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Experte warnt: Long-Covid wird bei Kindern unterschätzt - Tausende Betroffene befürchtet

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Zwei Kinder mit Maske laufen mit Schulranzen einen Weg entlang.
Long-Covid-Folgen bei Kindern? Der Experte Daniel Vilser von der Uniklinik Jena hält das Risiko für unterschätzt (Symbolbild). © IMAGO / Addictive Stock / Philippe Degroote

Der Experte Daniel Vilser warnt, dass die Long-Covid-Folgen bei Kindern aktuell unterschätzt würden. Tausende Kinder in Deutschland könnten betroffen sein – Tendenz steigend.

Jena - „Aus meiner Sicht wird die [Lage] noch ganz klar unterschätzt“, sagt der Long-Covid-Experte des Universitätsklinikums Jena, Daniel Vilser, im Gespräch mit der Tagesschau über die Long-Covid-Folgen bei Kindern. Der Kinderarzt richtete an der Universitätsklinik Jena die erste deutschlandweite Long-Covid-Ambulanz ein und erlebt täglich Kinder und Jugendliche mit Corona-Spätfolgen. 

Am Anfang habe man gesehen, dass vor allem ältere Menschen schwer an Corona erkranken. Es habe sich damit die Überzeugung in den Köpfen der Menschen festgesetzt, dass Kinder nicht schwer betroffen seien. Die akute Infektion sei bei Kindern nach wie vor als mild einzuschätzen, doch die Langzeitfolgen würden durchaus eine Rolle spielen, merkt Vilser an. „Auch Kinder leiden viel unter dem sogenannten Fatigue-Syndrom, also einer verminderten Belastbarkeit“, so der Experte weiter. Symptome seien Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Konzentrations- und Schlafprobleme.

Long-Covid bei Kindern: Das sind die Schwierigkeiten einer Diagnose

„Natürlich ist es schwieriger als Kind Gehör zu finden“, warnt der Arzt. Zusätzlich kämen die Symptome von Long-Covid auch bei anderen Krankheiten vor. Zudem gäbe es auch psychosomatische Erkrankungen mit ähnlichen Beschwerden. „Die Kinder sind zu Scharen auffällig, allein wegen des Lockdowns“, berichtet der Experte.

Somatische und psychosomatische Ursachen auseinanderzudividieren sei eine große Herausforderung. Zu diesem Zweck mache man in der Long-Covid-Ambulanz eine ausführliche Diagnostik, untersuche das Herz, die Lunge, den Bauch und das Blut. Zudem erfolge eine genaue psychologische Prüfung, um auszuschließen, dass die Symptome nicht von einer psychosomatischen Erkrankung herrühren, die einen anderen Behandlungsweg erfordert.  

Long-Covid: Zahlen betroffener Kinder werden steigen

Wie viele Kinder in Deutschland betroffen seien, lasse sich aktuell nicht genau beziffern: „Genaue Zahlen für Deutschland gibt es derzeit nicht“, sagt Daniel Vilser, der Leiter der Long-Covid-Ambulanz der Uniklinik Jena der Tagesschau. Aktuelle Zahlen stammen aus Großbritannien. Etwa 30.000 Kinder leiden dort unter Long-Covid, wie aus Angaben des nationalen Statistikinstitutes hervorgeht. „Man kann davon ausgehen, dass es in Deutschland nicht weniger sein werden“, schätzt Vilser die Lage ein. Diese Zahlen spiegeln noch keine Differenzierung zwischen schweren und leichten Fällen wider. Schwere Fälle seien deutlich seltener, gibt der Experte zu bedenken. Laut 24vita.de* geht eine kanadische Studie davon aus, dass sechs Prozent der infizierten Kinder Long Covid entwickeln.

„Je mehr Kinder infiziert sind, desto mehr Langzeitfolgen werden wir sehen“, schätzt der Leiter der Covid-Ambulanz Jena. Über die nächsten ein, zwei Jahre gebe es nur zwei Optionen: Entweder man habe sich impfen lassen oder man habe die Infektion bekommen. Auf Dauer werde man einem von beidem nicht ausweichen können.

Impfungen für Kinder? „Verlässliche Zahlen fehlen derzeit“

„Wenn wir dabei bleiben, dass wir sagen: Kinder werden nicht geimpft, wird es zumindest nicht weniger werden mit den Langzeitfolgen“, ist Vilsers Prognose für die Zukunft. Auf die Frage, ob er auf eine baldige Impfempfehlung der ständigen Impfkommission (STIKO) hoffe, entgegnete der Arzt: „Ich hoffe darauf, dass wir solide Daten bekommen, anhand derer die STIKO dann eine Empfehlung treffen kann.“

Das Problem sei derzeit nicht, dass die STIKO sage, sie halte die Impfung für Kinder für unsicher. „Das Problem ist, dass sie noch nicht genug Daten hat, um wirklich ganz sicher zu sein, dass die Impfung allen Kindern empfohlen werden kann.“ Im Hinblick auf den Schulalltag nach den Sommerferien müsse man damit rechnen, dass die Infektionszahlen wieder hochgehen würden, da die Schüler nicht geimpft seien. Vernünftige Konzepte müssen her, fordert der Mediziner und mahnt zum Abschluss: „Ich hoffe sehr, dass wir uns nicht so überraschen lassen, wie es letztes Jahr der Fall war.“

Impfung für Kinder: Sachliche Diskussion zum Thema oft schwierig

In der Öffentlichkeit wird das Thema Impfungen für Kinder heiß diskutiert. Ein Austausch von Argumenten wäre zielführend, doch die Debatte wird oftmals weniger sachlich, sondern vor allem emotional geführt. Der Arzt Dr. Christian Kröner beispielsweise bietet in seiner Praxis Impfungen für Kinder an und erhält deshalb Morddrohungen und Beleidigungen. Ein Argument seiner Kritiker: Der Arzt setze sich mit seinem Impfangebot über eine Empfehlung der STIKO hinweg. Die Faktenlage ist eine andere, wie ein Blick auf die Empfehlungen der STIKO verrät: Die Impfkommission empfiehlt die Impfung explizit für Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren mit Vorerkrankungen. Eine Warnung für Impfungen von Kindern ohne Vorerkrankungen gibt es hingegen nicht – ebenso wenig wie eine konkrete Empfehlung. Diese Entscheidung ist damit jedem selbst überlassen – und vielleicht deshalb so umstritten. - *Merkur.de und 24vita.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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