Briten stehen am „Freedom Day“, den 19. Juli 2021, ohne Mund-Nasenschutz am Tresen eines Pubs, da an diesem Tag die Corona-Beschränkungen aufgehoben wurden.
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Briten feiern in London den umstrittenen „Freedom Day“.

Nach umstrittenem „Freedom Day“

Corona in England: „Professor Lockdown“ auf einmal optimistisch

  • Franziska Schwarz
    VonFranziska Schwarz
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Der „Freedom Day“, an dem England die Corona-Maßnahmen kippte, hatte nicht nur Befürworter. Auch Neil Ferguson war kritisch – heute klingt er anders.

London - Neil Ferguson trägt den Spitznamen „Professor Lockdown“. Wer ihn zuerst so nannte, ist nicht bekannt. Der 1968 geborene Engländer ist Epidemiologe am Imperial College London und beriet seit Beginn der Corona-Pandemie die Boris-Johnson-Regierung.

Als diese am 19. Juli den „Freedom Day“ ausrief, also das Ende der Corona-Beschränkungen, warnte Ferguson: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen könne nun die Marke von 200.000 überschreiten. Im schlimmsten Fall, also wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2.000 oder 3.000 täglich erreiche, müssten doch wieder Maßnahmen ergriffen werden. Mit der Meinung war er nicht allein, andere nannten den britischen Weg „riskant“, wenn nicht gar „mörderisch“.

Doch jetzt stimmt „Professor Lockdown“ ganz andere Töne an. „Ich bin zuversichtlich, dass wir Ende September, Oktober auf den größten Teil der Pandemie zurückblicken werden“, sagte Ferguson kürzlich dem Sender BBC. Grund sei die Wirkung der Impfung.

Corona in Großbritannien: Zahlen seit „Freedom Day“ rückläufig

In Großbritannien sind bislang fast 89 Prozent der Erwachsenen mindestens einmal geimpft, fast zwei Drittel haben zwei Dosen erhalten. Seit dem „Freedom Day“ ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen zurückgegangen – was nicht nur in dem Land selbst viele verwundert.

Während Fachleute davor warnen, dass der Knick in der Kurve nur eine zeitweise Schwankung sein könnte, gibt es mehrere Vermutungen, woran der Rückgang liegen könnte.

In einer Umfrage im Auftrag des Online-Portals Politico gab mehr als die Hälfte von 1.500 Befragten an, weiterhin große Menschenansammlungen zu meiden und freiwillig weiterhin Maske zu tragen. 46 Prozent waren der Meinung, das Ende der Maßnahmen sei „zu früh“ gekommen. So könnte die Eigenverantwortung der Menschen, an die auch Johnson immer wieder appelliert, einen entscheidenden Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben.

Großbritannien: Neun von zehn Erwachsene haben wohl Corona-Antikörper

Auch das Ende der Fußball-EM könnte eine Rolle spielen. Etliche Public Viewing-Veranstaltungen, Reisen und die Spiele in Wembley mit Zehntausenden Zuschauern lagen zeitlich so, dass sie den massiven Anstieg der Corona-Zahlen, die in der Spitze der aktuellen Welle 60.000 Fälle überstiegen, beschleunigt haben könnten.

Die große Hoffnung ist jedoch, dass der Rückgang zum großen Teil auf den Impfschutz zurückgeht. Etliche Millionen Menschen in Großbritannien sind noch ungeimpft. Die Behörde Public Health England schätzt immerhin für die englischen Erwachsenen, dass etwa neun von zehn mittlerweile einige Antikörper in sich tragen - entweder durch eine Impfung, oder, weil sie eine Corona-Infektion überstanden haben.

Johnson nennt Lockdown-Ende „unumkehrbar“ – Sorgen bleiben aber

Dennoch bleibt die Sorge, dass dem Knick in der Kurve bald ein weiterer folgen könnte und die Zahlen wieder ansteigen. In der Downing Street im Londoner Regierungsviertel gibt man sich bislang zurückhaltend. Es sei noch zu früh, sich zu entspannen, sagte Johnson Ende Juli:„Die Menschen müssen vorsichtig bleiben und das bleibt auch der Ansatz der Regierung.“

Zu groß ist noch die Sorge, dass der englische Weg aus dem Lockdown, den Johnson selbst als „vorsichtig, aber unumkehrbar“ anpries, am Ende doch noch eine Kehrtwende nach sich zieht. Genau das konnte man zuletzt in den Niederlanden beobachten, wo nach einem heftigen Anstieg der Fallzahlen die gerade erst geöffneten Nachtclubs wieder schließen mussten. (frs mit Material von dpa und AFP)

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