Zahl der Corona-Infektionen hoch

„Sehr kompliziert“: Corona-Welle früher als vorhergesagt - Für Drosten gibt es jetzt nur noch eine Alternative

  • Momir Takac
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Christian Drosten fordert angesichts hoher Corona-Zahlen den Lockdown und kritisiert die Politik. Modellprojekten wie in Tübingen gibt der Virologe eine Chance - unter Bedingungen.

Berlin - In den letzten Tagen und Wochen sind die Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf ein hohes Maß geklettert. Die Sieben-Tage-Inzidenz für Deutschland stieg kontinuierlich. Am letzten Tag im März fiel sie erstmals seit Langem wieder leicht. Nach 135,2 am Dienstag lag der Wert laut dem Robert-Koch-Institut am Mittwochmorgen bei 132,3.

Ein positives Zeichen, zumal auch der R-Wert im Vergleich zum Vortag leicht sank? Eher nicht. Führende Politiker sind alarmiert. So schrieben etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein baden-württembergischer Kollege Winfried Kretschmann einen Brief an ihre Ministerpräsidenten-Kolleg:innen, in dem sie forderten, in Hotspots die Notbremse konsequent umzusetzen. Dazu stellte das RKI fest, dass sich immer mehr Kinder mit dem Coronavirus infizieren und häufiger schwer krank werden.

Virologe Drosten fordert Lockdown: „Es bleibt nur der Holzhammer“

Nun meldete sich auch Deutschlands Top-Virologe zu Wort. Christian Drosten plädierte angesichts der steigenden Corona-Zahlen für schärfere Maßnahmen. „Ich glaube, es wird nicht ohne einen neuen Lockdown gehen, um diese Dynamik, die sich jetzt ohne jeden Zweifel eingestellt hat, noch einmal zu verzögern“, sagte der Charité-Wissenschaftler im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“. Die Situation sei leider „sehr ernst und sehr kompliziert“.

Drosten kritisierte, dass nicht die gleichen Maßnahmen angewendet würden, wie in der ersten Welle. „Ich habe das Gefühl, dass wir eigentlich im Moment immer noch die gleichen Werkzeuge benutzen müssen, die wir schon in der ersten Welle benutzt haben“, sagte der Virologe. „Es bleibt nur noch der Holzhammer.“

Drosten: Dritte Corona-Welle früher eingetreten, als Modelle vorhergesagt haben

Kontakte müssten verringert werden. In Arbeitsstätten, im Privaten sowie im Erziehung- und Bildungsbereich, Drosten nahm nahezu keinen Bereich aus. „Da gibt es viele wissenschaftliche Beiträge, die jetzt auch auf Deutschland bezogen sind.“ Kritikern erteilte er eine Abfuhr. Es sei falsch zu sagen, man wisse ja noch gar nicht, wo SARS-CoV-2 übertragen wird.

Der Wissenschaftler sagte, die dritte Welle sei „leider durch die Natur“ früher eingetreten, als Modelle es vorhergesagt hätten. Zudem werde die „eindeutig krankmachendere und auch tödlichere“ britische Virusvariante B.1.1.7 noch in dieser Woche in mehr als 90 Prozent der Fälle nachgewiesen werden. „Das ist natürlich alles andere als beruhigend“, sagte Drosten. Zumindest lägen die in Brasilien und Südafrika identifizierten Varianten in Deutschland noch im Bereich von einem Prozent oder weniger.

Christian Drosten lehnt Modellprojekte wie in Tübingen nicht ab, aber ...

Modellprojekte wie in Tübingen lehnt der Forscher nicht kategorisch ab, sie sollten jedoch eine gute wissenschaftliche Begleitung haben. Bislang habe keines dieser Projekte bewiesen, dass es funktioniere, stellte Drosten klar. Menschen zu motivieren, sich testen zu lassen, sei zunächst einmal positiv.

Allerdings sollte man vorher Erfolgs- und auch Abbruchkriterien definieren. Drosten nannte etwa die Anzahl von Krankenhausaufnahmen, Todesfälle nach drei Wochen oder die Wirtschaftsleistung. Dann könne man „irgendwann in der Nachbewertung sagen: Das war erfolgreich.“ Unterdessen ist der Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca heimlich umbenannt worden. (mt)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Reuters Pool | Fabrizio Bensch

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