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Corona-Impfungen: Portugal wird vom Sorgenkind zum Vorzeigestaat – „Überimpfen“ mit militärischem Drill

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Von: Kai Hartwig

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Gäste sitzen auf Terrassen entlang einer Straße in Lissabon mit Bars und Nachtclubs
In Portugal ist das öffentliche Leben – wie hier in Lissabon – wieder erwacht. © Armando Franca/dpa

Portugal gehört im Kampf gegen das Coronavirus zu den Impf-Weltmeistern. Dabei setzt das Land auf ein ganz besonderes Erfolgsrezept. Und wird dafür belohnt.

Lissabon – Noch zu Beginn des Jahres 2021 zählte Portugal zu den Ländern, die das Coronavirus ganz besonders hart getroffen hat. Phasenweise gab es dort wöchentlich knapp 2000 Todesopfer zu beklagen, deren Ableben in Verbindung zu dem Virus stand.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen ist Portugal weltweit unter den Staaten, die mit der höchsten Impfquote aufwarten können. In dem südeuropäischen Land sind derzeit 84,7 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft (Stand: 11. Oktober 2021/Quelle: Our World in Data). Nur der Zwergstaat Gibraltar (99 Prozent) und die Vereinigten Arabischen Emirate (85,2) toppen den portugiesischen Wert.

Coronavirus: Impf-Weltmeister Portugal – mit militärischem Drill zum Erfolg

Beeindruckende Zahlen – aber wie konnte sich Portugal bloß vom großen Corona-Sorgenkind zum Vorzeigestaat mausern? Die Antwort ist vielschichtig. So wurde einerseits auf die Hilfe eines früheren Befehlshabers der portugiesischen Marine gesetzt. Mit Henrique Gouveia e Melo stand ein Ex-Militärangehöriger der Impfkampagne des Landes vor.

Der scheute sich nicht vor martialischen Worten, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen. „Ich habe der Bevölkerung klargemacht, dass wir uns im Krieg gegen das Virus befinden und uns zusammentun müssen, um gegen es zu gewinnen und unsere Kinder davor zu schützen“, sagte Gouveia e Melo der Welt. Auch ohne eine offizielle Impfpflicht wurde auf die ungeimpften Portugiesen gesellschaftlicher Druck aufgebaut. „Ich habe dann vor den Kameras ganz ruhig gesagt, dass der Mörder das Virus ist und diese Menschen ihm helfen“, erklärte Gouveia e Melo sein drastisches Vorgehen.

Zudem blieben die Behörden bei allen Personen, die sich in Portugal noch nicht für eine Corona-Impfung entschieden hatten, äußerst hartnäckig. Mindestens drei Einladungen zur Corona-Impfung erreichten alle Portugiesinnen und Portugiesen. Wer darauf nicht einging, wurde immer wieder kontaktiert und mit der fehlenden Impfung regelrecht „genervt“. Offenbar mit Erfolg.

Die positive Entwicklung dank ihrer Mithilfe bei den Corona-Impfungen brachte den Portugiesinnen und Portugiesen Erleichterungen ein. Der landesweit geltende sogenannte Alarm-Zustand wurde bereits zum 1. Oktober aufgehoben. Dazu endete die Maskenpflicht in Restaurants, Hotels und kleineren Geschäften. Außerdem durften Clubs und Diskotheken wieder öffnen.  

Corona: 98 Prozent der Menschen über zwölf Jahren in Portugal geimpft – Hilfe für andere Länder geplant

Nach Angaben von Portugals Regierung liegt bei den Menschen im Alter von über zwölf Jahren die Impfquote (Stand: 4. Oktober 2021) bei 98 Prozent. Das veranlasste die renommierte US-Zeitung New York Times zu der Einschätzung, dass „in Portugal niemand mehr zum Impfen übrig“ sei. Das liegt auch daran, dass in Portugal die Zahl der Impfskeptiker – anders als etwa in Deutschland – eher gering ist.  „Die Akzeptanz von Impfstoffen ist hier sehr hoch“, schilderte die Soziologin Manuel Ivone da Cunha von der Universität Minho im Gespräch mit der Welt.

Das ursprüngliche Impfziel unter den über Zwölfjährigen von 85 Prozent ist inzwischen deutlich überschritten worden. Daher trat Impfkampagnen-Chef Gouveia e Melo Ende September von seinem Posten zurück. Und möchte nun statt Drittimpfungen in Portugal anzugehen lieber den Fokus auf andere Staaten lenken, die ihre Impfquote erhöhen wollen. „Wir überimpfen die Bevölkerung“, gab der Ex-Militär zu Bedenken. „Und vergessen dabei, dass ein großer Teil der Welt noch gar keine Impfung erhalten hat. Das ist aus moralisch-ethischen und strategischen Gründen ein Fehler.“ (kh)

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