie eine Sprecherin des Autobauers erklärte.

Auch in der südlichen Provinz Guangdong* beeinträchtigen die Corona-Maßnahmen bereits die Wirtschaft. Dort wurde ein Lockdown über die 17 Millionen Einwohner der an Hongkong grenzenden Metropole Shenzhen* und über weitere kleinere Städte verhängt. In Shenzhen stellte daraufhin der große Apple-Zulieferer Foxconn am Montag seinen Betrieb ein. Mehr als 30 weitere IT-Fabriken befinden sich laut Financial Times im Lockdown. Dabei sind die Fallzahlen in Shenzhen relativ gering: Am Montag wurden nur rund 100 Fälle gemeldet. Der Lockdown bedeutet zunächst, dass die Bewegungsfreiheit der Bürger massiv eingeschränkt wird und Busse und U-Bahnen ihren Betrieb einstellen. Außerdem sollen die Einwohner der Stadt dreimal auf das Coronavirus getestet werden.

China: Regierung hält an Null-Covid-Strategie fest

Doch trotz der Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf die Wirtschaft will die chinesische Führung an der Null-Covid-Strategie festhalten. Auf der am Freitag zu Ende gegangenen Tagung des Nationalen Volkskongresses* forderte Chinas Premierminister Li Keqiang* allerdings parallel, „Dinge wie der Impfschutz und die Entwicklung wirksamer Medikamente“ müssten verstärkt werden. Außerdem sollen erstmals Antigen-Schnelltests für zuhause eingeführt werden, was eine Lockerung der staatlichen Kontrolle mit sich bringen könnte.

Trotz der relativ geringen Fälle in Festland-China scheinen die Sorgen der Bevölkerung unterdessen zuzunehmen. Ebenfalls auf Weibo trendete am Montag der Hashtag „Long Covid“. Viele Nutzer verwiesen auf Studien zu Langzeitfolgen einer Corona-Infektion.

Die Menschen stehen bisher weitgehend hinter der strikten Politik. In den sozialen Medien machten viele Nutzer zum Beispiel die gescheiterte Corona-Politik in Shenzhens Nachbarstadt Hongkong* für den Anstieg der Fälle verantwortlich: Auf Weibo wurden Fotos geteilt, die überfüllte Strände in Hongkong zeigen, auf denen Menschen ohne Masken und Abstand die Sonne genießen. „Shenzhen macht dicht, Hongkong spinnt“, so der Untertitel der Bilder. Offiziellen Angaben zufolge wurde etwa ein Viertel der Neuinfektionen, die in Shenzhen gezählt wurden, aus Hongkong eingeschleppt.

China: Fünfte Corona-Welle hat Hongkong fest im Griff

Die Stadt mit ihren 7,4 Millionen Einwohnern erlebt derzeit die schwerste Corona-Welle seit Beginn der Pandemie*. Seit Wochen werden täglich mehrere Zehntausend Fälle gemeldet. Am Montag lag die Zahl der Neuinfektionen bei fast 27.000. Insgesamt haben sich seit Beginn der aktuellen fünften Corona-Welle mehr als 720.000 Menschen infiziert. Bis Mitte des Jahres, so Schätzungen von Kwok Kin-on, einem Professor an der School of Public Health der Chinese University of Hong Kong, könnten sich fünf Millionen Einwohner der ehemaligen britischen Kronkolonie infiziert haben.

Auch die Todesraten in Hongkong sind hoch, was Fachleute vor allem auf die niedrige Impfquote bei älteren Menschen zurückführen. Massentests wie im Rest Chinas oder ein Lockdown sind offiziellen Angaben zufolge für Hongkong derzeit nicht geplant. Allerdings schickte Peking am Montag 75 medizinische Fachkräfte in die Stadt, die in den überlasteten Krankenhäusern aushelfen sollen.

„Ich muss abwägen, was die Gesellschaft und die Öffentlichkeit akzeptieren können, und werde nicht voreilig neue Maßnahmen einführen“, sagte die Peking-treue Regierungschefin Carrie Lam. „Aber ich appelliere erneut an die Öffentlichkeit, nicht unvorsichtig zu werden. Auch wenn sich die Fallzahlen stabilisiert haben und es einen leichten Abwärtstrend gibt, ist es noch nicht an der Zeit, sich zu entspannen.“ An der Börse in Hongkong fiel der Hang Seng Index* bis Montagnachmittag (Ortszeit) um mehr als fünf Prozent. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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