Akademiker berichtet aus Wuhan

Corona spielt in China „keine Rolle mehr“ - Deutscher Professor mahnt: „Der Westen kann von Ostasien lernen“

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
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Im bevölkerungsreichsten Land der Erde scheint die Corona-Pandemie überwunden zu sein. Kann der Westen von den Chinesen im Kampf gegen das Virus lernen?

Wuhan/München - In Wuhan fing alles an: Die ersten Meldungen über Corona aus China schienen sehr, sehr weit weg. Jetzt befindet sich Europa schon in der zweiten Welle* – doch wie läuft es eigentlich in Wuhan? Ein Anruf bei Timo Balz, Professor für Fernerkundung an der Universität in Wuhan. Der Stuttgarter lebt seit mehr als zwölf Jahren in der chinesischen Metropole.

Herr Balz, wie ist die Corona-Lage in Wuhan?
Balz: Corona* ist hier eigentlich kein Thema mehr.
Wie meinen Sie das?
Balz: Das Virus ist in unserem Alltag nicht mehr präsent. Es betrifft eigentlich nur noch das Ein- und Ausreisen. Aber innerhalb des Landes sind wir zurück in der Normalität: Wir können reisen, es gibt keine Kontaktbeschränkungen, die Gastronomie und der Einzelhandel sind schon lange wieder geöffnet.
Abstand ist kein Thema?
Balz: Nein, hier werden ganz normal Partys gefeiert und auch die Clubs sind geöffnet. Wenn es schon seit Monaten keine Fälle gibt, können die Menschen auch wieder miteinander tanzen.

Corona in China: Lockdown geht im Land der Mitte anders

Das alles klingt für Deutschland schwer vorstellbar. Wie hat China das geschafft?
Balz: Hier heißt Lockdown auch wirklich Lockdown – wir waren im Frühjahr knapp 80 Tage in den Wohnungen eingesperrt, durften keinen Fuß vor die Tür setzen. Dann wurde Wuhan mit all seinen elf Millionen Einwohnern durchgetestet – das war etwa Mitte Mai. Wer positiv war, musste sofort wieder in Quarantäne. Irgendwann gab es dann keine Fälle mehr.
Gilt das für ganz China?
Balz: Vor Kurzem gab es ein paar Fälle in Kashgar. Auch da wurde die Stadt dicht gemacht und durchgetestet – und jetzt ist man wieder durch mit dem Thema. Es gab auch an internationalen Flughäfen immer wieder Fälle, aber das war kaum besorgniserregend – immerhin muss jeder, der in China landet, ohnehin sofort in Quarantäne.
Spielt die Corona-App dabei eine wichtige Rolle?
Balz: Ich würde sagen, die App spielt die kleinste Rolle. Hätten wir Fälle, wäre sie zwar sehr wirksam: Wenn meine App Rot zeigen würde, hätte man mich schon längst abgeholt und ich würde wieder in Quarantäne sitzen. Aber so weit kommt es gar nicht erst. Ich habe mir die App schon lange nicht mehr angeschaut. Die Strenge der Maßnahmen hat uns viel mehr gebracht.

Corona in China: „Haben uns in den Wohnungen sicherer gefühlt“

Haben Sie das auch während des Lockdown so gesehen?
Balz: Ja, wir haben uns in den Wohnungen einfach viel sicherer gefühlt. Damals wusste niemand, wie gefährlich die Krankheit sein kann. Natürlich hat die Isolation gegen Ende sehr genervt. Aber wir haben die Maßnahmen für richtig gehalten.
In Deutschland wurde und wird Corona oft verharmlost und mit einer Grippe verglichen. Warum hatten Sie so großen Respekt vor dem Virus?
Balz: Man hat hier von Anfang an mit einer anderen Rhetorik über Corona* gesprochen: Wir sind im Krieg gegen das Virus und im Krieg sind alle Maßnahmen erlaubt, hieß es. Ein Krieg, den wir nur gemeinsam durchstehen.
Als wir im Januar telefoniert haben, klangen Sie eigentlich ganz entspannt.
Balz: Das war ich auch. Man hat uns am Anfang nur dazu angehalten, daheim zu bleiben – meine Familie und ich sind trotzdem täglich für einen Spaziergang aus dem Haus gegangen, weil wir unseren Kindern die Bewegung und die frische Luft nicht nehmen wollten. Dann musste unser Nachbar wegen Covid-19 ins Krankenhaus. Von da an haben wir das alles sehr viel ernster genommen. Ich glaube, das Virus muss einen irgendwie persönlich treffen, damit man vorsichtiger wird.

Verfolgen Sie das Corona-Geschehen in Deutschland in unserem aktuellen News-Ticker.

