Eine Ärztin zieht eine Spritze mit einem Corona-Impfstoff auf.
+
Fertig machen für die Impfung: Aus einer Phiole voller BioNTech-Impfstoff sollen sechs Dosen gewonnen werden können.

Aufregung in Österreich

Corona-Skandal: Bürgermeister schnappt sich für Altenheim gedachten Impfstoff - „Ich hab’ schon daran gedacht“

  • Marcus Giebel
    VonMarcus Giebel
    schließen

Der Impfstoff ist knapp. In manchen Heimen scheint es ihn jedoch im Überfluss zu geben. In einer Einrichtung ließ sich ganz ungeniert ein Bürgermeister impfen.

Update vom 18. Januar, 12.04 Uhr: Bereits am Wochenende sickerten erste Infos zu den unfassbaren Corona-Vorfälle durch: In Österreich sollen in Pflegeheimen zahlreiche externe Personen geimpft worden sein. Dabei gibt es in der Alpenrepublik eigentlich eine strenge Impfreihenfolge. Senioren und Risikopatienten werden demnach zuerst geimpft.

Corona in Österreich: Externe Personen in Pflegeheim geimpft - Bürgermeister bezieht Stellung

Auch in einem Altenheim im österreichischen Eberschwang erhielten insgesamt 30 externe Personen eine Corona-Impfung, darunter Bürgermeister Josef Bleckenwegner. Er kann die Aufregungen um den Vorfall nicht verstehen - und hat dazu nun Stellung bezogen.

„Ich hab’ schon daran gedacht, in der nächsten Gemeindezeitung über meine Impfung zu schreiben. Wegen der Vorbildwirkung für an der Impfung Zweifelnde“, zitiert ihn die Kronen-Zeitung. Abgesehen davon vertritt der Bürgermeister die Ansicht, als Kommunalpolitiker als „fürs Heim systemrelevante Personen“ eingestuft worden zu sein.

Corona in Österreich: Bürgermeister lässt sich in Altenheim impfen

Neben Bleckenwegner wurden auch seine beiden Vize-Bürgermeister, sowie Familienmitglieder von Hausärzten geimpft. Laut der Österreichischen Sozialabteilung war der Impfstoff in dem Heim prioritär für die Bewohner und Mitarbeiter der Einrichtung vorgesehen. „Externe Dienstleister des Alten-und Pflegeheims, die regelmäßig (mehrmals wöchentlich) in der Einrichtung ihre Dienste verrichten“, zitiert die Kronen-Zeitung das Amt.

Erstmeldung vom 17. Januar 2020

München - Es liegt in der Natur des Menschen, in jeder Situation nach Gewinnmaximierung zu streben. Immer und überall ein Geschäft zu wittern. Da macht auch die Corona-Krise keine Ausnahme. So zogen wenig überraschend viele Vertreiber von FFP2-Masken die Preise an, nachdem diese in Bayern von Ministerpräsident Markus Söder zur Pflicht ausgerufen wurden.

Natürlich nur zu verständlich. Schließlich bestimmen Angebot und Nachfage den Preis. Ähnlich händeringend lechzen derzeit Millionen Menschen nach den verschiedenen Impfstoffen der Hersteller BioNTech/Pfizer, Moderna und Co.. Weshalb sich auch hier ein lohnendes Geschäftsmodell offenbart. Allerdings anscheinend nicht zwingend nur für die Pharmakonzerne.

Corona-Impfstoff verkauft? Pflegeheime sollen auch Externe versorgt haben

In Österreich steht der Vorwurf im Raum, dass Pflegeheime auch externe Personen geimpft haben sollen - offenbar gegen Bezahlung. Die Alpenrepublik hat sich bei der Impfreihenfolge für denselben Weg entschieden wie Deutschland: erst Senioren und Risikopatienten. Entsprechend wurden die Einrichtungen, in denen diese leben oder behandelt werden, bevorzugt beliefert.

Was sich manche wohl auf unlautere Art zunutze machten. Altenheime in mehreren Kärntner Bezirken sollen auch Angehörige geimpft haben, berichtet oe24. Konkret gehe es in einer Einrichtung um 100 Externe, die bereits den BioNTech-Impftoff bekommen hätten.

Corona-Impfstoff verkauft? Phiole soll für mehr Menschen reichen als gedacht

In der Kleinen Zeitung räumte Kärntens Corona-Sprecher Gerd Kurath zumindest ein, in besagtem Heim seien 29 Externe, darunter 20 Angehörige, geimpft worden. Allerdings lieferte er diese Erklärung mit: Der Impfstoff des Mainzer Unternehmens sei so dosiert, dass pro Phiole fünf Personen versorgt werden sollen, der Inhalt reiche jedoch für sechs Menschen.

