1. Startseite
  2. Welt

Beispiellose Corona-Langzeitstudie aus Deutschland bringt wichtige Erkenntnis zu Dunkelziffer und Reise-Folgen

Erstellt:

Von: Raffael Scherer

Kommentare

Ein Schild weist zu einem Corona-Schnelltest-Zentrum
Dank der Corona-Schnelltests ist die Dunkelziffer an Infizierten drastisch gesunken (Symbolbild). © Peter Kneffel/dpa

Eine Neurologin hat in Lübeck eine Corona-Langzeitstudie durchgeführt. Dabei fand sie unter anderem wichtige Informationen zur Entwicklung der Dunkelziffer heraus.

Lübeck - Die Neurologin Christine Klein hat sich in einer Langzeitstudie mit 3000 Personen in Lübeck beschäftigt. Dabei wertete die Professorin der Universität Lübeck laut ntv aus, wie sich die Infektionen mit dem Coronavirus vom März 2020 bis zum Februar 2021 entwickelten. Für die Ergebnisse überprüfte sie von 3000 Lübeckern insgesamt rund 20.000 PCR- und Antikörpertests. Außerdem ließ sie die Betroffenen etwa 100.000 Fragebögen auf ihren Smartphones beantworten.

Dabei stellte sie allem voran fest, dass Lübeck „weit, weit weg von der Herdenimmunität“ ist. Denn in dem verfolgten Zeitraum hätten sich gerade einmal 3,5 Prozent der Lübecker:innen mit dem Coronavirus infiziert.

Corona-Langzeitstudie in Lübeck: Dunkelziffer zu Beginn der Pandemie bei 90 Prozent

Des Weiteren fand sie heraus, dass sich gerade zu Beginn der Pandemie sehr viele Menschen ansteckten, ohne es zu bemerken: „Zu Anfang war es so, dass 90 Prozent all derer, die sich tatsächlich infiziert hatten, das nicht wussten“ sagt sie. Die Dunkelziffer an Infizierten sei dementsprechend hoch gewesen.

Sie stellte allerdings auch fest, dass die Anzahl an unwissentlich infizierter Personen, also Menschen mit fast keinen Corona-Symptomen, im Laufe des Jahres immer geringer wurde. Im Februar 2021 habe die Dunkelziffer statt bei den anfänglichen 90 Prozent nur noch bei 30 Prozent gelegen. Den Grund für das Sinken sieht sie in den vielen Testmöglichkeiten, die sich im Laufe des Jahres aufgetan haben. Doch bei dem Ergebnis von 30 Prozent sei immer noch zu bedenken, dass im Durchschnitt etwa jeder Dritte weiterhin nicht wisse, dass er infiziert sei.

Corona-Langzeitstudie: Öffentliche Verkehrsmittel, Schulkinder und Touristen keine Infektionsherde

Klein verwies auch auf den Sommer 2020, der rein statistisch sehr niedrige Inzidenzzahlen aufwies. Durch die Erkenntnis der 90 prozentigen Dunkelziffer, seien die tatsächlichen Infektionszahlen der ersten Welle wahrscheinlich bei Weitem nicht so niedrig gewesen, wie sie erschienen: „Da wurde die tatsächliche Infektionsrate deutlich unterschätzt“, sagte Klein.

Die Neurologin sah sich für die Studie auch an, in welchen Bereichen die höchsten Ansteckungsgefahren herrschten. So sei selbstverständlich der Kontakt zu einer Infizierten Person der häufigste Auslöser für eine Infektion gewesen. „Umgekehrt war aber überraschend, dass Dinge wie die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Kinder in der Schule, Tourismus über die gesamten Sommermonate keinen Einfluss auf das Infektions-Geschehen hatten“, so die Neurologin. Dabei müsse jedoch beachtet werden, dass die Werte damals „wirklich sehr niedrig“ waren und trotzdem die gängigen Hygienemaßnahmen berücksichtigt wurden.

Corona-Langzeitstudie: „Wir müssen einfach weiter auf der Hut bleiben“

Laut Klein seien die jetzigen Öffnungsschritte beim Weg aus dem Lockdown, gekoppelt an die Sieben-Tage-Inzidenz, nachvollziehbar und vertretbar. Vor allem, da mittlerweile mehr Test-Möglichkeiten bestünden und es mehr Chancen auf Nachverfolgung, wie etwa die Luca-App gebe, als noch vor einem Jahr. Doch ein Ende der Pandemie bedeute das trotzdem nicht. „Wir müssen einfach auf der Hut bleiben“, so Klein.

Die Neurologin untersuchte in ihrer Langzeitstudie zudem die Menge an Antikörpern nach einer Erkrankung. So stellte sie fest, dass fast alle Genesenen bis zum Ende der Studie eine gewisse Anzahl an Antikörpern aufwiesen, diese jedoch bei fast allen über die Zeit hinweg abnahm.

Corona-Langzeitstudie: Geimpfte haben mehr Antikörper im Blut als Genesene

Bei den gegen Corona-Geimpften, die ab 2021 dazukamen, fand Klein heraus: „Da haben wir zwar keinen Langzeitverlauf, aber sie haben insgesamt höhere Antikörpertiter als die, die eine natürliche Infektion durchgemacht haben.“ Es müsse aber beachtet werden, dass eine direkte Korrelation zwischen Infektionsschutz und Anzahl an Antikörpern bisher nicht bewiesen sei. Dafür brauche es weitere Studien.

Da sich diese Langzeitstudie nur konkret auf Lübeck beziehe, warnte Klein vor falschen, bundesweiten Rückschlüssen. „Man muss da vorsichtig sein mit ganz allgemeinem Hochrechnen“, sagte sie. Jedoch habe sich in der Studie gezeigt, dass während den Zeiten, in denen die Inzidenzen niedrig waren, im untersuchten Gebiet keine Gefahr und kein höheres Infektionsgeschehen geherrscht haben. Das sei auch nicht durch die hohe Mobilität in ganz Schleswig-Holstein beeinflusst worden. „Also, die höchste Mobilität im Bereich Tourismus, viel höher auch als in Bayern. Hier war richtig was los, hier waren viele Leute unterwegs“, erklärte Klein. Dank der niedrigen Inzidenz und den Vorsichtsmaßnahmen, habe es dennoch geklappt. „Das, so hoffen wir zumindest, ist bundesweit auch möglich, aber eben auch nur unter solchen Bedingungen“, sagte sie abschließend.

Auch interessant

Kommentare