Corona ist in China kein präsentes Thema mehr

Denken Sie jetzt noch im Alltag an Corona?
Balz: Nur weil ich viel deutsche Nachrichten lese. Es ist komisch, dass Corona* da weiterhin so ein präsentes Thema ist, während das Ganze bei uns schon zur Vergangenheit gehört. Aber auch hier kommt manchmal der Gedanke auf, dass Corona zurückkehren könnte.
Sind Spuren der Pandemie-Bekämpfung im Alltag geblieben?
Balz: Ja, bei unseren Kindern wird zum Beispiel über eine Kamera die Temperatur gemessen, wenn sie in die Schule gehen. Und wir tragen Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Daran haben wir uns aber alle gewöhnt, und es stört ja auch niemanden.
Spüren Sie die wirtschaftlichen Folgen?
Balz: Es sind viele Restaurants und Einzelhändler pleitegegangen. Man sieht es vor allem im Bereich der Uni, die Studenten waren ja mehr als ein halbes Jahr weg. Aber man merkt auch: Die Restaurants, die die Krise überlebt haben, sind jetzt dafür umso voller. Und die Betriebe in Wuhan haben den Lockdown wieder aufgeholt – ich denke, die meisten werden das Jahr mit einem Wachstum um null beenden.
In Deutschland spricht man von katastrophalen wirtschaftlichen Folgen. Politiker haben zugegeben: Man hätte nicht alles dichtmachen dürfen. Dabei war unser Lockdown kürzer und lockerer. Müsste China nicht viel schlimmer dran sein?
Balz: Wenn man schnell zur Normalität zurückkehrt, tut das auch der Wirtschaft gut. Ich sehe die „Hammer- und Tanz-Theorie“ (Erst drastische Maßnahmen, dann schrittweise Öffnung, Anm. d. Redaktion) sehr kritisch, weil die Corona-Krise so zu einer unendlichen Geschichte wird. Mit einem kurzen und sehr harten Einbruch konnten sich die Betriebe in Wuhan sehr viel schneller erholen.

Corona in China: „Hier gibt es keine Maskengegner-Demos“

Sollte Deutschland Ihrer Meinung nach auch in einen so harten Lockdown gehen?
Balz: Man hätte das früher machen müssen – bevor sich das Virus im ganzen Land ausbreitet. Dann hat man keine Chance mehr. Man kann ja nicht alle Städte einsperren. Immerhin muss man die ganze Bevölkerung ernähren, das ist ein hoher organisatorischer Aufwand und eine Wahnsinns-Logistik. Außerdem müssen die Leute mitmachen wollen.
Allein daran würde es in Deutschland vermutlich scheitern.
Balz: Ja, das ist in Ostasien einfacher. Hier gibt es keine Maskengegner-Demos.
Was denken Sie, wenn Sie deutsche Nachrichten lesen?
Balz: Da schüttel ich natürlich den Kopf. Man sollte im Westen von Ostasien lernen: Strenge Maßnahmen durchziehen und viel testen.
Beharren wir Ihrer Meinung nach zu sehr auf unseren Grundrechten?
Balz: Es gibt doch auch ein Grundrecht auf Gesundheit. Das ist mir in dieser Zeit wichtiger, und das liegt nicht mal an meiner eigenen Gesundheit. Ich habe es immer andersrum gesehen, habe gesagt: Ich will niemanden anstecken. Es würde mich hart treffen, wenn sich herausstellt, dass ich ein Superspreader wäre. Ich denke, man sollte sich in der Pandemie-Bekämpfung immer so verhalten, als ob man bereits krank wäre. Da müssen aber sehr viele mitmachen. Und wenn man dafür wenigstens Masken aufzieht und Abstand hält, ist viel geholfen.

Das Interview führte Kathrin Braun.

Das sind die Ergebnisse des jüngsten Corona-Gipfels* der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten.

Chinas Strategie: Ohne Rücksicht auf Privatsphäre

Zhong Nanshan ist so etwas wie der Christian Drosten Chinas. Der führende Pandemie-Forscher der Volksrepublik gab mit seinen Ratschlägen schon die Richtung vor, als sein Land vor 18 Jahren von der Lungenkrankheit Sars heimgesucht worden war. Damals sammelten die Chinesen wichtige Erfahrungen für den Kampf gegen Corona. Auch dieser Wissensvorsprung half dem Milliardenvolk, bislang besser durch die Krise zu kommen als große Teile des Westens.

Er gehe nicht davon aus, dass es in China noch einmal zu einem großflächigen Corona-Ausbruch kommen wird, zitieren chinesische Staatsmedien Zhong Nanshan dieser Tage. „Die derzeitige Lage in China ist sicher. Aber es war ein hart erkämpfter Sieg“, fasst der 84 Jahre alte Arzt die Situation in seinem Heimatland zusammen.

Tatsächlich hat die autokratische Volksrepublik seiner Bevölkerung im Kampf gegen das Coronavirus einiges zugemutet. Millionenstädte wurden zum Teil über Wochen abgeriegelt. Strikte Isolation, Massentests und eine praktisch lückenlose digitale Nachverfolgung von Fällen haben dazu geführt, dass das Milliardenvolk besser durch die Krise gekommen ist als viele andere Regionen – auch wenn dabei auf die Privatsphäre keine Rücksicht genommen wurde. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © kyodo/dpa

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