Weil das Vakzin sofort verbraucht werden müsse, sei auf eine sogenannte Reserveliste zurückgegriffen worden. Da scheint aber jemand bestens vorgesorgt zu haben.

Video: Corona-Impfstoff von BioNTech jetzt einfacher nutzbar

Corona-Impfstoff verkauft? „Pro Person werden 0,3 Mililiter verimpft“

Ähnlich wie Kurath äußerte sich die Impfärztin Ingeborg Juvan im ORF: „2,2 Mililiter sind in einer Phiole enthalten, die Dosis, die pro Person verimpft wird, beträgt 0,3 Mililiter. Wenn man noch das Volumen dazurechnet, das in der Nadel ist, dann bekommt man aus dem Volumen sechs Impfdosen heraus.“

Dieses Vorgehen ist mittlerweile offiziell zugelassen. Allerdings natürlich nicht, um jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen vorweg impfen zu können. Um daraus dann noch Kapital - also Geld - schlagen zu können.

Corona-Impfstoff verkauft? Angeblich konnten Angehörige vorreservieren

Diesem Vorwurf begegnet Juvan ganz entschieden. In den Genuss des überschüssigen Impfstoffes seien lediglich Menschen gekommen, „die im Nahbereich der Pflegeheime anzusiedeln sind oder Menschen mit Behinderung. Diese Personen sind alle dem Betrieb zugehörig und in Bereichen tätig, wo ein hohes Risiko besteht.“

Das klingt aus dem Munde von Pflegern, auf die sich oe24 bezieht, ganz anders. Demnach sei „regelrecht Impfstoff von Angehörigen vorreserviert gewesen“. Gegen „eine Spende“ hätten die Einrichtungen mehr Impfdosen bestellt, als sie benötigten. Neben Bekannten soll auch die örtliche Prominenz versorgt worden sein.

Corona-Impfstoff verkauft? Politiker und Ärzte geben verfrühte Impfung zu

Über eine verfrühte Dosis konnten sich offenbar auch oberösterreichische Lokalpolitiker freuen. Die Kronenzeitung berichtet, dass im Ort Eberschwang im Bezirk Ried der Ortsbürgermeister Josef Bleckenwegner (SPÖ) sowie zwei Vizebürgermeister von SPÖ und FPÖ geimpft wurden, ebenso Familienmitglieder und Ordinationsangestellte von Hausärzten. Alles in allem 30 Externe.

Hintergrund soll gewesen sein, dass am 5. Januar in einem kleinen Pflegeheim viele Bewohner und Mitarbeiter krank waren, der vorhandene Impfstoff jedoch verbraucht werden musste. Dr. Florian Obermair, einer der Glücklichen, sieht in dem Vorgang nichts Verwerfliches - im Gegenteil: „Viele, die skeptisch sind, ziehen vielleicht doch mit, wenn sie die Vorbilder sehen, die sich impfen lassen.“ Ähnlich fällt die Erklärung von Bleckenwegner aus: „Wir wollten Vorbildwirkung haben: Seht her, wir gehen impfen! Und: Hätte das Serum verfallen sollen?“

Wird derzeit weltweit verabreicht: Der Impfstoff von BioNTech kam bereits im Dezember 2020 auf den Markt.

Corona-Impfstoff verkauft? Heimbetreiber bestätigen Anfragen vom Externen

Ob sich die Anschuldigungen überall so einfach entkräften lassen? Schwerwiegend sind sie allemal. Allerdings dürften Forderungen von Politikern, die Sonderrechte für Geimpfte ins Gespräch bringen, derartigen Machenschaften im Grunde den Weg bereiten.

So bestätigen laut ORF auch Heimbetreiber, dass es Impfanfragen von außerhalb gegeben habe. Schon werden Rufe nach einer unabhängigen Untersuchungskommission laut.

Die Behörden setzen derweil auf eine Besonderheit des Impfstoffes, der den Ermittlungen entscheidend unter die Arme greifen könnte: Da das BioNTech-Vakzin zweimal verabreicht werden muss, damit es wirkt, müssten unrechtmäßig bevorzugte Personen demnächst noch einmal antreten, um den Anti-Corona-Stoff zu empfangen. Und dann könnte der ganze Betrug auffliegen. (mg)

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare