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Bayerns Krankenhaus-Chef schlägt Corona-Alarm - „Lage weit dramatischer als vor einem Jahr“

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Von: Sebastian Horsch

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Die vierte Corona-Welle ergreift das Land - und viele Krankenhäuser malen ein düsteres Szenario an die Wand (Symbolbild)
Die vierte Corona-Welle ergreift das Land - und viele Krankenhäuser malen ein düsteres Szenario an die Wand (Symbolbild). © Sergei Bobylev/Imago

Die angespannte Corona-Lage stellt die Krankenhäuser vor eine große Herausforderung von unbekanntem Ausmaß. Der Chef der bayerischen Kliniken erklärt, was jetzt zu tun ist.

München – Roland Engehausen vertritt als Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft rund 360 Kliniken. Im Interview erklärt er, warum ihm die Corona-Lage so große Sorgen bereitet – und welche Folgen für alle Patienten drohen. 

Herr Engehausen, wie ernst ist die Lage in Bayerns Krankenhäusern?

Roland Engehausen: Die Lage ist noch weit dramatischer als vor einem Jahr. Und die Hoffnung, dass diese Situation wie ein Gewitter durch Bayern zieht und rasch wieder vorbeigeht, wird sich leider nicht erfüllen. Jeden Tag denken wir, es kann nicht schlimmer werden – bis es dann doch wieder schlimmer kommt. Die Versorgung der Patienten ist gefährdet. Wenn die Zahlen der Corona-Patienten weiter so steigen, können wir sie bald nicht mehr sicherstellen. Wir stehen damit vor einer unbekannten Situation, weil wir einen solchen Engpass, der auf uns zurollt, noch nie hatten.

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Was bedeutet es konkret, wenn die Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann?

Engehausen: Das ist ein schleichender Prozess. Anders als zum Beispiel in Indien werden wir sicher keinen Engpass an Beatmungsgeräten bekommen. Uns fehlt es schlicht am Personal. In engen Grenzen, könnte man das vielleicht noch abmildern, in dem wir flexibler mit Personaleinsätzen umgehen. Allerdings sind unsere Ärzte und Pflegekräfte schon jetzt quasi rund um die Uhr im Einsatz.

Was heißt das für die Patienten?

Engehausen: Wenn es so weiter geht wie es derzeit aussieht, kann es für die Patienten zu immer längeren Anfahrtswegen kommen, um eine Klinik zu finden, die sie noch behandeln kann. Zudem werden bereits jetzt einige Behandlungen, die idealerweise auf der Intensivstation stattfinden, auf der Normalstation durchgeführt und planbare Eingriffe müssen soweit überhaupt noch vertretbar immer länger verschoben werden. Und da sprechen wir auch über Krebsoperationen, die man schon mal ein paar Tage oder notfalls auch Wochen verschieben kann – aber sicher nicht für Monate. Wir gelangen da an einen Kipppunkt, an dem das irgendwann nicht mehr verantwortbar ist. Für die Erkrankten aber auch für unsere Beschäftigten ist das ein großes praktisches und emotionales Problem.

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Was muss jetzt passieren?

Engehausen: Wir sind wirklich entsetzt, wie sich die Bundespolitik nach der Wahrnehmung unserer Kliniken vor Ort in eine theoretische Diskussion verrannt hat, ob wir nun aus juristischer Sicht eine epidemische Lage haben oder nicht, anstatt zu handeln. Wir befinden uns derzeit in einem Hamsterrad, das sich immer schneller in die falsche Richtung dreht, weil die steigende Belastung in der Pandemie auch noch zu immer mehr Ausfällen und in letzter Zeit sogar zu Kündigungen beim Personal führt. Deshalb brauchen die Kliniken jetzt mehr Rückendeckung. Bei den Dokumentationspflichten und den Abrechnungsprüfungen brauchen wir Entlastung von bürokratischen Vorgaben. Zudem brauchen wir eine eindeutige finanzielle Budgetabsicherung um alle Kräfte für die die Patientenversorgung in der Pandemie bündeln zu können.

Und außerhalb der Kliniken?

Engehausen: Es braucht wieder weniger Mobilität und mehr Homeoffice damit sich das Virus nicht so schnell verbreiten kann. Gestoppt werden kann die Entwicklung aber nur durch mehr Impfungen. Wir würden eine einrichtungsbezogene Impfpflicht im gesamten Gesundheits- und Sozialbereich begrüßen. Und bei den Booster-Impfungen muss jetzt der Turbo eingelegt werden – besonders in den Alten- und Pflegeheimen. Zudem sind wir für mehr 2G- und 2Gplus-Regelungen, auch wenn dies die Bewegungsmöglichkeiten für Ungeimpfte einschränkt.

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Interview: Sebastian Horsch

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