Menschen sitzen in Gruppen zusammen am Bondi Beach in Sydney.
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In Australien sind viele Menschen zur „Normalität“ zurückgekehrt. Bereits im Januar waren die Strände, wie hier am Bondi Beach in Sydney, gut gefüllt. (Archivbild)

78.000 Fans bei Sport-Event

„Misserfolg“ und „Chaos“: Verspielen zwei Corona-Vorbilder ihren Vorsprung?

  • Patrick Huljina
    vonPatrick Huljina
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Die Corona-Impfungen in Australien und Neuseeland gehen nur langsam voran. Kritiker befürchten, die Länder könnten ihren Vorsprung im Umgang mit der Pandemie einbüßen.

Canberra/Wellington - Australien und Neuseeland gelten als große Vorbilder im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Beide Länder verzeichnen kaum noch Neuinfektionen, die Todeszahlen seit Beginn der Pandemie sind im weltweiten Vergleich verschwindend gering. Die Corona-Impfkampagnen der beiden Länder laufen allerdings nur schleppend an, das führt zu Kritik. Es besteht die Sorge, dass man den Vorsprung im Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus verspielen könnte.

Corona-Vorbilder Australien und Neuseeland: Niedrige Infektions- und Todeszahlen

Am Dienstag (27. April) meldeten die Gesundheitsbehörden in Australien lediglich 23 neue Corona-Fälle - dennoch ein vergleichsweise hoher Wert, wenn man die Situation der vergangenen Wochen in Down Under betrachtet. Seit Beginn der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr haben sich in dem Land mit etwa 25,4 Millionen Einwohnern insgesamt rund 29.500 Personen mit dem Coronavirus infiziert, die Zahl der Todesopfer beträgt 910.

In Neuseeland ist die Corona-Lage noch deutlich besser. In dem Inselstaat mit rund 4,9 Millionen Einwohnern wurden bisher knapp 2600 Fälle verzeichnet, 26 Menschen sind in Verbindung mit Covid-19 gestorben. Zum Vergleich: In Deutschland wurden vom Robert-Koch-Institut (RKI) bislang mehr als 3,3 Millionen Corona-Neuinfektionen, sowie knapp 82.000 Todesfälle gemeldet.

Corona in Australien und Neuseeland: Rückkehr zur „Normalität“ - 78.000 Fans bei Sport-Event

In Australien und Neuseeland sind die Menschen bereits seit längerer Zeit weitestgehend in die „Normalität“ zurückgekehrt. Kinder dürfen in den Schulunterricht gehen, Cafés und Restaurants sind geöffnet. Sogar Konzerte und Sportveranstaltungen finden wieder vor Zuschauern statt. Während in Deutschland diskutiert wird, ob bei der Fußball-EM 2021 in München überhaupt Zuschauer zugelassen werden sollen, strömen in Australien die Menschen in die Stadien. Am vergangenen Sonntag (25. April) sahen in Melbourne mehr als 78.000 Fans das Spiel zwischen den Collingwood Magpies und den Essendon Bombers im Volkssport Aussie Rules Football - laut Medienberichten ein neuer Rekord in der Pandemie.

Am Sonntag (25. April) sahen in Melbourne mehr als 78.000 Fans das Spiel zwischen den Collingwood Magpies und den Essendon Bombers im Aussie Rules Football.

Corona in Australien und Neuseeland: Strenge Maßnahmen - Lockdowns, Quarantäne, Einreiseverbote

Beide Staaten hatten ihre Grenzen für Reisende im März 2020 geschlossen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen durften nur noch eigene Bürger und Menschen mit Wohnsitz ins Land. Ab Mitte April dieses Jahres waren erstmal seit Beginn der Corona-Pandemie wieder quarantänefreie Reisen zwischen Neuseeland und Australien möglich.

