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Falsche Zahlen auf den Intensivstationen? Forscherteam erhebt schwere Vorwürfe - Kliniken wehren sich

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Von: Raffael Scherer

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Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens in einem Schutzanzug kümmert sich um einen infizierten Patienten auf der Intensivstation
Ein Wissenschaftler vermutet, dass viele Corona-Patienten gar nicht auf der Intensivstation behandelt werden müssen (Archivbild). © Rita Franãa/dpa

Die Auslastung der Intensivstationen ist ein maßgeblicher Faktor für Entscheidungen in der Corona-Krise in Deutschland. Ein Forscherteam erhebt nun schwere Vorwürfe.

Köln - Die Corona-Pandemie hat Deutschland, trotz einer allmählichen Entspannung der Lage, weiterhin im Griff. Krankenhäuser vermeldeten bundesweit hohe Auslastungen der Intensivstationen, einen Mangel an Pflegepersonal und Dauerstress. Die Befürchtung, dass Erkrankte nicht mehr ausreichend auf den Intensivstationen aufgenommen oder behandelt werden können, standen sowohl durch Aussage der Krankenhäuser als auch durch die Warnungen der Politik immer wieder im Raum.

Doch der Medizinprofessor und Gesundheitsökonom Matthias Schrappe (66) sieht das anders. Wie die Welt berichtete, zweifelt der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates Gesundheit an den bisherigen Zahlen - und vermutet Betrug und Manipulation durch die Krankenhäuser. In einem Thesenpapier, das er und neun weitere Wissenschaftler gemeinsam am vergangenen Wochenende veröffentlichten, zeigt er Widersprüche unter den Zahlen auf, welche die Krankenhäuser im Laufe der Corona-Pandemie veröffentlichten.

Corona in deutschen Kliniken: Angst vor zu wenig Intensivbetten unbegründet?

So sei laut ihm die Befürchtung, dass die Krankenhäuser mit dem Patientenandrang, den die Pandemie mit sich brachte, nicht standhalten könnten, unnötig. Besonders im Hinblick auf die Auslastung der zur Verfügung stehenden Intensivbetten: „Die Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet“, so Schrappe.

Dies sei auch keine überraschende oder neue Erkenntnis, sondern hätte von Krankenhäusern und Politik schon länger beobachtet werden können. Denn die Regierung habe ja eine halbe Milliarde Euro in die Hand genommen, um den Aufbau zusätzlicher Intensivbettenkapazitäten zu finanzieren, so der Medizinprofessor.

Corona in deutschen Kliniken: Deutschland hat weltweit die meisten Intensivbetten

Laut der Untersuchung der Wissenschaftler, sei das Geld jedoch nicht verwendet worden, um diese Aufstockung in die Tat umzusetzen. Außerdem sei oftmals das nötige Pflegepersonal für diese Aufstockung gar nicht vorhanden gewesen, obwohl der Aufbau von mehr Intensivstationsbetten von den Krankenhäusern beantragt wurde.

„Auch auf den Höhepunkten aller drei Wellen waren nie mehr als 25 Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt“, so Schrappe. Gleichzeitig stehe Deutschland weltweit an der Spitze, was die Anzahl an Intensivbetten angehe. Der Wissenschaftler erklärte: „Wir haben die längste Liegedauer, die höchste Krankenhausdichte, die höchste Zahl von Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, wir haben mehr als dreimal mehr Intensivbetten als Frankreich mit 7000 Betten.“ Außerdem habe Deutschland weitere 11.000 Betten für den Notfall in der Reserve, die niemals zum Einsatz gekommen seien.

Corona in deutschen Kliniken: Trotz Fördergeldern keine neuen Intensivbetten

Dennoch seien die Gelder für diese Reserven geflossen. 50.000 Euro pro Intensivbett sei bis zum vergangenen Jahresende beantragt und abgerufen worden. „Auffällig ist, dass diese Betten plötzlich im Oktober von einem Tag auf den anderen vorhanden waren, in den Zahlen gibt es dort eine Stufe“, erklärt er weiter. Er vermutet, dass diese Betten unbenutzt und originalverpackt in den Krankenhäusern liegen und niemals zum Einsatz kommen.

