„Menschlichen Faktor“ nutzen

„Ist unausweichlich“: Drosten fürchtet rasante Mutanten-Ausbreitung und fatale Folgen von Lockerungen

  • Kai Hartwig
    vonKai Hartwig
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In seinem Podcast spricht Virologe Christian Drosten regelmäßig über die aktuelle Corona-Lage. Dabei sieht er in Deutschland einigen Verbesserungsbedarf.

München - Vom ursprünglichen Coronavirus existieren seit einiger Zeit mehrere Mutanten. Besonders die Virus-Mutation aus Großbritannien ist in Deutschland schon häufig aufgetreten. In seinem Podcast „Coronavirus-Update“ beim NDR sagte Virologe Christian Drosten, dass er den Anteil der Virus-Variante B.1.1.7 an den Infektionen hierzulande auf rund 50 Prozent schätzt.

„Ich gehe davon aus, dass das um die Hälfte liegt“, meinte Drosten. Und dabei werde es nicht bleiben. „Der Anteil wird steigen, das ist unausweichlich“, sagte der Wissenschaftler. „Wir wissen, dass die Verbreitungsfähigkeit dieser britischen Variante höher ist.“

In Großbritannien sei die Entwicklung schon fortgeschritten, es gebe auf den britischen Inseln mittlerweile nur noch Reste der anderen Coronavirus-Varianten. Anteilsmäßig dominiere B.1.1.7 vollkommen. Innerhalb Deutschlands werden inzwischen vermehrt Daten zur Ausbreitung der Corona-Varianten gesammelt. So soll auch noch in dieser Woche eine Datenanalyse vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht werden. Die Erfahrungswerte aus deutschen Laboren hatten die Erkenntnis gebracht, dass sich unter den Corona-Stichproben von Erkrankten in knapp 30 Prozent der Fälle die britische Mutante feststellen ließ.

Corona-Mutationen: Virologe Christian Drosten warnt vor negativen Folgen von Lockerungen

Drosten warnte unterdessen vor diesem Hintergrund vor möglichen Folgen von Lockerungen, die beim Corona-Gipfel am 3. März beschlossen werden könnten. Diese seien zwar aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht absolut berechtigt. „Nur muss man eben auch ganz neutral sagen, was dann auch passieren wird. Es wird passieren, dass dann die Inzidenz wieder steigt“, gab der Virologe zu bedenken.

Zudem äußerte sich Drosten kritisch zum Tempo der Corona-Impfungen in Deutschland. Es wirke auf ihn so, als sei „da ein deutscher Perfektionismus entstanden“. Vielmehr empfahl der Virenexperte nachdrücklich, die Hausärzte und Betriebsärzte in den Impfprozess mit einzubeziehen. „Man kennt seine Pappenheimer als Hausarzt“, erklärte Drosten. Hausärzte würden ihre Patienten gut genug kennen, um auch eigenständig eine gerechte Impfreihenfolge zu erstellen. Gleich verhalte es sich bei den Betriebsärzten. Diese wüssten ganz genau, welche Personen innerhalb der Belegschaft bevorzugt geimpft werden müssen. „Dieser menschliche Faktor wird im Moment nicht genutzt“, befand der Virologe.

Drosten zu Corona-Impfungen: Großbritannien „schießt aus allen Rohren“

In anderen Ländern sieht Drosten deutlich größere Fortschritte bei den Impfkampagnen. So hätten die USA inzwischen die Aufbewahrung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs ab Minus 20 Grad genehmigt. In Europa gilt dagegen noch ein Referenzwert von Minus 80 Grad. „Das öffnet viel besser den Zugang, dass Biontech in Hausarztpraxen verimpft werden kann“, erläuterte Drosten.

Auch England habe im Vergleich zu Deutschland ein deutlich höheres Impftempo. Dort hätten Politik und Zulassungsbehörden gemeinsam beschlossen, aufgrund besonderer Umstände die Dinge anders zu handhaben. Man habe sich dort gesagt: „Wir setzen auf eine möglichst schnelle Verimpfung. Wir schießen aus allen Rohren mit dem Impfstoff.“ (kh)

Rubriklistenbild: © Markus Schreiber/dpa/AP POOL/picture alliance

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