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Lauterbach rechnet „500-Tote-Szenario“ vor - Virologe kontert: „Wichtigen Punkt geflissentlich ausgelassen“

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Von: Bedrettin Bölükbasi

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Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit
Laut Gesundheitsminister Karl Lauterbach kann es bei zu schnellen Lockerungen täglich bis zu 500 Todesfällen kommen. © Kay Nietfeld/dpa

Karl Lauterbach prognostizierte bei zu schnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen bis zu 500 Tote am Tag. Virologe Kekulé zufolge fehlt hier aber ein wichtiges Detail.

München - Es ist ein dramatisches Szenario: Mit täglich bis zu 500 Todesfällen rechnet Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), falls die Corona-Maßnahmen in Deutschland zu früh gelockert werden. In der Debatte um Lockerungen warnte er so erneut vor einer zu schnellen Aufhebung einiger Pandemie-Regelungen.

Mit seinem Szenario warf Lauterbach allerdings Fragen auf. Auch bei dem Virologen Alexander Kekulé. Laut ihm fehlt in der Gleichung des Gesundheitsministers ein entscheidendes Detail.

Lauterbach-Szenario zu Corona-Lockerungen: „bis zu 500 Tote täglich“ - Unklarheiten über seine Rechnung

„Ich habe mal ausgerechnet, wie viele Menschen derzeit mit der Strategie Israels sterben würden, wenn wir ähnlich vorgehen würden“, betonte Lauterbach im ZDF. Bei der Rechnung komme man „auf eine Quote von vielleicht 400, 500 Menschen, die in Deutschland sterben würden, wenn wir diese Öffnungen so machen würden“, behauptete der SPD-Politiker. In Deutschland würden aber derzeit täglich bereits zwischen 100 und 150 Menschen sterben, was „immer noch zu viel“ sei. So begründete er seine klare Absage zu Lockerungen.

Wie genau Karl Lauterbach bei seiner Rechnung vorgegangen ist und wie er gerechnet hat bleibt jedoch bislang unklar. War es eine Rechnung oder handelte es sich lediglich um eine Schätzung bei der Aussage des Gesundheitsministers? Eine entsprechende Rückfrage von Welt und ZDFheute ließ das Gesundheitsministerium unbeantwortet.

Doch das Lauterbach-Szenario könnte tatsächlich eintreten, sagt Statistiker Christian Hesse. „Bedenkt man, dass bei dem in unserem Land verbreiteten Omikron-Subtyp BA.1 0,08 Prozent der infizierten Patienten, die Symptome zeigen, versterben, so ergibt sich innerhalb von wenigen Wochen, die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach genannte Zahl von 500 täglichen Todesfällen, dann ebenfalls mit steigender Tendenz“, bestätigte er gegenüber Focus Online.

Corona-Lockerungen: Virologe Kekulé sieht fehlenden Faktor bei Lauterbach-Szenario mit bis zu 500 Toten

Von den Äußerungen Lauterbachs ist der Virologe Alexander Kekulé nicht überzeugt, denn er sieht ein entscheidendes, aber beim Lauterbache-Szenario fehlendes Detail. Ein der Rechnung stecke „ein Unbekannter“, den er „geflissentlich ausgelassen hat“, so der Virologe in der 275. Folge seines MDR-Podcasts. Für ihn ist eine klare Trennung zwischen Delta und Omikron ein wesentlicher Faktor. Ein Faktor, zu dem Lauterbachs Prognose keine Antwort lieferte.

Der Gesundheitsminister behauptete, bei einer Verlängerung der Welle gäbe es auch mehr Tote. Allerdings ist die Charakteristik der Welle an dieser Stelle besonders ausschlaggebend. Ein Standpunkt, den auch Kekulé vertritt: „Wie viele von den Intensivpatienten und von den Verstorbenen waren denn überhaupt Delta-Patienten? Also, das ist ja die die große Frage, weil wir ja eine abebbende Delta-Welle haben und eine massiv explodierende Omikron-Welle.“

„Wie viel Prozent derer, die da verstorben sind, waren denn überhaupt Omikron-Patienten?“, fragt der Virologe weiter und gibt an, erst mit der Beantwortung dieser Fragen könne man auch sicherlich sagen, dass eine Verlängerung der Omikron-Welle zu mehr Todesfällen führen werde. Kekulé warf dem Gesundheitsminister vor, diesen Punkt einfach ignoriert zu haben - offenbar obwohl er sich bewusst über die Situation ist: „Und da Herr Lauterbach das natürlich ganz genau weiß, der kennt sich ja aus, darf ich an der Stelle darauf hinweisen, dass er das geflissentlich ausgelassen hat, diesen wichtigen Punkt.“

Corona-Datenlage: Kekulé verlangt genauere Daten von RKI - Statistiker erzürnt über Lauterbach und Wieler

Für eine bessere Einschätzung der Lage forderte Alexander Kekulé mehr Einsatz auch vom Robert-Koch-Institut. „Ich glaube, das RKI sollte mal die Frage beantworten – das ist, glaube ich, für das Verständnis dessen, was gerade passiert, ganz wichtig – wieviel Prozent von denen, die auf der Intensivstation liegen und schwerstkrank sind oder gar sterben, denn tatsächlich Omikron-infiziert sind“, unterstrich der Virologe.

Das RKI ist in der Pandemie-Zeit häufig in Kritik aufgrund der teils unübersichtlichen Datenlage und fehlerhaften Meldungen geraten. Der Medizinstatistiker Gerd Antes beschwerte sich nun auf Twitter sowohl darüber, dass keine Besserung eingetreten ist als auch über die Prognose Lauterbachs. So bekam RKI-Chef Lothar Wieler ebenfalls was von der Kritik ab. „Kein Wunder, dass Lauterbach 500 Tote bieten muss, er ist schließlich der Chef. Ein Problem dabei, dass auch der Angestellte mit seinen 400 krachend danebenliegt“, schrieb Antes.

Damit verweist er auf eine kontroverse Aussage Wielers gegenüber Zeit Online Ende November. „Wenn sich 50.000 Menschen infizieren, werden 400 von ihnen sterben“, lautete damals die Vorhersage des RKI-Chefs. Doch selbst mit der Delta-Variante kam es nicht zu der von Wieler prognostizierten Zahl. Zu dem jüngsten Lauterbach-Szenario twitterte Antes: „Kein Schüler oder Student kommt mit einer solchen Behauptung ohne Begründung davon. Wieso ein Minister? Weil es peinlich werden könnte?“ (bb)

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