Corona-Impfzentrum in Deutschland
+
Alles steht, keiner da: Corona-Impfzentrum in Deutschland.

Holpriger Impf-Start

Corona: Impf-Desaster nimmt weiter an Fahrt auf - Darum versagt Deutschland

  • Martina Lippl
    vonMartina Lippl
    schließen

Erlebt Deutschland ein Impf-Desaster? Nach Impfstoffmangel liegen hunderte Dosen in Kühlschränken herum. Jetzt droht das nächste Problem.

München - Tempo ist beim Impfen in der Corona-Pandemie angesagt. In Deutschland schauen viele neidisch auf andere Länder. Auf den unangefochtenen Impfweltmeister Israel und die Briten. Vom Start weg ging es in Deutschland schleppend voran. Zu knapp und zu zögerlich hatte die Europäische Union sich Impfstoff bei den Herstellern gesichert.

„Und die Auswirkungen zeigen sich jetzt im Lieferzeitplan der Dosen“, sagt US-Forscherin Andrea Taylor von der Duke-Universität in der Welt. Das Global Health Innovation Center der Duke-Universität fasst in seiner umfassenden Statistik die globale Impfstoffbestellung zusammen. Es geht darum, wer wo bestellt hat und wie viel. Länder mit hohem Einkommen waren demnach schnell in der Lage, sich Impfstoffe zu sichern.

Kanada habe beispielsweise richtig gehamstert und genug gekauft, um seine Bevölkerung gleich fünfmal zu impfen, heißt es in der Statistik. Ärmere Länder haben kaum Impfstoff um ihre gesamte Bevölkerung zu impfen. Die Entwicklungsländer müssen sich dagegen auf das Covax-Programm der Impfallianz Cavi verlassen.

Die Impfstoffmenge ist eine Sache, doch es kommt auch auf den Lieferzeitpunkt an. Israel hat sich vergleichsweise wenig Impfstoff gesichert, doch legte zeitig los. Die EU hat sich deutlich mehr als 200 Prozent gesichert, aber die Impfdosen kommen später. Das wird sich bald ändern. Allerdings schafft es Deutschland momentan trotz noch knapper Impfstoffmengen alle verfügbaren Corona-Impfdosen an die Frau oder den Mann zu bringen. Über den Corona-Impfstoff verbreiten sich Mythen.

Corona-Impfdebakel in Deutschland - Impfstoffe lagern im Kühlschrank

Ungenutzt liegt oftmals der Impfstoff von AstraZeneca in Kühlschränken. Drei Lieferungen sind schon nach Deutschland transportiert worden - insgesamt 1.452.000 Dosen, wie aus dem Impfdashboard zu erfahren ist. 238.556 sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bisher verimpft worden (Datenstand: 23. Februar 2021). Und die nächste Lieferung steht vor der Tür.  

Corona-ImpfstoffGelieferte Impfstoffmenge bisherVerimpft nach dem RKI-Impfmonitor (23. Februar)
AstraZeneca1.452.000 Dosen238.556
BioNTech/Pfizer5.740.995 Dosen3.169.936
Moderna336.000 Dosen118.802

Anfangs gab es ein totales Chaos bei der Terminvergabe. Die Corona-Impf-Hotline war zeitweise heillos überlastet. Viele Senioren scheiterten schon an einer komplizierten Online-Registrierung. Der Start verlief alles andere als glamourös. Inzwischen holt Deutschland aber kaum auf. Immer noch warten viele Impfwillige auf einen Impftermin. Die erste Prioritätsgruppe in der Impfverordnung sollte eigentlich bis zum Ende des ersten Quartals geimpft sein, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CSU) Anfang Februar. Das sind die Über-80-Jährigen, Pflegeheimbewohner, Pflegekräfte in Heimen und das Personal in Intensivstationen, Notaufnahmen sowie Rettungsdiensten. In Deutschland sind allein 3,9 Millionen Menschen über 80 Jahre. Bis Ende März ist noch Zeit.

Corona-Impfstoff - Liefermengen werden das nächste Problem

Die Kapazität der Impfzentren ist begrenzt. Es gebe einen akuten Impf-Stau, beklagen Deutschlands Kassenärzte. In den 433 Impfzentren konnten laut Meldedaten des Robert-Koch-Instituts (RKI) zuletzt rund 140.000 Impfungen pro Tag vorgenommen werden. Spahn sagte am Mittwoch im ZDF, die Länder hätten Kapazitäten von bis zu 300.000 Impfungen am Tag gemeldet. Deswegen gehe er davon aus, „dass das jetzt auch deutlich hochgefahren wird“.

Es drohen trotzdem weitere Engpässe: „Schon im März könnte die Kapazität der Impfzentren nicht mehr ausreichen, um alle verfügbaren Dosen zu verimpfen“, heißt es in einem Papier des Gesundheitsministeriums, das am 10. Februar veröffentlicht wurde. Die „Modellierung von Impfszenarien“ hat das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) im Auftrag der Regierung erstellt. Aufgrund der Impfstoff-Lieferungen seien im April pro Tag 698.000 Impfungen möglich. In den Impfzentren kann die Tageskapazität im März auf bis zu 500.000 gesteigert werden, teilt die Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit. Das ist trotzdem zu wenig.

Corona: Deutschland bis zum 1. August durchgeimpft?

Um einen Impf-Stau zu vermeiden, fordert die KBV die Politik auf, die notwendigen Rahmenbedingungen für das Impfen in Arztpraxen zu schaffen. „Sobald es genügend Impfstoffe gibt, müssen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in die nationale Impfkampagne einbezogen werden“, sagte der KBV-Chef Dr. Andreas Gassen in Berlin.

Um die verschiedenen Corona-Impfszenarien zu verdeutlichen, hat das ZI ein Online-Tool bereitgestellt. Bisher ist demnach die Kapazität in den Impfzentren nur zu fast 40 Prozent ausgelastet. Würden Arztpraxen beim Impfen beteiligt, könnten in der Woche bis zu 50.000 Impfdosen mehr verimpft werden. Das Impf-Tempo würde sich dadurch deutlich erhöhen. Bis zum 18. April wäre die Risikostufe 1 und bis zum 1. August 2021 die übrige Bevölkerung nach der ZI-Simulation durchgeimpft. Das ist ein Szenario, dass Hoffnung macht. Abzuwarten bis das Coronavirus an die Grenze seiner Mutationsfähigkeit kommt, ist auch eine Strategie. Doch schneller ein Stück Normalität in unserem Leben zu erreichen, ist die Zahl der Geimpften. (ml) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Auch interessant

Kommentare