Brüssel zweifelt wohl an US-Versprechen

Wirbel um neuen Impfstoff: Wollen die USA Lieferung in EU verhindern? Brisanter Bericht zu Verspätung

Der Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson wurde in der EU zugelassen und bestellt. Die Lieferung verzögert sich aber. Wohl wegen Sorgen zur amerikanischen Ausfuhr-Haltung.

  • Die EMA hat die Zulassung des Corona-Impfstoffes von Johnson & Johnson empfohlen.
  • Das Präparat unterscheidet sich in einigen Punkten von anderen Covid-19-Vakzinen.
  • Die zugesagte Lieferung kommt wegen Zweifeln an der US-Linie wohl erst Mitte April

Update vom 12. März, 16.35 Uhr: Die verspätete Lieferung von Johnson & Johnson hat wohl einen heiklen Hintergrund. Am Donnerstag wurde er in der EU zugelassen und 200 Millionen Dosen bestellt. Jetzt gibt es Probleme mit der Lieferkette.

„Die Wahrheit ist, dass frühestens Mitte, Ende April mit Lieferungen zu rechnen ist nach Angaben von Johnson & Johnson“, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn der ARD.

Offenbar zweifelt Johnson & Johnson an der Impfstoff-Linie der USA. Wie die Deutsche Presse-Agentur erfahren hat, fürchtet das Unternehmen ein Ausfuhrverbot aus den Vereinigten Staaten. Quellen in Brüssel sollen diese Sorge bestätigt haben. Die Order über einen Exportstopp von Corona-Impfstoffen wurde noch von Donald Trump erlassen.

Ursprünglich sollte der in den Niederlanden entwickelte und teilweise in Europa produziert Impfstoff in den USA abgefüllt werden. An der US-amerikanischen Zusicherung, die Mengen dürften ohne Probleme wieder ausgefahren werden, herrschen mittlerweile allerdings offenbar Zweifel.

Johnson & Johnson habe sich deshalb kurzfristig für einen anderen Abfüll-Ort entschieden, um die USA zu umgehen. Diese Änderung koste nun Zeit.

Update vom 11. März, 14.28 Uhr: Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat die Zulassung des Corona-Impfstoffes des US-Herstellers Johnson & Johnson in der EU empfohlen. Das teilte die EMA am Donnerstag in Amsterdam mit. Die endgültige Entscheidung über die bedingte Marktzulassung muss nun die EU-Kommission treffen - das gilt als Formsache und kann ebenfalls am Donnerstag geschehen.

Johnson & Johnson: Vierter Corona-Impfstoff für die EU

Erstmeldung vom 11. März: Brüssel - Nach einem Jahr Corona-Pandemie* droht in Deutschland* bereits die dritte Welle zu kommen. Mehr Impfstoff* wird daher verlangt - und eine neue Zulassung an diesem Donnerstag könnte in dieser Lage helfen.

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA will über eine EU-weite Zulassung das Vakzins des US-Unternehmens Johnson & Johnson entscheiden. Es wäre der vierte Corona-Impfstoff nach denen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca. Gegen schwere Covid-19-Erkrankungen* hat das Vakzin eine Wirksamkeit von rund 86 Prozent.

Ein Vorteil des Vektorvirenimpfstoffs von Johnson & Johnson ist, dass nur eine Dosis erforderlich ist. Außerdem ist er bei normalen Kühlschranktemperaturen lagerbar.

In der EU sind allerdings bereits Zweifel laut geworden, ob das US-Unternehmen die zugesagte Lieferung von 55 Millionen Dosen bis Ende Juni einhalten kann. Aus EU-Kreisen verlautete, mit ersten Lieferungen werde frühestens Mitte April gerechnet, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Johnson & Johnson: Welche Wirkweise hat der Corona-Impfstoff?

Wie beim Mittel von Astrazeneca und dem russischen Vakzin Sputnik V handelt es sich um einen Vektorvirenimpfstoff. Dabei wird als Vektor ein sogenanntes Adenovirus genutzt. Dieses löst normalerweise eine gewöhnliche Erkältung aus, wurde jedoch so verändert, dass es sich nicht vermehren kann.

Über den Vektor werden genetische Anweisungen an die Zellen übermittelt, ein bestimmtes Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV2 zu produzieren. Auf diese Weise wird das Immunsystem auf die Bekämpfung des echten Coronavirus vorbereitet.

Johnson & Johnson: Wie wirksam ist der Corona-Impfstoff?

Vorprüfungen der US-Arzneimittelbehörde FDA, die dem Vakzin Ende Februar eine Notfallzulassung erteilte, bescheinigen dem Präparat von Johnson & Johnson eine sehr hohe Wirksamkeit. Demnach verhinderte das Mittel in einer großen klinischen Studie in den USA schwere Erkrankungen zu 85,9 Prozent.

Bei Studien in Südafrika und Brasilien lag die Wirksamkeit demnach bei 81,7 beziehungsweise 87,6 Prozent. Damit scheint der Impfstoff des US-Konzerns auch gut gegen die südafrikanische und die brasilianische Corona-Mutation* zu wirken, die als deutlich ansteckender gelten. Bei den in der EU bereits zugelassenen Corona-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna ist die Wirksamkeit insgesamt mit mehr als 90 Prozent allerdings noch etwas höher.

Bei der Abwendung von leichteren Covid-19-Erkrankungen ergab die Studie bei Johnson & Johnson nur eine Wirksamkeit von 66,1 Prozent. Berichte über schwere allergische Reaktionen, wie sie bei Biontech und Moderna vereinzelt auftraten, liegen bei dem J&J-Mittel nicht vor. Leichtere Impf-Nebenwirkungen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit und Kopfschmerzen traten in der Studie häufiger bei jungen als bei älteren Menschen auf.

Johnson & Johnson: Welche Vorteile hat der Corona-Impfstoff?

Bei dem Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson reicht - anders als bei den Mitteln von Biontech, Moderna und Astrazeneca - eine einzige Dosis. Dadurch könnte die Immunisierung der Bevölkerung deutlich beschleunigt werden.

Außerdem kann das Mittel leichter transportiert und aufbewahrt werden: Nach Unternehmensangaben ist es mindestens drei Monate lang bei normalen Kühlschranktemperaturen zwischen zwei und acht Grad haltbar. Somit kann das Mittel von jeder Arztpraxis aufbewahrt werden. Die Impfstoffe auf Grundlage der mRNA-Technologie von Biontech und Moderna müssen hingegen bei etwa minus 20 Grad aufbewahrt werden.

Johnson & Johnson: Wieviele Impfdosen kann die EU bekommen?

Der Impfstoff wird in mehreren Werken in den USA produziert, aber auch in Europa, nämlich im niederländischen Leiden und im schweizerischen Bümpliz. Die EU-Kommission hat für die Mitgliedstaaten 200 Millionen Dosen bestellt und hält eine Kaufoption auf 200 Millionen weitere. Noch im zweiten Quartal dieses Jahres sollen 55 Millionen Dosen geliefert werden. Mittlerweile gibt es aber Zweifel daran, ob das Unternehmen dies schaffen wird. (AFP/dpa/frs) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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