Boris Johnson (l), Premierminister von Großbritannien, hebt die Daumen in die Höhe, nachdem er die erste Impfdosis mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca erhalten hat,
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Boris Johnson (l), Premierminister von Großbritannien, hebt die Daumen in die Höhe, nachdem er die erste Impfdosis mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca erhalten hat.

27 Millionen Menschen geimpft

Corona-Impf-Primus Großbritannien: Was macht Johnson anders als Deutschland?

  • Richard Strobl
    vonRichard Strobl
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Großbritannien hat sich in Europa zum Corona-Impf-Primus hochgearbeitet, während die EU hinter ihren Ansprüchen zurückbleibt. Doch was macht Boris Johnson anders? 

London - Während die Impf-Programme gegen das Coronavirus in Deutschland und dem Großteil Europas eher schleppend vorankommen, hat sich Großbritannien zu einem Impf-Primus gemausert. Doch was macht Boris Johnson anders als die EU? Ein Überblick.

Corona-Impfungen in Großbritannien: Jubel über „fantastischen Erfolg“

Der Jubel bei Boris Johnson war groß, als man an diesem Wochenende verkünden konnte, dass schon die Hälfte aller Erwachsenen in Großbritannien gegen das Coronavirus geimpft worden seien. Fast 27 Millionen Menschen haben eine erste Impfdosis bekommen, gut zwei Millionen auch schon die zweite Spritze. Johnsons konservative Partei bejubelte einen „fantastischen Erfolg“.

Die Sunday Times jubelt ebenfalls und spricht von einem „bemerkenswerten Impfprogramm“, um das viele Länder Großbritannien beneiden würden und, das einen „nachhaltigen Ausweg aus der Katastrophe sichtbar“ mache.

Corona-Impfungen in Großbritannien: Was macht Johnson anders?

Ein Grund für den Erfolg in Großbritannien ist sicherlich, dass die Briten nur vereinzelt auf Impfstoff-Lieferungen warten, während die EU fast schon an den Engpässen verzweifelt. Dies liegt wiederum auch daran, dass Großbritannien selbst kaum Impfstoff exportiert. Doch das ist nicht der einzige Grund dafür, dass Großbritannien aktuell so gut dasteht.

Ein Überblick, was in Großbritannien anders und teils besser als in Deutschland läuft:

Hausärzte und Apotheken: Alle, die impfen können, tun das auch - so simpel lässt sich die britische Herangehensweise zusammenfassen. So dürfen neben den Impfzentren auch schon seit Monaten Hausärzte impfen. Sogar zahlreiche Apotheken haben eine Zulassung. „Die Mehrheit der Impfungen wird von Hausärzten vergeben“, erzählt der Mediziner Azeem Majeed vom Imperial College London. Bei ihren Impfzentren sind die Briten erfinderisch: Sie funktionieren auch leere Stadien, Rennbahnen, Einkaufszentren und sogar Kirchen wie die berühmte Westminster Abbey um.

Benachrichtigungen über die Hausärzte: Üblicherweise sind die Briten im staatlichen Gesundheitsdienst NHS mit einer Nummer registriert - und damit bei einem Hausarzt in ihrer Nähe. Neben dem offiziellen Brief vom NHS kontaktieren die Hausarztpraxen ihre Patienten auch direkt per SMS oder Telefon, wenn sie beim Impfen an der Reihe sind. Wer keine Benachrichtigung erhält, aber nach offizieller Impfreihenfolge trotzdem dran ist, bekommt auch ohne Einladung einen Termin.

Corona-Impfungen in Großbritannien: Terminvergabe, Impf-Abstand und Lagerung

Terminvergabe: Über ein landesweit einheitliches Buchungssystem lassen sich online Impftermine in den Zentren buchen. Dabei stehen meist mehrere Orte zur Auswahl, außerdem lassen sich genaue Uhrzeiten buchen. Wer lieber vom Hausarzt geimpft werden möchte, muss sich manchmal etwas länger gedulden, kann dort aber auch - meist telefonisch - einen Termin ausmachen. Wer benachrichtigt wurde, aber keinen Termin bucht, gerät nicht aus dem Blick. Der sogenannte Immunisierungs-Management-Service hakt per Anruf nach. Außerdem bekommt man SMS mit einer Terminerinnerung aufs Handy geschickt.

Keine Lagerung: Die Briten legen - anders als oft in Deutschland - die zweite Impfdosis nicht zurück. Was im Kühlschrank ist, wird auch geimpft. Man vertraut darauf, dass noch genug Impfstoff verfügbar ist, wenn die zweiten Termine anstehen. Bislang hat sich das ausgezahlt - allerdings ist das Land auch weniger von Lieferengpässen betroffen als die EU. Erst vor wenigen Tagen gab es die erste Meldung, dass einige Millionen Dosen aus indischer Produktion später kommen.

Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung: Großbritannien setzt auf größere Abstände zwischen erster und zweiter Dosis. Beim
Astrazeneca-Impfstoff handhaben das andere Länder mittlerweile genauso, nachdem weitere Daten zur Wirksamkeit veröffentlicht wurden. Die Briten strecken jedoch auch bei Biontech/Pfizer das Intervall - und versorgen damit einen größeren Teil ihres Landes mit einer Teil-Immunität durch die erste Dosis.

Umgang mit übrigen Dosen: „Wir verschwenden keinen Impfstoff“, sagt der Mediziner Majeed. Arztpraxen führen Listen mit Patienten, die schnell zur Praxis kommen können, falls am Abend Impfdosen übrig bleiben. So gibt es immer wieder auch Menschen, die geimpft werden, obwohl sie eigentlich noch gar nicht an der Reihe sind - aber zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Deutschland will seine Reihenfolge künftig auch etwas pragmatischer nutzen als bisher.

Der Fall Astrazeneca: Während etliche EU-Staaten wegen sehr seltener Fälle an seltenen Nebenwirkungen wie Blutgerinnseln zeitweise aussetzen, impften die Briten weiter. Die britische Zulassungsbehörde rief Menschen mit länger anhaltenden Nebenwirkungen zwar auf, sich Rat beim Arzt zu suchen. Allerdings betont die Regierung durchgehend, die Vorteile der Impfung seien bei weitem größer als die Risken. Der medizinische Regierungsberater Jonathan Van-Tam sagt: “Impfstoff rettet keine Leben, wenn er im Kühlschrank liegt.“ (rjs/dpa)

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