Droht Dauer-Lockdown?

Virologin Brinkmann und No-Covid-Verfechter warnen: „Impfabdeckung von 60 bis 70 Prozent stoppt Pandemie nicht mehr“

  • Patrick Huljina
    vonPatrick Huljina
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Deutschland befindet sich mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie. Die Virologin Melanie Brinkmann und weitere Experten fordern die Umsetzung von konkreten Maßnahmen.

Braunschweig - „Wir werden nicht müde, auf einen besseren Weg aus der Pandemie hinzuweisen. Resignieren ist nicht. Wir müssen den Blick gemeinsam nach vorne richten“, schrieb die Virologin Melanie Brinkmann am Montag (12. April) auf Twitter. Sie teilte dazu einen Gastbeitrag, den sie gemeinsam mit fünf weiteren Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen, die die No-Covid-Strategie entworfen haben, für die Online-Ausgabe der Zeit verfasst hat.

Brinkmann, die Professorin für Virologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig ist, und ihre Mitautor:innen weisen darin auf die bisherigen Versäumnisse im Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland hin. Zudem erklären die Experten, welche Maßnahmen sie für eine erfolgreiche Pandemie-Bekämpfung als nötig erachten.

Corona in Deutschland: Virologin Brinkmann und Co. fordern „proaktiven Umgang“ mit der Krise

Das Aushebeln der Corona-Notbremse, Öffnungsschritte trotz zahlreicher Warnungen vor der Ausbreitung der britischen Virus-Variante B.1.1.7 und trotz steigender Inzidenzen - „Mit diesem Mosaik aus faulen Kompromissen hat uns die Politik in eine neue Pandemiewelle gesteuert“, so lautet die deutliche Kritik von Brinkmann und Co. an den Entscheidungen von Bund und Ländern der vergangenen Wochen.

Trotz deutlicher Reduktion von Kontakten, monatelanger Schließung der Gastronomie und mancherorts geltender Ausgangsbeschränkungen, steigt die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland derzeit und auch die Intensivstationen füllen sich wieder mit Covid-Patienten. „Was es jetzt dringend bräuchte, wäre ein proaktiver Umgang mit der Krise und ein strategisches Ziel, das Deutschland bei der Pandemie-Bekämpfung in den kommenden Monaten verfolgt“, fordern Brinkmann und Co.

Corona in Deutschland: Experten nennen dauerhaft niedrige Inzidenz als Ziel

Das Ziel sollte demnach eine dauerhaft niedrige Inzidenz sein. Denn: durch die Ausbreitung der ansteckenderen Virus-Variante B.1.1.7 sei die Schwelle für eine Herdenimmunität angestiegen. „Eine Impfabdeckung von 60 bis 70 Prozent, wie ursprünglich geschätzt, wird nicht ausreichen, um die Dynamik dieser neuen Pandemie zu stoppen“, erklären die Corona-Experten. Man wisse zudem nicht, welche Mutationen des Coronavirus noch auftauchen. Diese könnten möglicherweise resistent gegen die Corona-Impfungen sein. „Nur gezieltes und vorausschauendes Handeln, das die Virusverbreitung drastisch einschränkt, kann solche bösen Überraschungen vermeiden“, stellen Brinkmann und Co. klar.

Statt abzuwarten und auf eine Beschleunigung des Impftempos zu hoffen, sollte die Politik „versuchen, die Infektionen mit einem Bündel von Maßnahmen gezielt unter Kontrolle zu bringen“, fordern die Autoren weiter. Brinkmann und Co. nennen fünf Schritte, die Deutschland beim Weg aus der Pandemie helfen sollen.

