1. Startseite
  2. Welt

„Über meinen Körper bestimme ich“: Griechische Maßnahmen gegen Ungeimpfte verschärfen Probleme

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Impfgegner protestieren in der griechischen Hauptstadt Athen: Ungeimpfte dürfen in Kliniken nicht mehr arbeiten
Impfgegner protestieren in der griechischen Hauptstadt Athen: Ungeimpfte dürfen in Kliniken nicht mehr arbeiten. © Yorgos Karahalis/AP/dpa

Ohne Corona-Pieks keine Arbeitserlaubnis: Kein Land geht härter gegen Impfgegner vor als Griechenland. Mitarbeiter des Gesundheitswesens gehen auf die Barrikaden.

Athen – Allmählich fängt es an zu regnen, dann wird der Regen immer heftiger, die ersten Niederschläge in der Vier-Millionen-Metropole Athen nach gefühlt unendlichen Monaten. Doch Despina Tsaousidou, 40, bleibt an diesem trüben Morgen am zweiten Freitag im Oktober unbeirrt vor einem schmucken, neoklassizistischen Gebäude in der Athener Innenstadt stehen, so wie es hunderte andere Demonstranten tun. Sie skandieren „Gestern Helden, heute suspendiert!“ Sie halten Transparente, auf denen Parolen stehen wie „Wir sagen ,Nein‘ zum Zwang!“ oder „Ohne Freiheit keine Gesundheit“.

Despina Tsaousidou ist Krankenpflegerin, schon seit 18 Jahren. Seit sechs Monaten arbeitet sie in der Notaufnahme im öffentlichen Großkrankenhaus im südwestlichen Athener Arbeitervorort Nikäa. Normalerweise. Aber seit ein paar Wochen darf sie das nicht mehr. Der Grund dafür: Sie ist ungeimpft. Gegen das Coronavirus.

Corona: Griechenland suspendiert Ungeimpfte - Mit schwerwiegenden Folgen

Ihr Vorgesetzter habe sie am Arbeitsplatz aufgesucht: ,Er sagte mir: ,Despina, du wirst suspendiert, falls du dich jetzt nicht impfen lässt. ,Ich habe ihn sofort gefragt: ,Erpressen Sie mich?‘ Er antwortete mir: ,Nein, natürlich nicht. Aber du musst dich impfen lassen, Despina.‘ Ich fragte ihn: ,Können Sie mir garantieren, dass mir nichts passiert? Ich bin eine alleinerziehende Mutter, habe ein Kind.‘“

Für Krankenpflegerin Despina Tsaousidou ist die Sache klar: Sie lässt sich nicht impfen. „Über meinen Körper bestimme ich. Sonst niemand. Das ist nicht verhandelbar.“ Der Haken dabei ist, dass dies Folgen für sie hat. Schwerwiegende. Beruflich, finanziell, sozial. Tag für Tag.

Griechenland: Corona-Impfgegner stecken in der Suspendierungsfalle - Auch Beamte

Nirgendwo geht eine Regierung härter gegen Ungeimpfte vor als in Griechenland. Es gibt nicht nur Einschränkungen für sie im Alltag, so wie auch anderswo in Europa. In Bars, in Restaurants. Dann stellte die konservative Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis den Beschäftigten im Gesundheitssektor ein Ultimatum: Ob Ärzte, Krankenpfleger, Verwaltungsangestellte oder Techniker in den Krankenhäusern und kleineren Gesundheitszentren oder Erwerbstätige im öffentlichen Rettungsdienst EKAB: Ungeimpft dürften sie ab dem Stichtag 1. September nicht mehr arbeiten, so lautete die Ansage. Und dies, obwohl sie Vollbeamte sind.

Ferner erhält das suspendierte Personal kein Gehalt mehr. Null Euro. Brisant: Wer suspendiert ist, kann sich nicht einmal arbeitslos melden, um in seiner Not Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. Sie stecken in einer so eigenartigen wie gefährlichen Suspendierungsfalle. Und: Solange sie suspendiert sind, zählt diese Zeit nicht für ihre Rente.

Wer sich impfen lässt, der darf sofort auf seinen Arbeitsplatz zurück. Dennoch: Laut offiziellen Angaben zogen es per 1. September genau 6412 Beschäftigte in Krankenhäusern und Gesundheitszentren sowie 500 Beschäftigte im Rettungsdienst EKAB vor, sich nicht impfen zu lassen. Das entspricht einem Anteil von etwa sechs Prozent aller Beschäftigten im griechischen Gesundheitssektor.

