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Axel Weber, Leiter der „Responsible Gaming Abteilung“ beim staatlichen Lotterieveranstalter WestLotto, einer Stelle, die sich im staatlichen Glücksspielauftrag seit Jahren mit der Thematik Kinder- und Jugendschutz beschäftigt, sieht die Entwicklung bei Coin Master kritisch

"Coin Master" – die Einstiegsdroge zur Spielsucht?

In seinem YouTube-Kanal "NEO MAGAZIN ROYALE" setzte sich TV-Moderator und bekennender "Majestätsbeleidiger" Jan Böhmermann am 10.10.2019 aufmerksamkeitsstark mit der Gaming-App "Coin Master" auseinander und brandmarkte sie quasi als Spielsucht-Einstiegsdroge, die sich zu allem Überfluss auch noch explizit an Kinder und Jugendliche wendet.

Aber trifft diese vereinfachende Schwarz-Weiß-Darstellung wirklich zu? Oder übertreibt der Moderator ganz bewusst, um die Zuschauerzahlen wieder in die Höhe zu treiben? Als unabhängigen, aber sachkundigen Experten habe ich mir Axel Weber, Pressesprecher der Westdeutschen Lotterie GmbH & Co. OHG, mit an Bord geholt.

"Kinder und Jugendliche haben vor Spielautomaten und an Roulette-Tischen nichts zu suchen – dies geht klar und eindeutig aus den geltenden Gesetzen hervor und findet auch meine uneingeschränkte Unterstützung. Weniger eindeutig hingegen sehe ich die von Herrn Böhmermann empört und drastisch vorgetragene Klassifizierung des Games 'Coin Master' als Glücksspiel bzw. als cleveren Schachzug, den Nachwuchs schon mal möglichst früh mit dem Funktionsprinzip eines 'Einarmigen Banditen' vertraut zu machen", gibt Axel Weber zu Protokoll. Tatsächlich unterscheidet sich "Coin Master" nur durch den zentralen Einsatz einer Slot Machine vom Gros vergleichbarer Gratis-Games mit InApp-Käufen (Möglichkeit, sich durch den Erwerb von Credits Vorteile im Spielfortschritt zu erkaufen). Nach Eigeninformation des israelischen Herstellers Moon Active stellt "Coin Master" bisher die einzige Entwicklung dar, die sich aktuell am Markt befindet. Diese Aussage – und eine intensive Beschäftigung mit dem Spiel – lassen folgendes vermuten:

Blauäugigkeit trifft Insensibilität

Offensichtlich sind sowohl die Entwicklungs- als auch die Marketingabteilung bei Moon Active erstaunlich blauäugig und unsensibel bei der Entwicklung ihres ersten – und bislang einzigen – Spiels vorgegangen. Sicherlich sollte sich eine Neuschöpfung von den bereits am Markt vorhandenen Games abheben, um seine Nutzer zu finden. Axel Weber fügt hinzu: "Eine Slot Machine aber als Alleinstellungsmerkmal einzusetzen, halte ich gerade unter Berücksichtigung der ausgesprochen kindlichen Gesamtoptik für ziemlich unangemessen". Tatsächlich weist das Spiel neben der unangenehm nervigen Aufforderung, sich mit Facebook zu verbinden und neue Coins zu kaufen, kaum nennenswerte Unterscheidungsmerkmale zu anderen Games auf. Nichtsdestotrotz haben mittlerweile mehr als 50 Millionen Nutzer alleine die Android-Version aus dem Google Play Store heruntergeladen. Neben der spielkonzeptionellen Ungeschicklichkeit sehen Herr Weber und ich ebenfalls ein Versäumnis bei der Planung der Marketing-Kampagne. "Gehen Dieter Bohlen und Daniela Katzenberger noch als Fun-Testimonials ohne eindeutigen Fokus auf Kinder und Jugendliche durch, wendet sich Bianca „Bibi“ Heinicke mehr als augenscheinlich an Personen, die ihren 14. Geburtstag wohl noch vor sich haben und von Urlaub träumen", moniert der WestLotto-Pressesprecher. Zumindest hier hätte etwas mehr Sorgfalt und Sensibilität Moon Active vor der berechtigten öffentlichen Auseinandersetzung bewahren können.

Das eigentliche KO-Kriterium: InApp-Käufe

Leider tritt bei der gesamten Diskussion das Problem der InApp-Käufe als alleiniges Monetarisierungsprinzip dieser Game-Kategorie unverdient in den Hintergrund. Denn nicht der "Einarmige Bandit" verleitet nach unserer gemeinsamen Einschätzung die legalen User der Altersgruppe 16+ zum ständigen Hinterherschießen von Coins, sondern die Ungeduld und das Verlangen, endlich im Spielablauf voranzukommen. "Hier liegt meiner Meinung nach primär 'der Hase im Pfeffer'. Daher plädiere ich auch kategorisch dafür, dass Games mit InApp-Käufen Kindern, Jugendlichen und Spielsüchtigen nicht zugänglich gemacht werden dürfen. Ich stimme also Jan Böhmermann zu – allerdings aus anderen Gründen", fasst Axel Weber zusammen. Weiterhin sind meiner persönlichen Meinung nach aber immer auch die Eltern gefordert, ihre Kinder entsprechend aufzuklären und mit ihnen die negativen Aspekte eines übertriebenen Medienkonsums zu besprechen.

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