Ein Soldat wird an einem Armeestützpunkt mit dem Impfstoff von Phizer/BioNTech gegen das neuartige Coronavirus geimpft.
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Israel ist Vorreiter bei der Impfstoff-Vergabe.

Bereits 40 Prozent geimpft

Impf-Champion Israel: Studie zu Wirksamkeit macht Hoffnung - doch in puncto Herdenimmunität droht jetzt Tiefschlag

  • Julia Hanigk
    vonJulia Hanigk
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Israel gilt als Vorreiter in der Durchimpfung der Bevölkerung. Trotzdem kämpft das Land mit drastischen Corona-Zahlen - eine Herdenimmunität ist trotz hochwirksamem Impfstoff nicht in Aussicht.

  • Kein Land impft bisher so schnell und erfolgreich wie Israel. Das Land hat sich auch durch Weitergabe der Gesundheitsdaten zu einem Testlabor für Forscher:innen entwickelt.
  • Eine Studie zeigt nun: Das Vakzin schafft eine 95-prozentige Wirksamkeit nach der zweiten Dosis.
  • Eine Herdenimmunität will sich aber trotzdem nicht einstellen - das Land kämpft weiterhin mit hohen Infektionszahlen. Besonders sich schnell verbreitende Mutationen sind ein Problem.

Jerusalem - Israel gilt derzeit als eine Art Corona-Testlabor. Im Turbo-Tempo werden die Menschen geimpft, inzwischen haben rund 40 Prozent der Israelis eine erste Impfdosis erhalten. Unter den über 60-Jährigen sind es sogar etwa 80 Prozent. Das ist der höchste Wert weltweit und möglich durch ein digitalisiertes Gesundheitssystem.

Dass Israel am schnellsten mit den Corona-Impfungen voranschreitet, ist aber auch kein Zufall. Das Land zahlt dem Impfstoffhersteller Biontech mehr pro Dosis als die EU und liefert gleichzeitig umfangreiche Gesundheitsdaten der Bürger:innen über die Wirksamkeit des Vakzins unter realen Lebensbedingungen. So wurde nun eine Studie veröffentlicht, die Hoffnung gibt.

Zunächst einmal unterscheidet man zwischen zwei Wirksamkeiten des Vakzins. Ran Balicer, Vorsitzender des israelischen Corona-Expertengremiums erklärt gegenüber afp: „Zum einen gibt es den direkten Effekt, der den Einzelnen gegen symptomatische Erkrankungen und schwere Krankheiten schützt“ und „zum anderen den indirekten Effekt, der entsteht, wenn ein bestimmter Anteil der Bevölkerung geimpft ist und eine Barriere bildet, mit deren Hilfe die Übertragungen abnehmen.“ Die sogenannte Herdenimmunität.

Studie belegt: Vakzin zu 95 Prozent wirksam - aber trotzdem keine Herdenimmunität

Nun zeigt die Studie, die bisher allerdings noch in keinem Fachmagazin erschienen ist, auf: Das Vakzin ist hochwirksam. Bereits eine Woche nach der zweiten Impfdosis ist eine Wirksamkeit von 95 Prozent erreicht. Die Impfung reduziere auf jeden Fall schwere Covid-19-Fälle, so auch Balicer. Die Frage nach der Herdenimmunität aber bleibe offen.

Denn trotz der Impfkampagne verzeichnet Israel weiterhin täglich mehr als 5000 Corona-Neuinfektionen. Das Neun-Millionen-Einwohner-Land hatte Ende Dezember einen Teil-Lockdown verhängt und vor einem Monat verschärft. Nun kündigte die Regierung allerdings überraschende Lockerungen an - obwohl das Gesundheitssystem des Landes immer noch nahe der Belastungsgrenze arbeitet.

Vorgesehen ist eine schrittweise Aufhebung, die es es den Bürger:innen erlaube, sich weiter als einen Kilometer von ihren Häusern zu entfernen und Dienstleistungen wie einen Friseurbesuch in Anspruch zu nehmen. Naturschutzgebiete und Nationalparks dürfen wieder öffnen, ebenso Ferienwohnungen. Hotels bleiben jedoch geschlossen, Restaurants dürfen Speisen nur zum Mitnehmen verkaufen. Der internationale Flughafen in Tel Aviv wie auch die Landesgrenzen bleiben weiterhin geschlossen, hieß es von Seiten der Regierung. „Ich rufe die Öffentlichkeit auf, die Anweisungen zu respektieren und sich impfen zu lassen“, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu. Die Regierung macht für die immer noch sehr hohen Infektionszahlen vor allem eine Mutation verantwortlich, häufig wurden Lockdown-Maßnahmen aber auch bewusst missachtet – vor allem ultra-orthodoxe Juden sollen regelmäßig gegen die Regeln verstoßen.

Mutationen verhindern die geplante Herdenimmunität

Obwohl also bereits ein Drittel der Bevölkerung zumindest eine der beiden Impfdosen erhalten hat, gab es im Januar die meisten Todesfälle seit Beginn der Pandemie, die Neuansteckungen sind hoch. „Die Zahl der neuen positiven Corona-Fälle pro Tag hat in den vergangenen eineinhalb Monaten nicht abgenommen“, sagt der renommierte Experte Gabi Barbasch vom Weizmann-Institut für Wissenschaften gegenüber afp. „Liegt das daran, dass der Lockdown kein echter Lockdown ist, oder dass der Impfstoff die Übertragung des Virus nicht reduziert? Im Moment kann das niemand sagen.“

Eine erhoffte Herdenimmunität stellt sich jedenfalls so nicht ein. Ursprünglich gingen Forscher:innen davon aus, es würde reichen, 70 Prozent der Einwohner:innen zu impfen - nun stellt sich heraus: Schätzungen zufolge müssten es 85 bis 95 Prozent sein. Deutlich mehr als ursprünglich angenommen. Ein fast unmögliches Ziel, wie Epidemiologin Gili Regev-Yochai gegenüber der Zeitung Welt erzählt. Sie ist Direktorin der Epidemiologie-Abteilung der Sheba-Krankenhäuser in Israel. Schuld daran sind wohl die Mutationen des Virus, die vermutlich ansteckender sind. Aber nicht nur das: Einerseits gibt es auch unter der israelischen Bevölkerung Impfgegner:innen, andererseits liegt das Mindestalter für den Erhalt einer Impfdosis vor Ort derzeit bei 16 Jahren. Ein Drittel der Einwohner:innen sind aber Kinder unter 16.

Die Impfbereitschaft sinkt - und eine fehlende zweite Impfung bietet keinen ausreichenden Schutz

Es gibt aber noch ein weiteres Problem: Forscher:innen des Maccabi-Instituts, einer Einrichtung des zweitgrößten israelischen Krankenversicherers, kommen in ihrer jüngsten Studie zu dem Schluss, dass die erste Impfung 13 bis 24 Tage danach Infektionen um 51 Prozent reduziert. „Zwei Wochen nach der ersten Dosis sieht man einen signifikanten, aber keinen vollständigen Rückgang der Infektionen“, sagt Mitautor Gabriel Chodick gegenüber afp. Deshalb sei es wichtig, ein zweites Mal zu impfen. Nach einem ersten Ansturm, erscheinen nun aber immer weniger Personen für Termin zwei in den Impfzentren. Unter anderem auch, weil sich in den sozialen Medien immer mehr Gerüchte breit machen wie beispielsweise, dass der Wirkstoff unfruchtbar mache. Allgemein ist die Impfbereitschaft stark zurückgegangen - eine erhoffte Herdenimmunität ist trotz hoffnungsvoller Studien-Ergebnisse vorerst nicht in Aussicht. (jh)

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