Lockdown ist nicht alles

Virologe Streeck rechnet mit Deutschlands Corona-Strategie ab - Warnung vor vierter Welle

  • VonJulia Schöneseiffen
    schließen

In einer Rede kritisiert der Virologe Hendrik Streeck den Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland. Er fordert erneut mehr Pragmatismus und dass Menschen lernen müssten, mit dem Virus zu leben.

Weimar - Lockdown, Abstandsregeln, Maskenpflicht - die Corona-Pandemie begleitet die Menschen seit über einem Jahr. Seitdem spielen Virologen in den öffentlichen Medien eine größere Rolle denn je. Einer von ihnen ist der Bonner Virologe Hendrik Streeck. Dieser hielt am Pfingstsonntag eine Rede im Nationaltheater Weimar und rechnete darin mit der deutschen Corona-Strategie ab. In der auf welt.de verschriftlichten Rede kritisiert der Virologe den Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Maßnahmen findet der Virologe grundsätzlich sinnvoll, doch die Ausführung sei problematisch. Laut Streeck befindet sich Deutschland seit anderthalb Jahren in einem ständigen Lockdown. Die verschiedenen Begriffe wie „Bundesnotbremse“ oder „harter Lockdown“ beschreiben alle denselben Zustand, so Streeck. Damit werde die Gesellschaft lahmgelegt und es werden „schwerwiegende Belastungen für die Gesellschaft“ in Kauf genommen. Dabei sieht er andere Wege, mit denen die Regierung der Pandemie begegnen könnte.

War dieser Weg, der gebetsmühlenartig wiederholt „Wir bleiben zu Hause“, der einzige Weg? Ich wage zu behaupten: Nein.

Virologe Hendrik Streeck

Corona-Krise: Streeck fordert Pragmatismus zur Bekämpfung des Virus

Streeck habe in seiner beruflichen Laufbahn schon einige Krisen miterlebt und daraus gelernt, „dass Krisen am besten im Team gelöst werden. Und vor allem mit einem kühlen Kopf.“ Man müsse pragmatische Lösungen suchen, „fernab der Angst und der Panik“. Pragmatismus sei im vergangenen Jahr aber eher die Ausnahme als die Regel gewesen, soll der Virologe in seiner Rede angeprangert haben. Neben dem fehlenden Pragmatismus sieht Streeck das Problem, dass das Virus „politisch“ geworden sei. Dies habe sich gleich zu Beginn der Pandemie in den verschiedensten Infektionsbezeichnungen gezeigt, beispielsweise dem Begriff „China-Virus“.

Streecks Kritik: Politisierung des Coronavirus

Die Politisierung des Virus zeige sich aber auch an anderer Stelle: an den „willkürlichen“ Inzidenzwerten. Neben der Willkürlichkeit der Inzidenzwerte kritisiert Streeck die willkürlichen Entscheidungen, „die in einem Bundesland anders als im nächsten getroffen werden“.

Diese Politisierung des Coronavirus führe zu einer Spaltung der Gesellschaft: „Auf der einen Seite diejenigen, die gefühlt alles dichtmachen wollten. Und auf der anderen Seite solche, die das Virus nicht ernst nehmen wollten.“ Dabei könne es nur gemeinsam gelingen, die Pandemie zu bewältigen. Zudem sieht Streeck, dass beide Seiten wichtige Argumente vorbringen. Diese seien aber nicht gehört worden, obwohl dadurch womöglich bessere Lösungen gefunden werden könnten. „Es wurde versäumt, in dieser Lage das Für und Wider abzuwägen“.

Wissenschaftliche Debatte? Laut Virologe Streeck Fehlanzeige

Wie der Virologe behauptet, wurde es versäumt „Mittelwege zu finden und daraus vorsichtigen Pragmatismus wachsen zu lassen“. Fraglich seien zudem die regelmäßigen Treffen der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin, bei denen es zu Wettrennen zwischen einzelner Politiker kam.

