Andere Strategie = höhere Fallzahlen?

Corona-Vergleich mit Österreich, Frankreich und Italien: Droht Deutschland bald das nächste Desaster?

  • Andreas Schmid
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Welche Strategie zur Eindämmung des Coronavirus ist die richtige? Lockdown oder Lockerungen? Der Europa-Vergleich zeigt: Deutschland sollte gewarnt sein.

Berlin - In der Vergangenheit orientierte sich die deutsche Politik hinsichtlich ihrer Corona-Maßnahmen immer wieder an den Entwicklungen in anderen Ländern. Wenn die Fallzahlen in Nachbarstaaten steigen, gilt dies als Indiz dafür, dass es auch in Deutschland bald mehr Corona-Fälle geben könnte. Droht der Bundesrepublik also eine Verschärfung der Maßnahmen?

Corona: Nächster Bund-Länder-Gipfel am 22. März

Da die Lage in Europa momentan keineswegs entspannt ist, die Impfkampagne nur schleppend voran läuft und zudem diverse Corona-Mutationen Sorge bereiten, wurde der Lockdown bis mindestens 28. März verlängert. Am 22. März wollen Bund und Länder das nächste Mal über Lockerungen debattieren. Dabei soll es auch um die Gastronomie, die Tourismus- sowie die Veranstaltungsbranche gehen.

Außerdem soll geklärt werden, inwiefern der Anfang März vorgestellte Stufenplan durchsetzbar ist. Die Öffnungsstrategie der Bundesregierung ist zuweilen an die Sieben-Tage-Inzidenz gekoppelt (Stand 11. März bei 69,1). Übersteigt sie den kritischen Wert von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, kommt es zu Restriktionen. Der Stufenplan als Heilsbringer? Die Kritik an der Strategie nahm zuletzt zu und kam allen voran aus dem Bereich der Wissenschaft. In anderen Ländern setzt die Politik momentan auf einen differenzierteren Kurs. Ist das erfolgreich? Ein Überblick.

Corona in Österreich: Lauterbach schimpft auf neue Strategie - „kein Beispiel für uns“

In Österreich hatten mehrere Lockdowns keine Wirkung gezeigt, weswegen die Regierung um Bundeskanzler Sebastian Kurz zuletzt ihre Strategie geändert und somit wieder mehr Freiheiten geschaffen hat. Der Einzelhandel ist wieder geöffnet und die Kontaktbestimmungen gelockert. Statt flächendeckenden Restriktionen sollen die Maßnahmen lediglich in regionalen Hotspots verschärft werden.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach ist von dieser Idee wenig überzeugt und schreibt auf Twitter: „Österreich lockert in die B117-Welle hinein. Das werden dort viele mit dem Leben bezahlen, wenn man es ehrlich beschreiben darf. Zum Schluss wird dann wieder ein Lockdown kommen, für den sich die Verstorbenen nichts kaufen können... Kein Beispiel für uns.“

Corona in Österreich: Inzidenz von 563 - strenge Regeln in Wiener Neustadt

Laut dem Ampel-Modell der Alpenrepublik werden getätigte Lockerungsschritte ab einer Inzidenz von 200 wieder zurückgenommen und ab Inzidenz 400 durch besonders restriktive Maßnahmen verstärkt. Konkret: Ausgangsbeschränkungen und Ausreisetestpflicht. Wie gut diese Strategie funktioniert, wird sich bald am Beispiel Wiener Neustadt zeigen. Die rund 50.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Wien hatte zu Wochenbeginn eine Inzidenz von 563 vorzuweisen und ist nun als erste große Stadt von den neuen Beschlüssen betroffen.

Die österreichische Bundesregierung begründete die regionalen Anpassungen auch mit dem teils stark unterschiedlichen Infektionsgeschehen. So kommt der Tiroler Bezirk Reutte derzeit auf eine Inzidenz von 9,1 während mit St. Johann im Pongau ein weiterer Ort über der 500er-Marke rangiert (511,1). Ganz Österreich kommt auf 191,6 Fälle pro 100.000 Einwohner, wobei die Lage im Bundesland Voralberg (72,2) am entspanntesten und in Salzburg (252,2) am prekärsten ist.

Österreichs Regierung um Kanzler Kurz (m) und Gesundheitsminister Anschober (r) hat ihre Corona-Strategie zuletzt etwas verändert. Der Fokus liegt vielmehr auf lokalen Regelungen statt landesweiten Einschränkungen.

Corona in Frankreich: Mehr als 30.000 Neuinfektionen und Knappheit in Pariser Kliniken

In Frankreich sind die Maßnahmen derweil weitaus härter, die Fallzahlen aber nicht zwingend niedriger. Am Mittwoch (10. März) meldete die französische Gesundheitsbehörde 30.003 neue Corona-Fälle, in Deutschland (immerhin knapp 15 Millionen Einwohner mehr) waren es am Donnerstag mit 14.356 weniger als die Hälfte.

