Kommt die dritte Welle?

Experten fordern längeren Lockdown: 3. Welle bald da - Prognose-Modell sagt schlimmes Szenario voraus

  • Martina Lippl
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Keiner will es wohl hören, doch Experten warnen eindringlich vor Lockerungen. Jetzt zu öffnen, geht aus ihrer Sicht nach hinten los.

München - Seit November befindet sich Deutschland im Lockdown. Das Leben ist im Pausenmodus. Das zehrt. Diskussionen über Lockerungen sind schon vor dem Corona-Gipfel am 3. März entbrannt. Denn, die Corona-Fallzahlen steigen wieder. Kein gutes Zeichen. Dazu breiten sich die Corona-Mutationen aus. Der Anteil der britischen Mutation liegt bereits bei über 20 Prozent. Deutschlands Intensivmediziner sind alarmiert.

„Wir fordern eine Fortführung der Lockdown-Maßnahmen bis zum 1. April“, sagte DIVI-Chef Prof. Dr. med. Gernot Marx bei einer Videoschalte bereits am Donnerstag. „Sonst wird die 3. Welle nur sehr schwer oder überhaupt nicht beherrschbar sein.“ Es sei wichtig, dass der R-Wert nicht über 1 steigen darf.

Seine Forderungen belegt Gernot Marx, Präsident der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), mit unterschiedlichen Szenarien eines neuen Prognose-Modell. Relevante Faktoren für die Auslastung der Intensivstationen sind dabei die Ausbreitung der britischen Corona-Mutation B.1.1.7 sowie das Tempo beim Impfen der Menschen über 35 Jahren.

Lockerungen? Prognose-Modell sagt schlimmes Szenario voraus

Was bei einer Lockerung schon ab dem 7. März passieren könnte, haben die Intensivmediziner im neuen DIVI-Prognose-Modell berechnet:

Im schlimmsten Szenario könnte ein Öffnen im März die Zahlen schwerkranker Covid-19-Patienten explodieren lassen: Mit 25.000 Corona-Patienten auf der Intensivstation sei demnach bereits Mitte Mai zu rechnen, so die Prognose der deutschen Intensivmediziner. Zum Vergleich: Der Peak auf den Intensivstationen habe, laut DIVI-Chef Marx, im Januar bei 6.000 Patienten gelegen, momentan bei 2.900. Diese Zahl der Intensivpatienten entspricht dem Höhepunkt der ersten Welle im Frühjahr.

Lockdown oder Lockerung - R-Wert von 1,2 zeigt drastische Folgen auf den Intensivstationen

Bei diesem ungünstigen Szenario wurde ein R-Wert von 1,2 für den sogenannten Wildtyp - das ursprüngliche Sars-CoV-2-Virus - zugrunde gelegt. Also der Wert, den wir kurz vor Weihnachten in Deutschland hatten. Für die britische Corona-Mutation nahmen die Wissenschaftler einen R-Wert von 1,55 an. Bei den Impfungen eine durchschnittliche Zahl von 230.000 pro Tag.

„Die Infektion würde mangels Impfschutz quasi einfach durchlaufen“, sagte Prof. Dr. Christian Karagiannidis in der Video-Schalte. Zum Vergleich: Im Schnitt werden pro Tag 152.179 Impfungen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführt - Stand 1. März.

„Die Grafiken erschrecken einen im ersten Moment, doch wir sind in der Lage die Corona-Pandemie zu beherrschen“, sagte DIVI-Chef Prof. Gernot Marx. Eine Lockerung erst im April oder noch später bringe nach Meinung der Intensivmediziner eine Perspektive. Die Lage in den Kliniken wäre zu bewältigen.

Die Corona-Infektionswelle läuft der Impfwelle voraus, so beschreibt es Karagiannidis. Eine spätere Öffnungsstrategie könnte das nach den Modellrechnungen verzögern und sogar abbremsen. „Drei Wochen Disziplin zwischen 7. März und 1. April entscheiden das Spiel in der Nachspielzeit“, bilanzierte Christian Karagiannidis, Leiter des DIVI-Intensivregisters. Ein wichtiger Punkt bei den Öffnungsstrategien ist zudem nach Ansicht der Mediziner der R-Wert und die Kontrolle.

Das Prognose-Modell sei ein robustes Instrument, so Marx. Es funktioniere, das hätten schon die bisherigen Prognosen für die Auslastung der Intensivbetten ergeben. Die Modell-Berechnungen gehen zudem davon aus, dass eine konstante Impfquote pro Altersgruppe eingehalten wird. Und das eine Corona-Impfung zu 100 Prozent vor einem „schweren, intensivpflichtigen Krankheitsverlauf schützt“. Dabei berufen sich die Modellierer auf den Stand der Wissenschaft.

Die Grafik zeigt verschiedene Szenarien: Intensivbettenbelegung bei Kontrolle des R-Wertes für den Wildtyp um 1 (=1.35 für B 1.1.7) in Abhängigkeit von dem Zeitpunkt der Lockerung mit Erreichen des R-Wertes von 1 für den WT.

Ein Lockdown bis Anfang April brächte nach DIVI-Prognose-Modell noch 5.000 Covid-19-Patienten Mitte Mai auf die Intensivstation. Doch, dann habe die Impfwelle eine bessere Chance sich vor die Infektionswelle zu schieben (siehe DIVI-Grafik).

Laut dem Modell wäre eine Öffnung nach zum 21. April noch hilfreicher. Dann gäbe es Mitte Mai nur rund 2.500 Corona-Patienten auf den Intensivstationen (siehe DIVI-Grafik). Hier finden Sie unseren News-Ticker zum Thema Corona in Deutschland.

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