Armee von Antikörpern

Wirkt der Corona-Impfstoff gegen die entdeckten Mutationen? Experten überraschen mit konkreter Einschätzung

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Der Corona-Impfstoff soll der Retter vor weiteren Lockdowns werden. Doch dafür muss er auch gegen neue Mutationen wirken. Experten sind sich einig, wenn es um die Variante aus England geht.

Mainz - Unter die Hoffnung mischt sich zurzeit etwas Angst. Es ist die Sorge, dass der Corona-Impfstoff nicht gegen die entdeckten Mutationen des Coronavirus wirkt. Dass sich Viren verändern, ist ganz normal. Doch die Mutante aus Großbritannien hat politisch schon mal für viel Wirbel gesorgt in den vergangenen Tagen. Denn erste Analysen gehen davon aus, dass diese Corona-Variante deutlich ansteckender ist als die ursprüngliche Form. Schon jetzt sind harte Lockdowns und Shutdowns in vielen Ländern nötig. Da braucht es nicht auch noch diese neue Form, die womöglich alles noch schlimmer machen könnte.

100 prozentige Sicherheit, dass das nun in der EU zugelassene Mittel von Biontech und Pfizer mit dem Namen „Comirnaty“ gegen die neue Virus-Variante wirkt, gibt es noch nicht. Dafür seien weitere Studien und Experimente nötig, heißt es von verschiedenen Seiten. Meistens werden Zeiträume von zwei bis drei Wochen genannt, bis gesicherte Erkenntnisse vorliegen.

Hilft der Corona-Impfstoff von Biontech auch gegen Mutationen? Der Chef ist zuversichtlich

Doch Biontech-Chef Ugur Sahin zeigte sich am Dienstag bei einer internationalen Pressekonferenz sehr zuversichtlich. Aus wissenschaftlicher Sicht sei es „außerordentlich wahrscheinlich“, dass der Impfstoff wirkt. „Wir haben den Impfstoff bereits gegen circa 20 andere Virusvarianten mit anderen Mutationen getestet. Die Immunantwort, die durch unseren Impfstoff hervorgerufen wurde, hat stets alle Virusformen inaktiviert.“ Weil das Virus nun aber etwas stärker mutiert sei, brauche es weitere Tests, so Sahin gegenüber der dpa.

Ugur Sahin, Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Biontech, steht auf dem Firmengelände in Mainz.

Das Antigen, welches das Mainzer Unternehmen und US-Partner Pfizer für den Impfstoff nutzen, besteht laut Sahin aus über 1270 Aminosäuren. Davon seien jetzt neun mutiert, also noch nicht einmal ein Prozent. „Unser Impfstoff sieht das ganze Protein und bewirkt multiple Immunantworten. Dadurch haben wir so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann. Das bedeutet aber nicht, dass die neue Variante harmlos ist.“

Und wenn es doch zu Problemen komme, sieht Sahin einen Ausweg: „Das Schöne an der mRNA-Technologie ist, dass wir tatsächlich den Impfstoff sehr schnell umarbeiten können.“ Innerhalb weniger Wochen wäre dies schon möglich.

Corona-Impfstoff/Mutation: Deutsches Institut sieht keine besorgniserregenden Hinweise

Auch das deutsche Paul-Ehrlich-Institut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel sieht aktuell keinen Grund zur Sorge. Es gebe bisher keinen konkreten Hinweis, dass die Wirkung des Impfstoffes durch die Mutationen beeinträchtigt wird, heißt es in einem Statement. „Dies liegt darin, dass die für den Immunschutz relevanten Erkennungsstellen des Oberflächen-Spikeproteins (S-Protein) von den Virusmutationen wenig betroffen sind und sich die schützende Immunantwort gegen mehrere Bereiche des S-Proteins richtet.“

Etwas zurückhaltender gab sich am Montag noch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut: Frühestens Januar gebe es Aufschluss über diese Frage, die zurzeit viele umtreibt. „Mit den vorliegenden Daten lässt sich noch nicht abschließend beurteilen, ob der Biontech-Impfstoff genauso gut gegen die mutierte Virus-Variante wirkt wie bei den bisher bekannten Varianten“, sagte Virologe Thomas Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Doch auch er stimmt in den Kanon ein und betont, dass die Analysen bisher gut aussehen würden. Virologe Christian Drosten zeigte sich am Montag im Deutschlandfunk ebenfalls bisher ruhig.

Experten: Warten auf weitere Ergebnisse zum Corona-Impfstoff - Hoffnung bleibt

 „Ich sehe das relativ gelassen“, schließt sich Virologe Ortwin Adams, Leiter der virologischen Diagnostik an der Universität Düsseldorf, am Dienstag in einem Gespräch mit WDR5 an. Doch auch er kennt das Ergebnis der kommenden Studien noch nicht. Zwar habe das Virus einige Veränderungen in seinem äußeren Hüllprotein. „Aber man darf sich das nicht so vorstellen, dass man jetzt als Immunantwort auf diesen Impfstoff nur eine einzige Form von Antikörpern produziert. Man bildet eine ganze Armee aus. Und wenn dann wirklich jetzt mal ein einzelner Soldat ausfällt, dann gibt es noch genügend andere, die angreifen können.“

Experten sind sich also ziemlich einig: Man muss das Coronavirus im Auge behalten. Ein paar wenige Wochen dauert es noch, bis konkrete Ergebnisse vorliegen. Doch die Hoffnung, dass der Impfstoff wieder mehr Normalität ins Leben bringen kann, scheint bisher auf keinen Fall verloren. (cibo)

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Rubriklistenbild: © imago images / Sven Simon / Frank Hoermann

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