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Interaktiver Impf-Rechner erteilt Booster-Fingerzeig - doch es gibt mehrere Haken

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Von: Marcus Giebel

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Hinter einer Absperrung mit der Aufschrift „Impfen“ steht eine Menschenschlange
Anstehen für den nächsten Pieks: Kaum jemand weiß, wie hoch sein Impfschutz derzeit ist. © Arne Dedert/dpa

In Deutschland ist die Zeit der Booster-Impfungen gekommen. Doch auch dieser Pieks-Durchgang wird sich in die Länge ziehen. Da kommt ein Impfschutzrechner gerade recht.

München - Der zweite Corona-Winter pocht bereits unüberhörbar an die Tür. Angesichts der sich breitmachenden Kälte finden wieder deutlich mehr Treffen in Innenräumen statt, was dem Virus bekanntlich ganz gut in den Kram passt. Denn ohne große Luftzirkulation kann er sich wunderbar ausbreiten und die Menschen heimlich heimsuchen.

Dazu mutiert Sars-CoV-2 weiter fleißig vor sich hin, mit Omikron wurde eine neue und laut Experten besorgniserregende Variante bereits in Deutschland nachgewiesen. Und wie so häufig gilt: Der Impfstoff in der Bundesrepublik ist knapp. In Booster-Zeiten fragen sich viele Impf-Ärzte angesichts Millionen piekswilliger Bürger: Woher den Impfstoff nehmen?

Interaktiver Impfschutzrechner zeigt Ausprägung der Immunisierung an

Viele Deutsche, die sich ihre dritte Dosis verabreichen lassen wollen, müssen also einmal mehr Geduld aufbringen. Umso wichtiger wäre es zu wissen, wie stark die eigene Immunisierung noch ausgeprägt ist. Hier will der Tagesspiegel Abhilfe verschaffen. Dort findet sich seit einigen Tagen ein interaktiver Impfschutzrechner.

Das Modell benötigt nur drei Angaben, um ungefähre Werte auszuspucken. So muss zunächst der Impfstatus gewählt werden, wobei lediglich zwischen „ungeimpft“ und „zweifach geimpft“ unterschieden wird. Dann ist der gespritzte Impfstoff anzuklicken - hier stehen neben „Biontech / Pfizer“, „Moderna“ und „Astrazeneca“ auch die Varianten „Astrazeneca & Biontech“ sowie „Astrazeneca & Moderna“ zur Verfügung, außerdem „Anderer / weiß nicht“. Zu guter Letzt wird noch das letzte Impfdatum abgefragt.

Impfschutzrechner unterscheidet zwischen drei Immunisierungs-Werten

Sind diese drei Rubriken abgearbeitet, gibt der Rechner den eigenen Schutz vor Erkrankung, den Schutz vor schwerem Verlauf und den Schutz insgesamt nach zusätzlicher Booster-Impfung an. Die Werte sind jeweils im Vergleich zu Ungeimpften zu verstehen, zeigen also die Wirkung der Vakzine auf.

Die Autoren verweisen jedoch darauf, dass die Resultate nicht indivduell zu verstehen sind, denn der wirkliche Grad des Immunschutzes hängt auch vom Alter, dem Geschlecht, dem allgemeinen Gesundheitszustand, dem eigenen Verhalten, den Wohnverhältnissen oder dem Job ab. All das berücksichtigt der Rechner eben nicht.

Grundlage ist eine Studie aus Schweden mit 1,6 Millionen Menschen

Als Grundlage nutzte der Tagesspiegel eine jedoch noch nicht von unabhängigen Fachleuten überprüfte Studie der schwedischen Universität Umea. Dabei wurden zwischen Januar und Oktober 2021 Daten von 800.000 Geimpften und 800.000 Ungeimpften in Schweden erhoben und miteinander verglichen. Gerade im Sommer, als deutlich weniger Infektionen registriert wurden, seien die statistischen Schwankungen dabei groß gewesen.

„Je länger Ihre Impfung her ist, desto weniger exakt spiegelt die geschätzte Zahl die Realität möglicherweise wieder“, heißt es in dem Text zum Impfschutzrechner: „Die Daten werden ungenauer, geben nur noch sehr grobe Hinweise.“ Daher würde immer das ganze Konfidenzintervall angezeigt, also zwei Werte, zwischen diesen mit 95-prozentiger Sicherheit der Wert jeder Einzelperson mit den angegebenen Daten liegt.

Unvorsichtiges Verhalten nach Impfung kann Ergebnisse von Studien zum Impfschutz verfälschen

Es wird darauf verwiesen, dass durch neu auftretende Corona-Varianten der Impfschutz seine Wirkung verändern kann. Außerdem könnte das womöglich im Wissen der eigenen Immunisierung unvorsichtigere Verhalten von Geimpften eine Rolle bei den Zahlen spielen, denn so steige die Wahrscheinlichkeit einer Infektion trotz eigentlich noch guten Schutzes. Zwar gibt es keine klare Empfehlung, was den Alkohol-Konsum nach einer Impfung angeht. Doch wer auf Nummer sicher gehen will verzichtet lieber darauf. Denn Alkohol hat Einfluss auf das Immunsystem*.

Klar ist nur: Die Wirkung der Vakzine lässt mit der Zeit nach, eine Booster-Impfung ist also in jedem Fall sinnvoll. Die Werte für den Schutz durch den dritten Pieks können sich aufgrund der noch geringen Zahl an aussagekräftigen Einzelstudien nur auf die Wirkung einer Biontech-Impfung nach vorheriger zweifacher Astrazeneca-Impfung oder insgesamt dreier Biontech-Dosen beziehen. Zwischen der zweiten Verabreichung und dem Booster lagen immer mehr als fünf Monate.

Video: Unterschiede der Vakzine für die Booster-Impfung

Impfschutzrechner kann bei großer Zeitspanne zwischen Impfung und Angabe keine Daten anzeigen

Der Tagesspiegel betont anhand der vorliegenden Zahlen: „Auch wenn Ihre Zweitimpfung schon eine Weile her ist, sind Sie also immer noch besser geschützt als Menschen ohne Impfung.“ Allerdings gelte mit Blick auf den Rechner auch: „Sind - je nach Impfung - schon mehr als sechs, sieben oder acht Monate seit Ihrer Zweitimpfung vergangen, können wir keine Daten mehr anzeigen. Dann gibt es keine Studie, die eine Aussage erlauben würde.“

Empfohlen wird in diesem Fall ein näheres Datum anzugeben, um sich zumindest anzeigen zu lassen, wie hoch der Impfschutz aktuell nicht mehr ist. Dies ist dann immerhin ein Anhaltspunkt.

Impfschutzrechner soll keine unnötige Verunsicherung hervorrufen

Möglich ist auch, dass bei der Eingabe statt einer Zahl ein „?“ angezeigt wird. Dies soll verhindern, dass ein womöglich viel zu niedriger Wert rauskommt, wenn es in der zugrunde liegenden Studie zu erheblichen Schwankungen kam, weil sich sehr wahrscheinlich etwa frisch Geimpfte zu sorglos verhalten haben und damit trotz hohen Immunschutzes kurz nach dem Pieks viele Infektionen zu verzeichnen waren.

Um unnötige Verunsicherung bei Nutzern des Rechners vorzubeugen, wird daher gar keine Zahl präsentiert. Sobald die Studienlage mehr Hintergründe liefert, kann dieses Problem entsprechend behoben werden. *24vita ist ein Angebot von IPPEN.DIGITAL (mg)

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