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Corona-Geimpfte und Genesene gleichgestellt: Doch Virologen zeigen großen Denkfehler auf

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Von: Raffael Scherer

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Eine Spritze injiziert den Corona-Impfstoff in den Oberarm einer Person
Genesen oder gegen das Coronavirus geimpft - das ist nicht das Gleiche (Symbolbild). © Matthias Bein/dpa

Vollständig gegen Corona geimpft oder innerhalb des vergangenen halben Jahres vom Virus genesen: Virologen erklären die Unterschiede und warnen vor falscher Sicherheit.

München - Derzeit fallen Einschränkungen, wie etwa die Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren, für zwei Personengruppen weg: Vom Coronavirus Genesene und gegen die Krankheit vollständig Geimpfte. Außerdem werden diese mit negativ auf das Virus Getesteten gleichgestellt. Doch Virologen warnen davor, sich als Genesener auf denselben Schutz zu verlassen, wie vollständig Geimpfte.

Martin Stürmer, Leiter eines privaten Labors für interdisziplinäre Medizin und Diagnostik, wies gegenüber Focus Online darauf hin, dass auch nach der Genesung und nach beiden Spritzen weiterhin die Gefahr besteht, das Virus übertragen zu können. Das Restrisiko andere mit dem Coronavirus anzustecken, sei daher bei diesen Personen ebenso gegeben, wie bei Menschen mit negativem Test: „Ein Antigenschnelltest stellt nur eine Momentaufnahme dar, zudem ist er in einigen Fällen falsch negativ“, so Stürmer.

Coronavirus: Genesene weisen nach halbem Jahr zu wenig Antikörper auf

100-prozentigen Schutz gebe es daher bei keiner der drei Gruppen. Also sollten seiner Meinung nach weiterhin allen die selben Rechte zu Teil werden, wie etwa ein Zoo- oder Friseurbesuch. Der Virologe Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, gab dabei jedoch zu bedenken, dass Infektions- und Übertragungsrisiko bei vollständig Geimpften und Genesenen nicht gleich hoch seien: „,Genesen‘ kann ja auch jemand sein, der zwar mittels PCR-Test positiv war, tatsächlich aber kaum oder gar keine Symptome hatte“, erklärt er.

Personen mit diesem symptomarmen Krankheitsverlauf hätten daher eine „relativ schwache“ Immunität gegen das Coronavirus. Das schütze zwar meist vor schweren Krankheitsverläufen bei erneuter Ansteckung, jedoch gäbe es in dieser Gruppe auch immer wieder „Durchbrüche“. Weil die Antikörper im Laufe der Zeit weniger werden, gilt daher in Deutschland die Regel, dass die ehemals Infizierten nur bis zu einem halben Jahr den Freiheitsstatus genießen. Denn nach längerer Zeit weisen viele Genesene keine, oder zu wenige neutralisierende Antikörper gegen das Virus im Blut auf.

Corona: Schutz des Immunsystems nach Erkrankung schwer nachvollziehbar

Doch nicht nur die Zeitspanne, wie lange die Erkrankung zurück liegt, sei für den Schutz des eigenen Körpers wichtig, sondern laut Weber auch die Stärke der vergangenen Erkrankung: „Es gibt auch eine Korrelation zwischen Schwere der Symptomatik und Schwere der Immunantwort“, erklärt der Virologe. Die Gleichstellung mit einem vollständig Geimpften sei daher kritisch zu betrachten. Denn die Immunität sei bei Genesenen nicht pauschal diagnostizierbar. Es sei schwerer bei diesen zu „verallgemeinern“. Bei den Geimpften sei dies dagegen leichter möglich: „Sie haben eher eine gleichmäßige Immunreaktion“, sagt Weber.

Wie groß diese Unterschiede zwischen den beiden Gruppen genau seien, könne final noch nicht gesagt werden, da dafür noch genaue Studien fehlen: „Wir wissen bisher einfach noch zu wenig. Es ist schwer zu beziffern, wo genau das Risiko liegt“, so Stürmer. Ein klarer Richtwert, ab welchem das Immunsystem einer genesenen Person als sicher gilt, fehlt. „Um festzulegen, ab wann eine Person denn nach einer Infektion so immun ist, um mit den Geimpften in der Hinsicht auf Freiheiten gleichgestellt zu werden, müssten wir uns die Antikörper genauer ansehen“, erklärt Virologe Weber.

Corona: Menge der Antikörper im Blut für Sicherheit entscheidend

Denn entscheidend ist nicht, ob die Antikörper durch die Erkrankung oder durch eine Impfung hervorgebracht werden, sondern wie viele davon im Körper noch vorhanden sind. Deshalb empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI): „Bei immungesunden Personen, die eine labordiagnostische gesicherte Sars-CoV-2-Infektion (PCR-bestätigt) durchgemacht haben, sollte eine einmalige Impfung frühestens 6 Monate nach Genesung erwogen werden.“ Also sollten sich auch Genesene nach dem halben Jahr impfen lassen, damit eine ausreichende Menge an Antikörpern im Blut aufrecht erhalten bleibt.

Großer Unterschied sei laut Weber hierbei, dass bei Genesenen vorerst eine Spritze - statt zweien - ausreiche: „Selbst, wenn das Immunsystem beim ersten Mal nur sehr leicht reagiert hat – es hat reagiert. Wenn wir dieser Reaktion mit einer Impfung dann nochmal einen Boost geben, ist der einmalgeimpfte Genesene auf dem gleichen Stand wie der Doppeltgeimpfte. Ab diesem Punkt sollten beide Gruppen gleichbehandelt werden.“

Die STIKO hat ihre Impfempfehlung für Genesene inzwischen angepasst*, wie 24vita.de verrät. *24vita.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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