Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, spricht bei einer Pressekonferenz
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Jens Spahn sorgt sich um den kommenden Herbst.

Statistik-Expertin rechnet vor

Spahn entwirft düsteres Szenario – doch wie realistisch ist eine 800-Inzidenz im Herbst?

  • Kai Hartwig
    VonKai Hartwig
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Ist Deutschland in Sachen Corona auf dem Weg zu einer beängstigenden Inzidenz von 800? Gesundheitsminister Spahn warnt davor, eine Expertin ordnet dies ein.

München - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beobachtet die Corona-Lage weiterhin mit einer gewissen Sorge. Zwar konnte der CDU-Politiker am Donnerstag (22. Juli) gute Nachrichten verkünden. Inzwischen haben 50,2 Millionen Menschen (60,4 Prozent) mindestens eine Impfung gegen das Coronavirus erhalten. Den vollständigen Impfschutz bekamen bereits 39,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger (48 Prozent). Unter ihnen befinden sich „mehr als drei Viertel der Ü60-Jährigen“, gab Spahn an.

Doch noch am Mittwoch (21. Juli) hatte der Gesundheitsminister gewarnt, dass Deutschland ein unruhiger Herbst bevorstehen könnte. Die Entwicklung der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz, die am Donnerstag (22. Juli) auf über 12 anstieg, veranlasste Spahn schon am Vortag zu einer eindringlichen Warnung. „Wenn sich das so weiter verdoppelt, alle zwölf Tage, dann werden wir im September die 400 überschreiten, im Oktober 800“, meinte der Christdemokrat.

Spahn-Prognose: Statistik-Expertin berechnet Wahrscheinlichkeit der 800-Inzidenz

Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario? Statistik-Expertin Katharina Schüller hat sich mit diesem Thema befasst. „Die Vorhersage könnte theoretisch eintreffen“, urteilte die Vorständin der Deutschen Statistik Gesellschaft gegenüber Focus.de. Allerdings müsse die Spahn-Prognose einen entscheidenden Faktor hinzuziehen: Um welchen Grad sich die Immunisierung der deutschen Bevölkerung gegen das Coronavirus vergrößert.

Schüller entwarf daher zwei mögliche Szenarien. Einerseits berechnete die Wissenschaftlerin die Inzidenz-Entwicklung mit einem konstant gleichbleibendem R-Wert (ohne Einfluss der Immunisierung). Spahn war bei seiner Rechnung von einem Ausgangswert von elf ausgegangen. Vervielfacht sich dieser pro Woche um einen Wert von 1,5, könnte die Inzidenz Mitte August die 50 überschreiten, schon Anfang September die 100 und einen Monat darauf schon über 900 liegen. Die Prognose von Gesundheitsminister Spahn wäre also eingetreten - und sogar deutlich übertroffen worden.

Spahns 800-Inzidenz-Prognose: Statistikerin hält anderes Szenario für realistischer

Szenario zwei der Statistik-Expertin berechnete die fortschreitende Immunisierung der Bundesbürger mit ein. Und dieses Szenario hält Schüller für deutlich realistischer. Bei zunehmender Immunisierung unter anderem durch Corona-Impfungen wäre die Wachstumsrate der Inzidenz eine andere. „Unter Berücksichtigung der Immunisierung nimmt die Reproduktionsrate etwas ab“, schilderte die Forscherin. Einen deutlichen Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz prognostizierte allerdings auch Szenario zwei, allerdings nicht in den von Spahn befürchteten Dimensionen.

Schüller setzte hierfür voraus, dass bis Oktober insgesamt 55 Millionen Menschen einen vollständigen Impfschutz haben. Zudem diente ein R-Wert von 1,5 als Ausgangspunkt. Dann läge die Inzidenz auch Anfang September noch knapp unter 100. Richtung Monatswechsel würde der Wert die 200 deutlich überschreiten, allerdings auch Anfang Oktober noch unter 300 bleiben.

Eine genaue Prognose der ersten Wochen ist auch für Experten wie Schüller schwierig. Zu viele mit einberechnete Faktoren ändern sich, mitunter auch deutlich. So setzte die Statistikerin unter anderem Voraus, dass die Impfstoffe zu 65 prozentige Wirksamkeit haben. Sollten beispielsweise neue Studien hier einen neuen Wert ergeben, wäre Schüllers Berechnung hinfällig. (kh)

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