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Forscher prüfen, welche Maßnahmen am effektivsten gegen die Pandemie helfen. (Symbolbild)

TU Berlin und Oxford University

Corona: Welche Maßnahmen helfen am besten gegen die Pandemie? Zwei Studien könnten wegweisend sein

  • Jonas Napiletzki
    vonJonas Napiletzki
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Welche Corona-Maßnahmen sind sinnvoll? Wo infizieren sich die meisten Menschen? Zwei Studien geben darüber Aufschluss und könnten wegweisend für die Politik sein.

Berlin - Der R-Wert* gibt an wie viele Menschen eine mit dem Coronavirus infizierte Person durchschnittlich ansteckt. Das bekannte Ziel: Er muss unter 1 liegen, da sonst ein exponentielles Wachstum der Infektionen droht. Die Maßnahmen werden nach den Beschlüssen der jüngsten Bund-Länder-Konferenz zwar weiterhin am Inzidenzwert festgemacht, da der R-Wert im Nachhinein geschätzt wird und bei alleiniger Betrachtung nicht aussagekräftig genug ist.

Trotzdem ist er ein wichtiger Indikator, der nicht nur aus den Inzidenzwerten resultiert, sondern auch mit Maßnahmen gesenkt werden kann. Das Vorgehen, an diese Zahlen Maßnahmen zu knüpfen, ist einleuchtend - passieren viele Ansteckungen doch in privaten Haushalten. Doch welche Corona-Regeln am wirksamsten gegen die Ausbreitung des Coronavirus sind, darüber wird viel diskutiert.

Lösungsansätze bietet jetzt eine internationale Übersichtsstudie eines Teams um Jan Brauner von der britischen Oxford University aus dem Februar. Und auch der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin modelliert zusammen mit Kollegen in einem Computermodell, welchen Einfluss verschiedene Seuchenschutzmaßnahmen auf die Verbreitung des Erregers in Berlin hätten.

Corona-Ausbreitung: Oxford-Studie gibt Aufschluss darüber, welche Maßnahmen am meisten helfen

Die University of Oxford gibt zunächst Schätzungen an, welche Maßnahmen den R-Wert um welchen Prozentsatz voraussichtlich sinken lassen würden. Diese Angaben beziehen sich auf Standardintervalle, deren Unsicherheiten mit einem speziellen Intervall, dem sogenannten Bayes‘schen Vorhersageintervall quantifiziert wurden. Die konkrete Schätzung mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent steht in der jeweils ersten Klammer. Das breitere Intervall, in der sich die Reduzierung mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit bewegt, in der zweiten Klammer. Die Reduzierung des R-Werts erfolgt somit laut der Studie um folgende Prozentsätze bei folgenden Maßnahmen:

  • Versammlungsverbot mit maximal zehn erlaubten Personen (42 Prozent)/(17 bis 60 Prozent)
  • Schließung von Schulen und Universitäten (38 Prozent)/(16 bis 54 Prozent)
  • Versammlungsverbot mit maximal 100 erlaubten Personen (34 Prozent)/(12 bis 52 Prozent)
  • Schließung der meisten nicht wesentlichen Geschäfte (27 Prozent)/(-3 bis 49 Prozent)
  • Versammlungsverbot mit maximal 1000 erlaubten Personen (23 Prozent)/(0 bis 40 Prozent)
  • Schließung einiger Geschäfte (18 Prozent)/(-8 bis 40 Prozent)
  • Bei Einführung aller zuvor genannten Maßnahmen: Anordnung, zu Hause zu bleiben (13 Prozent)/(-5 bis 31 Prozent)

Da die genauen Schätzungen der Effektivität in unterschiedlichen Modellen der Studie stark variierten, veröffentlichte die Oxford University auch breitere Trends, deren Ergebnisse unter experimentellen Bedingungen „sehr konsistent“ gewesen seien - also weniger Abweichungen unter den Modellen aufzeigten. Diese Ergebnisse sehen wie folgt aus:

  • Versammlungsverbot mit maximal zehn erlaubten Personen (mehr als 35 Prozent),
  • Schließung von Schulen und Universitäten (mehr als 35 Prozent)
  • Versammlungsverbot mit maximal 100 erlaubten Personen (zwischen 17,5 und mehr als 35 Prozent)
  • Schließung körpernaher Dienstleistungen (zwischen 17,5 und maximal 35 Prozent)
  • Versammlungsverbot mit maximal 1000 erlaubten Personen (zwischen 0 und maximal 35 Prozent)
  • Schließung von Begegnungsstätten wie Restaurants, Bars und Nachtclubs (zwischen 0 und maximal 35 Prozent)
  • Bei Einführung aller zuvor genannten Maßnahmen: Anordnung, zu Hause zu bleiben (zwischen 0 und weniger als 17,5 Prozent)

Das Fazit der Oxford-Studie: „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass einige Länder durch wirksame Maßnahmen die Pandemie kontrollieren und gleichzeitig die Anordnung zu Hause zu bleiben vermeiden könnten.“ Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass die Schätzungen nicht als endgültig angesehen werden sollten, sondern als „Beitrag zu einer Vielzahl von Beweisen, zusammen mit anderen retrospektiven Studien, Simulationsstudien und experimentellen Studien“. Außerdem seien die Effekte kumulativ zu betrachten, zeigen die errechnete Wirksamkeit also nur in Kombination miteinander.

Corona: Welche Bereiche tragen wie viel zum R-Wert bei? Studie aus Berlin nennt absolute Zahlen

Aber welcher Bereich trägt eigentlich wie viel zum errechneten R-Wert bei? Die Liste ist lang und der R-Wert sollte unter 1 bleiben. Zusammengerechnet käme der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin allerdings auf einen Reproduktionswert von 2,6. Die Ergebnisse:

Beitrag zu R-Wert ohne SchutzBeitrag zu R-Wert mit FFP2-Maskenim Außenbereich
Übertragung im eigenen Haushalt0,50unrealistischunmöglich
Arbeit0,300,03oft unmöglich
Schulen0,30< 0,01oft unmöglich
Einzelhandel0,10< 0,01unmöglich
Gastronomie0,500,13 (mit halber Gästezahl, ohne Maske beim Essen0,05
Private Besuche / Treffen / Feiern0,25 / 0,60 ohne Gastronomie/auswärtigem Feiern0,030,03
Museen/Streichkonzertekeine Datengrundlage< 0,01< 0,01
Öffentlicher Verkehr0,200,02 (bei derzeitiger Auslastung)unmöglich

Laut Recherchen von spiegel.de ist Nagel, der unter anderem die Bundeskanzlerin Angela Merkel berät, offen für die Einführung von abendlichen und nächtlichen Ausgangssperren: „Das bringt bei uns in der Simulation einen relativ großen Effekt.“ Das liege daran, dass Besuche vor allem an den Wochentagen abends stattfinden würden. Diese wären dann so nicht mehr möglich.

Aber: Dem Modus-Covid-Bericht des Forschers zufolge würde das Instrument schnell stumpf werden: „Wenn man nämlich abends tatsächlich zu Hause bleiben muss, dürfte ein großer Teil der Besuche einfach auf frühere Tageszeiten vorgezogen werden – und der Effekt würde verpuffen.“

Neben den viel diskutierten Ausgangssperren*, sagt der Forscher, gebe es allerdings noch eine zweite Möglichkeit, die Infektionen im privaten Bereich zu senken: Auch durch Schutzmaßnahmen wie Impfungen, Selbsttests und Verlagerung der Aktivitäten nach draußen würde das Risiko sinken. Oder durch konsequentes Maskentragen in Innenräumen. (nap) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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