Folglich werden in einzelnen Regionen bereits die Intensivbetten knapp. In der Hauptstadt Paris etwa müssen Patienten bereits verlagert werden. Auch wenn es keinen exponentiellen Anstieg der Zahlen gibt und die Neuinfektionen abgesehen des 30.000er-Ausreißers stabil sind, sei die Lage „besorgniserregend“, wie Regierungssprecher Gabriel Attal erklärte.

Corona in Frankreich: Inzidenz von 230 - Wochenendlockdowns an der Côte d‘Azur

In ganz Frankreich gilt seit längerem ein sogenannter Teil-Lockdown. Schulen und Einzelhandel bleiben geöffnet, dafür herrscht im ganzen Land eine strenge nächtliche Ausgangssperre ab 18 Uhr. Zudem setzt die Regierung um Präsident Emmanuel Macron ebenfalls auf strenge Anpassungen auf lokaler Ebene.

So gilt an der Côte d‘Azur am Wochenende zum dritten Mal in Folge eine ganztägige Ausgangssperre. Vor Ort befinden sich die Infektionszahlen auf einem hohen Niveau und kratzen wie in Nizza an der 500er-Marke. In ganz Frankreich pendelte sich die Inzidenz zuletzt um 230 Fälle pro 100.000 Einwohner ein. Ein Wert, der deutlich über dem von Deutschland und auch über dem von Österreich liegt.

Corona in Italien: Risikounterteilung nach Regionen - Inzidenz von 240

In Italien ist die Inzidenz mit etwa 240 ebenfalls sehr hoch, täglich infizieren sich mehr als 20.000 Menschen mit Covid-19. Ähnlich wie Österreich setzt Italien auf ein Ampelmodell, das die insgesamt 20 Regionen in Risikozonen unterteilt. Neben landesübergreifenden Regelungen wie einer nächtlichen Ausgangssperre ab 22 Uhr sollen so auch regionale Maßnahmen durchgeführt werden. Eine Strategie, die zunehmend in der Kritik steht.

Momentan befinden sich drei Regionen in der höchsten Stufe - zu wenig laut Ansicht vieler Wissenschaftler im Land. Die Politik um Neu-Regierungschef Mario Draghi sollte wieder auf flächendeckende Maßnahmen setzen und das Ampel-Sytsem entweder anpassen oder über Bord werfen, heißt es.

Corona in Italien: „Wir alle stehen einer neuen Verschlechterung des Pandemie-Notstands gegenüber“

Das Problem: Viele Regionen, die in der untersten Stufe rangierten, lockerten ruckartig und öffneten beispielsweise Bars und Restaurants. Binnen kürzester Zeit schnellten die Fallzahlen vor Ort in die Höhe. Die Einstufung wurde angepasst und die Maßnahmen verschärft. Nach Stabilisieren der Zahlen wiederholte sich der Prozess: Lockerungen, Lockdown.

Zuletzt knackte Italien die traurige Marke von insgesamt 100.000 Corona-Toten. Draghi warnte die Bevölkerung daher eindringlich davor, die Pandemie zu unterschätzen: „Wir alle stehen in diesen Tagen einer neuen Verschlechterung des Pandemie-Notstands gegenüber. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, die Ausbreitung des Virus einzudämmen.“

Draghi ist mit der aktuellen Corona-Lage unzufrieden. Zuletzt wechselte er innerhalb der Regierung alle bislang für Corona-Maßnahmen Verantwortlichen aus - vom Corona-Sonderkommissar bis zum Leiter des Zivilschutzes.

Corona in Europa: Vorwarnung für Deutschland?

Ampel-System, Teil-Lockdown mit Ausgangssperre oder (verfrühte) regionale Lockerungen. Österreich, Frankreich und Italien setzen derzeit teilweise auf andere Corona-Maßnahmen als Deutschland. Die Bundesregierung darf sich in ihrem Kurs bestätigt fühlen, da die Infektionslage in Deutschland bei Weitem nicht so angespannt ist wie anderswo.

Dennoch sollte die Lage nicht unterschätzt werden, da sich die Entwicklungen in anderen EU-Ländern schon oft als eine Art Vorwarnung herausgestellt hatten. Neben den aufgeführten Staaten ist die Situation zudem auch in Tschechien höchst angespannt. Eine Inzidenz von knapp 800 bereitet Sorge - auch und insbesondere im angrenzenden Bayern. (as)

Rubriklistenbild: © Christian Spicker/imago-images

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