Zudem sei es unangebracht, die dann getroffenen Entscheidungen mit dem Satz „Die Wissenschaft sagt uns ...“ zu begründen. Denn Wissenschaft lebe „vom Diskurs, vom Beweisen und Falsifizieren“. Folglich ist die Debatte für Streeck notwendig, um bestmögliche Entscheidungen treffen zu können. Doch der wissenschaftliche Diskurs fehle im Umgang mit der Corona-Krise.

Anstatt besonnen zu agieren, auch mal den kontroversen Diskurs von Wissenschaftlern zuzulassen, um zum bestmöglichen, abgewogenen Ergebnis zu kommen, wurde ein Flickenteppich von Regeln erlassen, dessen Fragmentierung über die Länder hinweg seinesgleichen sucht.

Virologe Hendrik Streeck

Streeck: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben“ - kommt nächste Corona-Welle im Herbst?

Neben der Kritik an der Politisierung des Virus‘, plädiert der Virologe, „dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben“. Es sei an der Zeit, „Maßnahmen auszuprobieren und zu testen, die ein normales Leben wieder ermöglichen“. Dafür müsse beispielsweise nachgewiesen werden, „ob bestimmte Bereiche unter bestimmten Bedingungen zu einem erhöhten Infektionsrisiko führen.“ Sollte dies nicht der Fall sein, „sollten diese Bereiche aufbleiben“. Der Lockdown sollte das letzte Mittel sein und nicht das alleinige Mittel gegen die Pandemie, so Streeck. Dafür „brauchen wir nicht nur Pragmatismus, sondern auch Mut und Kreativität. Angst ist in einer Pandemie der schlechteste Ratgeber“.

Zum Leben mit dem Virus zähle auch, zu begreifen, dass das Virus nicht einfach verschwindet, auch wenn die aktuellen Corona-Zahlen sinken. Im Herbst und Winter ist ein Anstieg der Infektionszahlen wahrscheinlich. Im letzten Sommer wurde verpasst, „Strukturen zu schaffen und Maßnahmen auszuprobieren“. Dies sollte in diesem Jahr gemacht werden, „um ein Leben mit Corona zu ermöglichen“, erklärt Streeck. „Wir müssen jetzt besser, intensiver, zielorientierter als im letzten Sommer arbeiten. Sich jetzt auszuruhen, als wäre die Pandemie vorbei, ist ebenso falsch, wie einfach so wie bisher weiterzumachen.“

Nachholbedarf im Pflegebereich und Pandemiemanagement

Für den Virologen sollten Inzidenzzahlen nicht mehr als alleiniges Maß der Pandemie und des Infektionsgeschehens gelten. Viel mehr sei „der Anteil der Corona-Patienten an stationärer und intensivmedizinischer Belegung“ wichtig. Auch die Statistikerin Katharina Schüller kritisiert die Fokussierung auf die Inzidenz in der Corona-Pandemie. Die Corona-Krise habe erneut aufgezeigt, dass es ein Problem im Pflegebereich gibt, so der Virologe. Daher müsse „endlich nachhaltig in die Pflegeberufe investiert“ werden. Bereits vor der Pandemie bestanden Notstände, die auch jetzt nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

„Zu einem guten Pandemiemanagement gehört aber auch eine gute Pandemieplanung und vor allem Pandemiekommunikation“, betont Streeck laut Welt-Artikel. Beispielsweise könnte dies in einem nationalen Pandemierat verwirklicht werden. Wichtig sei dabei die Einbindung von Soziologen und Psychologen, ebenso wie Wirtschaftsweisen und Juristen. Laut Streeck fehle es „an einer Stimme, die nach der Diskussion (und nicht vorher) einen Konsens vorträgt.“ Zu viele Stimmen würden die Bürger verwirren und verunsichern.

„Es ist an der Zeit, dass Wissenschaftler, Politiker, Menschen wie Sie und ich die Gräben überwinden, die diese Pandemie gerissen hat - und dass wir als eine Einheit vorwärtsblicken und die kommenden Monate und Jahre gemeinsam gestalten.“ (jsch)

Der Inzidenzwert sinkt bundesweit, die Außengastronomie darf wieder öffnen. Virologe Streeck sprach bei Markus Lanz* nun sogar über weitere Öffnungen, wie 24Hamburg berichtet.. *24Hamburg.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg/dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare