Corona-Inzidenz in Deutschland steigt. Experten sehen keine Chance auf Herdenimmunität.
+
Corona-Inzidenz in Deutschland steigt. Experten sehen keine Chance auf Herdenimmunität.

Lockdown wegen vierter Welle möglich

Herdenimmunität nicht mehr zu erreichen? Corona-Experte zieht bittere Schlüsse

Droht ein Lockdown im Herbst? Die Corona-Lage in Deutschland bereitet Sorgen. Pharmazie-Professors Thorsten Lehr sieht keine Chance mehr für eine Herdenimmunität.

Saarbrücken - Die Corona-Pandemie nimmt wieder an Tempo auf. Die Inzidenz steigt seit Wochen langsam, aber stetig an. Experten befürchten eine vierte Corona-Welle im Herbst.

„Das exponentielle Wachstum ist voll im Gange. Und die Zahlen werden jetzt weiter steigen“, sagte der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr der Nachrichtenagentur dpa in Saarbrücken. Das haben die jüngsten Berechnungen des „Covid-Simulators“ an der Universität des Saarlandes ergeben. Der „Covid-Simulator“ berechnet das Infektionsgeschehen in ganz Deutschland und liefert auch Prognosen für die einzelnen Bundesländer bis hin auf die Landkreise. Schon Ende Februar 2021 hatte Lehr eine düstere Prognose für die dritte Welle abgeben.

Wenn das Wachstum so weitergehe, wie derzeit, dann sei Ende September eine Inzidenz von 150 zu erwarten. „Wir würden also bis dahin ein Verzehnfachung der Inzidenz sehen. Das muss man schon als neue Welle bezeichnen“, sagt Lehr.

Herdenimmunität vor dem Aus? „Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist.“

Angesichts der aktuellen Corona-Lage sieht der Thorsten Lehr keine Chance für das Erreichen einer Herdenimmunität in Deutschland. „Ich glaube nicht, dass sie erreichbar ist.“

Dafür gebe es unter anderem viel zu wenig Impfungen und Impfbereitschaft, sagte der Experte für Corona-Prognosen. Für eine Herdenimmunität und somit eine erfolgreiche Eindämmung der Pandemie müssten 85 Prozent der Deutschen geimpft oder genesen - also immun - sein.

Aber die Zahl der Impfungen in Deutschland gehe momentan „wirklich massiv zurück“, sagte er. Vor allem die der Erstimpfungen. In Deutschland ist rund die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft.

Der niederschwellige Zugang zu Impfangeboten werde nun „ganz wichtig“ sein: „Der Berg muss auch mal zum Propheten kommen.“ Zudem müsse man auch „in Gruppen reingehen“, die noch nicht geimpft worden seien - wie die 12- bis 15-Jährigen. Zwischen 60 und 70 Prozent aller neuen Infektionen betreffen laut Lehr die 15- bis 35-Jährigen. Die ansteckendere Delta-Variante mache insgesamt fast 90 Prozent der Fälle aus. Lehr sagte, er sehe bei steigender Inzidenz eine „relativ große Gefahr, dass sich Durchbruchvarianten entwickeln könnten“.

Maskenpflicht in Deutschland aufheben?

Aber: Selbst wenn das Impftempo jetzt wieder Fahrt aufnähme, würde das wegen des zeitlichen Verzugs - also bis die Impfungen voll wirkten - derzeit nicht stark weiterhelfen. „Deshalb sollten wir vor allem zusehen, dass wir nicht sämtliche Maßnahmen lockern“, sagte der Experte. Man sollte Grundregeln und die Maskenpflicht beibehalten - und auf keinen Fall wie in Großbritannien alle Maßnahmen über Bord werden. „Die Krankenhausbelegungen sind dort bereits dramatisch gestiegen. Es wird da noch drastisch werden.“

Zahl der Covid-19-Patienten in Kliniken nimmt zu

Auch in Deutschland rechnet Lehr mit einem erneuten Anstieg der Krankenhausbelegungen mit Covid-Patienten. „Wir sehen das schon in manchen Bundesländern.“ Sicherlich gebe es eine Verschiebung zu Patienten, „die nicht ganz so schnell sterben“. Aber es bleibe dabei, dass sie wahrscheinlich einen schweren Verlauf haben werden. Und: Es werde auch unter den jüngeren Patienten mehr Todesopfer geben.

„Es geht uns darum, aufzurütteln und aufzuklären“

Es gehe nicht darum, Panik zu verbreiten, betonte der Professor. „Es geht uns darum, aufzurütteln und aufzuklären.“ Denn es liege in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. „Das ist ja keine Sintflut, die über uns kommt und an der wir nichts ändern können. Wir haben selber in der Hand, was passiert. Deswegen müssen wir schauen, dass wir diesen Sommer nicht wieder verschlafen wie den letzten Sommer.“

Pharmazie-Professor: 7-Tage-Inzidenz wichtig für Bewertung der Corona-Lage

Er sei für das Festhalten an der 7-Tage-Inzidenz als Wert für die Bewertung der Corona-Lage. Sie zeige das Infektionsgeschehen und die Viruslast in der Bevölkerung. Der Faktor der Hospitalisierung trete zeitverzögert zu den Fällen auf.

Lehr sagte, er habe bisher geglaubt, dass Deutschland ohne Lockdown durch die vierte Welle komme. „Ich bin mir inzwischen nicht sicher, ob wir nicht irgendwelche Maßnahmen brauchen.“ Es hänge auch sehr viel von der Politik ab. „Es ist Bundestagswahl im September. Ich glaube, die Bundestagswahl wird mit unschönen Inzidenzen in Kombination kommen.“ (dpa/ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

 

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare