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Harter Kampf gegen das Coronavirus: deutsche Ärzte und Krankenpfleger, hier in Dresden.

Wut-Post trifft vor allem Jens Spahn

Corona: Deutscher Krankenpflegerin platzt wegen Applaus-Menschen der Kragen - „Fühle mich verarscht ...“

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Das Posting einer Berliner Krankenpflegerin zur Corona-Krise geht viral. Sie kritisiert darin Bundesgesundheitsminister Jens Spahn scharf. Und nicht nur ihn.

  • Deutschland kämpft gegen das Coronavirus * - das öffentliche Leben ist wegen der Corona-Krise lahmgelegt.
  • In der Bundesrepublik und europaweit gehen Menschen auf Balkone, um für Ärzte und Krankenpfleger zu applaudieren.
  • Eine deutsche Krankenschwester und eine italienische Ärztin reagieren gereizt darauf - und attackieren die Politik.

München - Ihr Posting vom 23. März wurde bis Sonntagabend, 29. März, kurz vor 18 Uhr, mehr als 69.500 Mal geteilt. Viral geht ein Social-Media-Beitrag immer dann, wenn er entsprechende Relevanz hat.

Nina Magdalena Böhmer, 28-jährige Krankenpflegerin aus Berlin, hat ihrer Wut bei Facebook Luft verschafft. Die junge Frau ist in Zeiten der Corona-Krise in einem Berliner Krankenhaus im Einsatz und hat sich nun überdeutlich über die Ausstattung von Krankenschwestern und -pflegern im Kampf gegen das heimtückische Coronavirus* beschwert.

Corona-Krise in Deutschland: Junge Krankenpflegerin attackiert Jens Spahn 

Und nicht nur das: Sie attackierte die Politik von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) scharf und verurteilte wohl lieb gemeinte Solidaritätsbekundungen durch die deutsche Bevölkerung für das medizinische Personal auf den Intensivstationen und in den Notaufnahmen der Republik, wo meist Risikogruppen wie ältere Menschen mit Corona-Infektion * behandelt werden.

„Ich bin richtig doll traurig und enttäuscht, ich fühle mich verarscht und ich kann es nicht fassen. Ich bin ernsthaft sprachlos“, schrieb Böhmer und meinte: „Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken, ehrlich gesagt... Tut mir leid, es so zu sagen, aber wenn ihr helfen wollt oder zeigen wollt, wie viel wir Wert sind, dann helft uns, für bessere Bedingungen zu kämpfen!“

Kampf gegen das Coronavirus: Viel Frust bei deutscher Krankenpflegerin

Aus Böhmer sprach wohl viel Frust, als sie den Text verfasste. Sie richtete sich weiter an die deutsche Gesellschaft: „Wenn ihr uns helfen wollt, dann klatscht nicht, singt nicht, unterschreibt lieber eine Online-Petition und wählt Parteien, die sich für uns einsetzen. Ich verrate nur so viel: Jens Spahn ist es nicht.“

Ihre Kritikpunkte: Unzureichende Ausrüstung und Bezahlung des medizinischen Personals in den Krankenhäusern sowie eine permanente Arbeitsüberlastung. Der Bundesgesundheitsminister der Union bekam nicht nur im Posting der jungen Krankenpflegerin richtig Unmut ab.

In einem Beitrag für den Tagesspiegel schrieb sie zudem: „Vor ein paar Wochen hat Jens Spahn entschieden, wegen Corona* die Personaluntergrenzen für bestimmte Stationen aufzuheben. Natürlich ist das jetzt eine Ausnahmesituation, aber es war doch vorher schon kaum zu schaffen. Wir sind keine Maschinen! Der Pflegenotstand ist ja seit Jahren bekannt. Es gab Berichte, Talkshowdiskussionen, passiert ist nix.“

Stuttgart: Ein Transparent mit der Aufschrift "Danke" hängt vor dem Robert-Bosch-Krankenhaus.

Schwere Vorwürfe also gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung und mutmaßliche Einsparungen im Gesundheitssystem.

Corona-Krise in Deutschland: Schwere Vorwürfe gegen Gesundheitspolitik der Bundesregierung

Böhmer ist mit ihrem Ärger und ihrem Frust derweil nicht alleine - erst kürzlich sorgte eine junge italienische Ärztin mit einem öffentlichen Hilferuf und Kritik an applaudierenden Bürgern auf den Balkonen für Aufsehen.

Bis zur Erschöpfung: Ärzte arbeiten auf der Covid-19-Intensivstation des San Matteo Krankenhauses im italienischen Pavia.

Stefania F., 36 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zweijährigen Zwillingen, Ärztin in Mailand, sprich in der Lombardei, dem Epizentrum der italienischen Corona-Krise*, erklärte im Gespräch mit dem Nachrichtenportal web.de: „Wenn das System jetzt explodiert, ist das zumindest teilweise auch das Ergebnis jahrelanger Einsparungen und Kürzungen der Politik im nationalen Gesundheitssystem.“

Corona in Europa: Auch italienische Ärztin kritisiert applaudierende Bürger auf Balkonen

„Ich bin auch verärgert. Jetzt gibt es all diese wohlmeinenden Aktionen gegenüber Ärzten und Krankenschwestern. Menschen, die auf den Balkonen erscheinen, um zu applaudieren“, meinte Stefania F.: „Das verstehe ich einerseits, andererseits aber stört es mich, denn wir sind die Gleichen geblieben: nämlich diejenigen, die noch bis gestern beleidigt wurden, weil wir angeblich zu spät Untersuchungen gemacht oder wer weiß was getan haben, anstatt zu arbeiten. Wir wollen keinen Applaus, uns reicht wahrer Respekt, wenn die ganze Situation vorbei ist.“

Böhmer geht noch einen Schritt weiter als die italienische Ärztin und wünscht sich: „Wenn das alles vorbei ist, freu ich mich, wenn ihr für uns auf die Straße geht.“

pm

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