Corona in Deutschland: Fünf Schritte für den Weg aus der Pandemie

  • Schritt 1: „Großflächige Public-Health-Screenings“ - Alle Menschen sollen in mehreren bundesweiten Test-Wochen aufgefordert werden, sich im Abstand von zwei bis drei Tagen selbst zu testen, oder in Testzentren mit PCR-Tests testen zu lassen. In Hotspots sollen demnach mobile Teams die Bevölkerung durchtesten. Dadurch ließen sich Inzidenzen effektiv senken, erklären die Experten.
  • Schritt 2: Schulen, Kitas und Betriebe sollen bei der Entwicklung und Umsetzung individueller Testsysteme unterstützt werden. Eine Kopplung von Test- und Präsenzpflicht sei dabei besonders wichtig. Zudem fordern die Autoren: „Alle Personen, darunter insbesondere unvermeidbare Pendler, müssen dauerhaft Zugang zu mindestens drei Schnelltests pro Woche bekommen – je nach Infektionslage auch noch häufiger.“
  • Schritt 3: Brinkmann und Co. fordern das Gesundheitsministerium dazu auf, eine mehrwöchige Aufklärungskampagne zu Corona-Tests zu starten. Dadurch soll die Bevölkerung informiert und motiviert werden.
  • Schritt 4: Die Autoren sprechen sich zudem für neue Einreiseregelungen aus. „Einreisende nach Deutschland müssten vor ihrer Abreise einen PCR-Test machen lassen, nach ihrer Ankunft in Deutschland sofort in Quarantäne gehen und sich nach fünf Tagen erneut testen lassen“, so der Vorschlag der Experten. Ausnahmen sollten demnach nur für Berufspendler, Lieferanten und in Härtefällen gelten.
  • Schritt 5: „Damit das Testen seine Wirkung entfalten kann, müssen die arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen wie Lohnfortzahlung und Arbeitsplatzsicherheit so verändert werden, dass sich positiv getestete Personen und ihre Kontakte umgehend selbst isolieren können“, schreiben Brinkmann und Co. weiter. Zudem schlagen sie eine „Quarantänebegleitung“ zur psychologischen Unterstützung vor. Darüber hinaus fordern die Experten „Quarantänehotels“, um eine sichere Isolation von Menschen in beengten Wohnverhältnissen garantieren zu können.

„Damit dieser Lockdown der letzte ist, sind noch weitere Maßnahmen nötig“, heißt es in dem Gastbeitrag in der Zeit weiter. In der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ erklärte Brinkmann zuletzt, dass mit der aktuellen Strategie ein Dauer-Lockdown drohe. Neben der Ausweitung der Corona-Tests sei eine verbesserte Digitalisierung der Kontaktnachverfolgung und der Quarantäneanordnungen durch die Gesundheitsämter notwendig.

Corona in Deutschland: Digitalisierung der Gesundheitsämter - Brinkmann und Co. fordern Inzidenz unter 10

Die Autoren der No-Covid-Strategie sprechen sich zudem dafür aus, den richtigen Moment für ein Lockdown-Ende zu bestimmen. „Anders als bisher, sollte dieser nicht an politisch opportunen Terminen ausgerichtet sein, sondern an der Datenlage und einer nachvollziehbaren Strategie“, so die Forderung von Brinkmann und den weiteren Experten. Im Voraus formulierte Ziel-Inzidenzwerte seien demnach wichtig, um dem öffentlichen Druck nach Öffnungen standzuhalten. Laut der No-Covid-Strategie sind Öffnungen für Kreise mit einer 7-Tage-Inzidenz unter dem Wert 10 vorgesehen.

„Grundsätzlich sollten Öffnungsschritte erst dann erfolgen, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, die Niedriginzidenz auch dauerhaft zu halten“, erklären Brinkmann und Co. weiter. Zu frühe Lockerungen führen demnach nur in den nächsten Lockdown, das hätten die vergangenen Monate eindrücklich gezeigt. Der Staat sei nun in der Pflicht, den Bürger:innen klarzumachen, wozu ihre neuen Anstrengungen dienen. Nur so könne man, trotz des wachsenden Misstrauens, auf die Unterstützung der Bevölkerung zählen. (ph) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Jens Schicke/imago-images

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