„Völlig unrealistisch“

No-Covid-Strategie wegen Delta gescheitert? Corona-Zahlen in Australien und Neuseeland steigen

  • Patrick Huljina
    VonPatrick Huljina
    schließen

Die Corona-Zahlen in Australien und Neuseeland steigen an. Ein Land findet die No-Covid-Strategie mittlerweile „völlig unrealistisch“, das andere will sie fortführen.

Auckland/Sydney - Sie galten lange Zeit als absolute Vorzeige-Nationen im Kampf gegen das Coronavirus: Australien und Neuseeland. Beide Länder setzten auf eine sogenannte No-Covid-Strategie. Strenge Regeln und geschlossene Außengrenzen sorgten für niedrige Infektionszahlen. In Australien wurden so seit Beginn der Pandemie lediglich 47.840 Ansteckungen gemeldet – in Neuseeland waren es sogar nur 3227 Corona-Fälle. Doch inzwischen steigen die Zahlen an.

Corona in Australien: Neuer Rekordwert – Großraum Sydney besonders betroffen

In Australien wurde am Donnerstag (26. August) erneut ein neuer Höchstwert bei den Corona-Neuinfektionen erreicht. Erstmals wurden mehr als 1000 Fälle an nur einem Tag registriert. Wie aus den Zahlen des australischen Gesundheitsministeriums hervorgeht, wurden landesweit 1109 Infektionen gemeldet. Der Großteil der Ansteckungen ist dabei auf nur einen Bundesstaat zurückzuführen: New South Wales.

Die Behörden der Region um die Metropole Sydney meldeten am Donnerstag (26. August) 1029 neue Fälle innerhalb von 24 Stunden. Trotz eines seit acht Wochen geltenden strikten Lockdowns bekommt die Region an der Ostküste die jüngste Corona-Welle nicht in den Griff. Es ist die bislang schwerste der Pandemie für Australien. Experten machen die schleppend angelaufene Impfkampagne und die Delta-Variante für die steigenden Zahlen verantwortlich.

Corona in Australien: No-Covid-Ziel durch Delta-Variante „völlig unrealistisch“

Zeitgleich kündigte die Regierungschefin des Bundesstaates New South Wales, Gladys Berejiklian, leichte Lockerungen für vollständig Geimpfte an. Ab dem 13. September dürfen sich wieder Gruppen von bis zu fünf Personen draußen treffen – allerdings nur in einem Umkreis von fünf Kilometern von ihrem Wohnsitz. Weitere Lockerungen soll es geben, sobald 70 Prozent der acht Millionen Einwohner des Bundesstaates geimpft seien, kündigte Berejiklian an. Derzeit haben erst knapp 33 Prozent der Bürger von New South Wales einen vollständigen Corona-Impfschutz.

Ein No-Covid-Ziel sei durch die Delta-Variante inzwischen „völlig unrealistisch“ geworden, erklärte Berejiklian bereits am Montag (23. August) dem Sender ABC News. Alle Staaten müssten lernen, mit dem Coronavirus zu leben. „Wir müssen unsere Denkweise anpassen“, lautete ihr Appell. Man wolle schließlich die Grenzen auch wieder für Touristen öffnen. Der australische Premierminister Scott Morrison sagte diese Woche mit Blick auf das Infektionsgeschehen in Neuseeland, es sei „einfach absurd“ zu versuchen, die Delta-Variante mit einer No-Covid-Strategie zu eliminieren.

In Australien wurde erneut ein neuer Rekordwert an Corona-Infektionen erreicht. (Symbolbild)

Corona in Neuseeland: Premierministerin will an No-Covid-Plan festhalten – trotz Kritik

Die dortige Premierministerin Jacinda Ardern will allerdings, trotz immer stärker werdenden Gegenwinds vorerst weiter an der No-Covid-Strategie festhalten. Am Donnerstag erklärte sie, Experten unterstützten ihre Einschätzung, dass auch eine Ausbreitung der Delta-Variante auf diese Weise wirksam bekämpft werden könne. „Aus ihrer Sicht ist es nicht nur möglich, sondern es bleibt die beste Strategie, und ich stimme vollkommen mit ihnen überein“, so Ardern.

Vergangene Woche war in der neuseeländischen Großstadt Auckland erstmals nach einem halben Jahr ohne Ansteckung im Land eine Corona-Infektion nachgewiesen worden. Am Donnerstag waren es 68 neue Fälle an einem Tag. Der mit der Gesundheitspolitik betraute Minister Chris Hipkins sagte dem Sender TVNZ am vergangenen Sonntag (22. August): „Das Ausmaß der Ansteckungen und die Geschwindigkeit, mit der sich das Virus verbreitet hat, hat unser System trotz aller Vorbereitungen unter Druck gesetzt.“

Die Delta-Variante sei „mit nichts zu vergleichen, womit wir es in dieser Pandemie bislang zu tun hatten“, sagte Hipkins. „Es bedeutet, dass alle unsere bisherigen Vorbereitungen weniger sinnvoll erscheinen und wirft einige ziemlich große Fragen zur Zukunft unserer langfristigen Pläne auf.“ (ph/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © Bianca De Marchi/dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare