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Lauterbach will Ladenhüter Paxlovid einfacher unters Volk bringen – erntet aber auch kritische Nachfragen

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Von: Bettina Menzel

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Gesundheitsminister Lauterbach
Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, im Bundesgesundheitsministerium. © Bernd von Jutrczenka/dpa/Archiv

280.000 Packungen des Corona-Medikaments Paxlovid drohen 2023 abzulaufen. Karl Lauterbach wirbt nun für mehr und einfachere Verabreichung - und erntet dafür Gegenwind.

Berlin - In den USA kommt das antivirale Corona-Medikament Paxlovid 40.000 Mal pro Tag zum Einsatz, auch US-Präsident Joe Biden erhielt es während seiner Coronavirus-Erkrankung. In Deutschland wurde es bislang nur rund 30.000 Mal verschrieben - insgesamt. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist der Meinung, dass Paxlovid hierzulande viel zu wenig genutzt wird. Für Tipps und Ideen in einem sonntäglichen Tweet erntet er einiges an Gegenwind. Unterdessen drohen hunderttausende Packungen des Medikaments abzulaufen.

Deshalb will Karl Lauterbach häufiger Paxlovid einsetzen

Erst kürzlich war Lauterbach in die USA gereist und hatte von dort eigenen Aussagen zufolge wichtige Erkenntnisse mitgenommen: Um trotz Impflücke die Sterblichkeit zu bekämpfen, setzen die US-Amerikaner bei etwa 40.000 Corona-Patienten pro Tag Paxlovid ein. Der bekannteste Empfänger war bislang wohl US-Präsident Joe Biden. Der 79-Jährige hatte allerdings mit dem sogenannten Rebound-Effekt von Paxlovid zu kämpfen, denn er war wenige Tage nach der Genesung von seiner ersten Corona-Infektion erneut positiv getestet worden. Das antivirale Corona-Medikament Paxlovid gilt dennoch als „Game-Changer“ und soll Risikopatienten vor einem schweren Verlauf bewahren.

Corona-Medikament Paxlovid verhindert schwere Krankheitsverläufe. Doch es gibt ein seltenes Problem.
Corona-Medikament Paxlovid verhindert schwere Krankheitsverläufe. Doch es gibt ein seltenes Problem. © Richard B. Levine/imago

„Paxlovid senkt bei Älteren die Corona-Sterblichkeit um bis zu 90 Prozent“, schrieb Lauterbach nun dazu auf Twitter. „Es wird viel zu wenig genutzt“, so der Minister. Älteren Menschen riet er deshalb zur Einnahme. „Ab sofort dürfen Hausärzte das Medikament selbst dem Patienten abgeben auch ohne Gang zur Apotheke“, erklärte der Mediziner. Wenn Symptome und Schnelltests eindeutig seien, könne der Hausarzt nun per Anruf die Covid-Diagnose stellen. „Auf telefonische Verordnung kann dann der Bote das Medikament vorbei bringen. Das kann Leben retten“, so der Minister. Das ist ein Novum in Deutschland, normalerweise haben Apotheken das Monopol auf die Abgabe von Arzneimitteln.

Paxlovid-Diskussion auf Twitter: Gegenwind für den Gesundheitsminister

Lauterbach selbst ist Epidemiologe und Arzt und bei der Studienlage eigenen Angaben zufolge in der Regel auf dem neuesten Stand. Als entsprechend fundiert gelten seine Empfehlungen. Auch das Robert-Koch-Institut hält den Einsatz von antiviralen Medikamenten wie Paxlovid oder Remdesivir bei Risikopatienten oder Menschen mit unvollständigem Impfschutz für sinnvoll, wie ein Vorschlag für Intensivmediziner bei der Auswahl der antiviralen Therapie zeigt. Auf Twitter gab es dennoch Gegenstimmen zu Lauterbachs Empfehlung.

Allen voran meldete sich der Arzt Friedrich Pürner zu Wort, der dem Gesundheitsminister Lobbyarbeit für Pharmafirmen vorwarf. „Sie machen Werbung für ein Medikament. Das ist unethisch“, so der Mediziner und erhielt dafür tausende „Likes“ auf Twitter. Lauterbach sei ein „Pharmavertreter“ kein Gesundheitsminister, so sein Vorwurf. Pürner selbst wurde aufgrund seiner unwissenschaftlichen Äußerungen während der Corona-Pandemie als Leiter des Gesundheitsamtes in dem er arbeitete, abberufen. Beifall erntete er damals von der AfD und Querdenkern.

Doch zu Lauterbachs Vorschlag gab es auf Twitter auch sachliche Kritik. Ein User machte deutlich, dass eine Definition des Begriffs „älter“ sinnvoll wäre. „Älter“ sei für ihn und viele andere auch schon ein 50-Jähriger, schrieb der Nutzer. „Es ist sicher ratsam, hier einmal kurz darzustellen, für wen genau das Medikament in der Regel indiziert ist, bevor ab morgen bei vielen Niedergelassenen das Telefon nicht mehr still steht“, sorgte sich der Twitter-User um das Arbeitspensum der Hausärzte. Ab welchem Alter Lauterbach das Medikament empfiehlt, war aus dem Posting nicht klar zu lesen.

Eine Preprint-Studie aus Israel von der Forschergruppe um Ronen Arbel gibt darauf einen möglichen Hinweis. Der Untersuchung zufolge hat Paxlovid eine gute Wirksamkeit bei Patienten über 65 Jahren. Demnach reduzierte es bei älteren Menschen das Risiko einer Krankenhauseinweisung aufgrund einer Corona-Erkrankung um 67 Prozent. Das Medikament verringerte in der Untersuchung die Wahrscheinlichkeit an Covid zu sterben um 81 Prozent. Eine in der medizinischen Fachzeitschrift British Medical Journal BMJ veröffentlichte Studie kam sogar auf eine um 89 Prozent niedrigere Sterberate.

Lauterbach will Verschreibungszahlen erhöhen: Hunderttausende Packungen laufen im Februar 2023 ab

Anders als in den USA ist Paxlovid hierzulande ein Ladenhüter. Wegen geringer Nachfrage droht in Deutschland die Vernichtung von Hunderttausenden Packungen des Corona-Medikaments. Das geht aus einer Antwort des Bundesgesundheitsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der CSU hervor, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete. Demnach wurden von den bestellten eine Million Packungen bisher 460.000 an den Großhandel ausgeliefert. „Davon erreichen 280.000 bis Februar 2023 ihr Verfalldatum“, hieß es in der Antwort. Eine mögliche Verlängerung der Haltbarkeit des Arzneimittels werde geprüft und Karl Lauterbach versuche, die Verschreibungszahlen von Paxlovid zu erhöhen, so die Antwort des Gesundheitsministeriums weiter.

„Dass nun Paxlovid-Dosen für Millionen von Euro abzulaufen drohen, zeigt, dass Karl Lauterbach nichts dazugelernt hat“, sagte CSU-Gesundheitspolitikers Stephan Pilsinger und spielte dabei auf die bereits erfolgte Vernichtung von mindestens vier Millionen Corona-Impfstoffdosen an. Bevor das wertvolle Medikament ungenutzt abläuft, „sollte man es lieber an ärmere Länder verschenken“, forderte der CSU-Politiker weiter (bme mit Material von dpa).

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