Das klingt nach nicht viel. Schließlich sind mit Stand vom 8. Oktober erst 59,94 Prozent der knapp elf Millionen Griechen vollständig geimpft. Umgekehrt haben also 40 Prozent der Griechen noch keinen Impfschutz gegen Corona.

Dabei hat Hellas in der Corona-Pandemie bereits 15.069 Sterbefälle zu beklagen. Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt aktuell bei 144, in ganz Hellas liegen 334 Corona-Patienten auf den Intensivstationen.

Proteste von Corona-Impfgegnern: Wichtige Arbeitskräfte im Gesundheitssektor fehlen

Der griechische Gesundheitsminister Thanos Plevris, ein strammer Rechtsaußen in der Regierungspartei Nea Dimokratia (ND), bleibt jedenfalls hart. Unverhohlen sagt er: „So wie ein Arzt in einer Krebsklinik das Recht hat, sich nicht impfen zu lassen, so hat ein Patient das Recht darauf, sich nur von einem geimpften Arzt behandeln zu lassen.“ Eine Kampfansage. Das Tauziehen zwischen Minister Plevris und den Ungeimpften im Gesundheitssektor geht weiter. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Mit jedem Tag wächst die Wut, gar Empörung der Geschassten. Fast täglich finden in Athen, Thessaloniki, Patras, Korfu, Kreta oder anderswo Demonstrationen statt.

Wie just an jenem regnerischen Oktobertag vor Griechenlands Oberstem Verwaltungsgericht. Der Anlass: Gleich über zehn Anträge gegen den Impfzwang verhandelt das Gericht, unter anderem von der Dachgewerkschaft der Beschäftigten im öffentlichen Gesundheitssektor (Poedin), während Despina Tsaousidou, die unnachgiebige Krankenpflegerin, vor dem Gebäude protestiert. Sie weiß: Klarheit über ihre Zukunft wird sie heute nicht haben. Die Mühlen der Justiz mahlen auch zu Füßen der Akropolis langsam: Die Urteile werden in rund drei Monaten erwartet. So geht der Protest weiter.

Buchstäblich im Regen steht auch Dimitris Efthymiadis, 58, ein erfahrener Chefarzt vom Rettungsdienst EKAB. Auch er ist suspendiert. So hat er auf sein ohnehin nicht üppiges Monatsgehalt in Höhe von genau 962,21 Euro netto zu verzichten. Was Dimitris Efthymiadis aber weit mehr als das verlorene Geld umtreibt: „Ich kann nicht mehr meinen Patienten helfen. Wieso?“

Zisis Delichas, 43, Nuklearmediziner von der renommierten Athener Geburtsklinik „Alexandra“, muss fortan ohne sein Gehalt in Höhe von 1200 Euro netto mit seiner Frau und einem Kind in der teuren Metropole Athen über die Runden kommen. Doch auch er wolle sich dem Impfzwang nicht beugen, wie er beteuert.

Impfgegner in Griechenland: Corona-Leugner und Fanatiker? Von wegen

Wer glaubt, die unter Dauerregen Versammelten vor dem Gericht seien bloß verwirrte Corona-Leugner, religiöse Fanatiker, irre Verschwörungstheoretiker oder gleich alles auf einmal, die Bill Gates, Big Pharma und den berühmt-berüchtigten Great Reset verfluchen, der irrt gewaltig.

Die Ungeimpften im Kittel stellen klar, dass sie keine generellen Impfgegner seien. Dimitris Efthymiadis, der EKAB-Chefarzt, sagt: „Wir sind Mediziner, Wissenschaftler. Wie könnten wir gegen den wissenschaftlichen Fortschritt sein?“ Die Corona-Impfstoffe sehen sie jedoch kritisch, wie alle hier erklären. Weil sie nicht ausreichend erprobt seien, weil sie Nebenwirkungen hätten. Einhellig fordern sie von der Regierung in Athen: „Nehmt die Suspendierungen zurück! Sofort!“ Man wolle sich ständig testen lassen, die Schutzmaßnahmen penibel einhalten. So wie seit Ausbruch der Pandemie.

Das Fehlen des suspendierten Personals sei in den Krankenhäusern spürbar, stellt Poedin-Chef Michalis Jannakos fest. Ein „akuter Personalmangel“ herrsche im Gesundheitssektor nach dem chronischen Sparkurs, klagt Jannakos im Gespräch mit dieser Zeitung. Zehntausende Stellen seien unbesetzt, nun kämen noch die Suspendierungen des ungeimpften Personals hinzu.

Derweil greift YouTube gegen Verschwörungstheorien von Corona-Impfgegnern durch.

Auch interessant

Kommentare