Zudem wurde ein System mit sogenannten „Quarantäne-Hotels“ eingeführt um mögliche Eintragungen des Coronavirus zu unterbinden. Falls es doch mal zu einem größeren Ausbruch gekommen ist, handelten die Behörden meist schnell und konsequent - mit Lockdowns, Tests und Kontaktnachverfolgung. Zuletzt wurde so die westaustralische Metropole Perth für drei Tage in den Lockdown geschickt. Auslöser war Medienberichten zufolge ein Mann, der nach der Rückkehr von seiner Hochzeit in Indien andere Reiserückkehrer in einem Quarantäne-Hotel angesteckt hatte. Neuseeland hatte daraufhin den Reiseverkehr aus dem betroffenen Bundesstaat Westaustralien vorübergehend eingeschränkt. Inzwischen hat Australien die Einreisen aus Indien, wo derzeit Corona-Rekordzahlen aufgestellt werden, untersagt. Neuseeland hatte bereits vor drei Wochen Einreisen aus Indien verboten.

Corona-Impfungen: Australien hinkt hinterher - „Misserfolg“ und „Chaos“

Das wohl größte Manko im Corona-Management der beiden Länder sind die schleppend anlaufenden Impfkampagnen. In Australien sind bislang etwas mehr als 1,9 Millionen Menschen geimpft. Ursprünglich war der Plan der Regierung, die gesamte Bevölkerung bis zum Ende des Jahres vollständig zu impfen. Bei der aktuellen Geschwindigkeit würde man dieses Ziel allerdings erst im August 2023 erreichen, wie das australische Nachrichtenportal ABC News berichtet.

Die australische Impfkampagne geriet insbesondere durch die seltenen Fälle von Blutgerinnseln nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin ins Stocken. Die Gesundheitsbehörden beschlossen, dass der Impfstoff Menschen unter 50 Jahren nicht mehr verabreicht werden soll. Das Problem: Astrazeneca sollte in Australien der bevorzugte Corona-Impfstoff sein. Die Behörden bestellten daraufhin mehr Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer, stehen in der Warteschlange nun aber relativ weit hinten. Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist in Australien, neben dem Astrazeneca-Vakzin, der einzig zugelassene. Einige australische Medien bezeichneten die Impfkampagne daher bereits als „Misserfolg“ und „Chaos“. Australiens Premierminister Scott Morrison zeigte sich bislang unbeeindruckt von der Kritik. Man könne von Impfkampagnen in anderen Ländern lernen.

Corona-Impfungen: Neuseeland liegt „meilenweit“ hinter Erwartungen zurück

In Neuseeland sind bislang nur rund 183.000 Menschen gegen das Coronavirus geimpft. Dort hat man sich zunächst auf die Risikogruppen fokussiert und den Impfstoff von Biontech/Pfizer verwendet. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern erklärte, man könne die Situation nicht mit anderen Ländern vergleichen. „Wir haben absolut akzeptiert, dass wir bei der Einführung nicht die ersten sein werden, weil die Situation in Neuseeland so anders ist. Unsere Leute sterben nicht“, erklärte sie gegenüber den Fernsehsender TVNZ. Sie glaube, die Bevölkerung verstehe daher, dass man etwas später dran sei und andere Länder, die stärker betroffen sind, ihre Lieferungen früher erhalten.

Oppositionspolitiker Chris Bishop kritisierte die Impfkampagne hingegen deutlich. Neuseeland liege „meilenweit“ hinter den Erwartungen zurück. Er befürchtet sogar, das Land könne seinen Vorsprung in der Corona-Pandemie einbüßen. „Die Sorge ist, dass die Optionen für Neuseeland schnell abnehmen und wir zurückbleiben werden“, erklärte er gegenüber dem Sender RNZ. Er warf der Regierung „Selbstgefälligkeit“ vor. Man riskiere durch die langsame Corona-Impfkampagne hinter anderen Ländern zurückzubleiben, die sowohl ihren Handel als auch Tourismus nach und nach öffnen könnten. (ph)

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