Den Mangel an Pflegern als Grund für die nicht verwendeten Betten, sieht er in der Statistik nicht. Im Jahr 2020 seien bis Oktober laut der Bundesagentur für Arbeit 43.000 Pflegekräfte hinzugekommen: „Irgendwo müssen die ja gelandet sein“, so Schrappe. Krankenhäuser ließen währenddessen verlauten, dass hausintern keine Gelder für mehr Personal zur Verfügung gestanden hätten.

Corona in deutschen Kliniken: Schrappe stellt Einsatz der Fördermittel infrage

Darum fragt sich der Medizinprofessor, was mit den geflossenen Fördermitteln im vergangenen Jahr denn sonst geschah: „Insgesamt handelt es sich um mehr als zehn Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die gesamte Krankenhausversorgung in Deutschland kostet jährlich etwa 70 Milliarden Euro“, so Schrappe.

Er stimme zwar voll und ganz zu, dass die Ärzte und das Pflegepersonal im Akkord arbeiten würden. Genauso sei ihm bewusst, dass die Pandemie den Krankenhäusern extreme Stress-Situationen aufbürde: „Es kam zu Engpässen, zu Ballungen in einigen Kliniken, weil die Covid-Patienten nicht gleichmäßig verteilt worden waren über die Krankenhäuser“, weiß Schrappe. Dennoch sei die Angst, dass am Coronavirus-Erkrankte aufgrund überfüllter Intensivstationen ohne ausreichende Behandlung sterben müssten, unbegründet gewesen.

Corona in deutschen Kliniken: Patienten ohne Grund auf Intensivstationen?

Laut ihm sei es eher andersherum gewesen: Viele Patienten seien auf die Intensivstation gelegt worden, ohne dass es zwingend nötig gewesen wäre. Für diese Behauptung verglich er die Menge an Intensivpatienten während der Pandemie mit den Corona-Zahlen in anderen Ländern Europas.

So wurden Ende April 2021 in Deutschland über 60 Prozent der am Coronavirus Erkrankten in den Krankenhäusern auf der Intensivstation behandelt. In der Schweiz dagegen nur 25 Prozent und in Italien bloß 11 Prozent. Bei dieser Auslastung sei Deutschland ebenfalls weltweit führend.

Corona in deutschen Kliniken: Wissenschaftler vermuten Subventionsbetrug

Dieser Umstand lasse ihn vermuten, dass Krankenhäuser sich an Gewinnmaximierung versucht haben könnten. Gemäß dem Umstand, dass ein Intensivbett mehr Erlös als ein Normalbett bringe. Oder aber die Kliniken legen die Patienten ohne zwingende Notwendigkeit gleich auf die Intensivstation, weil es logistisch einfacher sein könnte.

„Die Zahlen sind auffällig, und sie werfen Fragen auf“, sagt der Wissenschaftler. Er zweifle daher daran, dass die vorhandenen Ressourcen an den richtigen Stellen bestmöglich eingesetzt würden. Es würden seltsame Dinge in den Krankenhäusern geschehen, so Schrappe. „Es gibt sogar einzelne Tage, an denen offiziell mehr Patienten auf Intensivstation lagen, als überhaupt hospitalisiert waren“, so Schrappes Behauptung.

Corona in deutschen Kliniken: Deutsche Krankenhausgesellschaft weist Anschuldigungen klar zurück

Die Befürchtung, die Krankenhäuser wären überfüllt, sei daher nicht gerechtfertigt gewesen. Zusätzlich meint Schrapper, dass die Zahl an Intensivbetten im Nachhinein herunterkorrigiert worden sei. So seien im vergangenen Jahr bis zu 34.000 Intensivbetten zu Höchstzeiten verzeichnet gewesen, nun fänden sich in den gemeldeten Zahlen nur noch etwa 30.000 wieder. Dies sei „anrüchig“, da die gemeldeten Zahlen mit der Betten-Finanzierung durch die Politik laut der Krankenhausbedarfspläne zusammenhingen.

Diese Anschuldigungen wies der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerhard Gaß unserer Zeitung gegenüber klar zurück: „Die Sorge zu Beginn der Pandemie, die Intensivkapazitäten könnten knapp werden, war begründet“, sagt er und verweist auf die Situation im März 2020 in Italien, wo die Bedrohung real gewesen sei. Auch der Umstand, dass mehr Intensivbetten angeschafft wurden, als dann wirklich benötigt wurden, sei gerechtfertigt, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Das Verlegen auf die Intensivstationen habe den Grund, dass dort alle schwerkranken Patienten adäquat behandelt werden konnten.

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