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Brisante Corona-Studie zu Mutationen: Britische Variante nicht tödlicher? Jetzt rudert auch Lauterbach zurück

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Von: Andreas Schmid

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Die britische Corona-Mutation B.1.1.7 breitet in Deutschland rasant aus. Sie ist weitaus ansteckender als die Ursprungsversion - aber auch tödlicher? Eine aktuelle Studie sagt: nein.

Update vom 13. April 2021, 18.34 Uhr: Das Echo auf die Studienergebnisse über die britische Corona-Mutation B.1.1.7 ist groß - nicht nur in der Wissenschaft. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kommentierte in einem ersten Statement am Dienstagvormittag auf Twitter, es handle sich um eine „gut gemachte Sequenzierungs-Studie“, die „bestätigt, dass B.1.1.7 deutlich ansteckender ist und daher auch mehr Jugendliche trifft. Die erhöhte Sterblichkeit der Bristol-Studie bestätigte sie nicht.“ Es handle sich um ein „gutes wie überraschendes Ergebnis“.

Im Laufe des Vormittags wurden innerhalb der Wissenschaft dann Stimmen laut, die das Ergebnis der Studie etwas differenzierter interpretierten. Da lediglich die hospitalisierten, also in ein Krankenhaus eingewiesenen, Covid-Patienten untersucht wurden, gestalte sich die Gemengelage weniger einfach. Denn die britische Virusmutation könnte womöglich die Wahrscheinlichkeit eines Krankenhausaufenthalts erhöhen. Dieser Aspekt wurde in der Studie allerdings nicht erhoben. Ein mögliches Manko, dass die Aussagekraft der Ergebnisse mildern könnte. Dass B..1.1.7 nicht tödlicher ist als die Ursprungsversion, könnte dadurch unbelegt bleiben.

Lauterbach erklärte dahingehend in einem weiteren Statement: „Rein epidemiologisch würde man eine höhere Sterblichkeit erwarten. Weil eine deutlich höhere Viruslast (wie in der Studie belegt, d. Red.) typischerweise auch eine schwerere Erkrankung und Sterblichkeit zur Folge hat.“ Die Schlussfolgerung des SPD-Politikers: „Daher gehe ich zunächst auch weiter von erhöhter Sterblichkeit aus.“

Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, gibt ein Interview.
Karl Lauterbach ordnete die Ergebnisse zur Studie über die Virusmutation B.1.1.7 ein. Der promovierte Mediziner studierte unter anderem an der Havard Universität. © Kay Nietfeld/dpa

Drei Wissenschaftler des Nationalen Zentrums für Infektionskrankheiten in Singapur erklärten, dass die Studie drei früheren Untersuchungen widerspreche, denen zufolge die britische Variante tödlicher sei als andere. Vorteil der aktuellen Arbeit sei jedoch, dass sie sich auf die Sequenzierung ganzer Genome und eine große Bandbreite an Patienten und Krankheitsfällen stütze. Die Ergebnisse seien „beruhigend“, müssten aber durch umfassendere Untersuchungen bestätigt werden, forderten Sean Wei Xiang Ong, Barnaby Edward Young und David Chien Lye, die nicht an der aktuellen Studie beteiligt waren.

Corona-Mutation: Brisante Studien-Ergebnisse! Britische Variante nicht tödlicher als Ursprungsversion

Erstmeldung vom 13. April 2021: London - Längst ist die britische Coronavirus-Mutation B.1.1.7 die dominante Variante in Deutschland. Nachdem das Robert Koch-Institut ihren Anteil in Deutschland im Februar noch mit 22 Prozent und im März mit 50 Prozent beziffert hatte, gehen seit Anfang April 88 Prozent der Infektionen auf B.1.1.7 zurück.

„Das ist besorgniserregend“, schreibt das RKI auch in seinem aktuellen Lagebericht vom 12. April und prognostiziert: „Der Anstieg der Fallzahlen insgesamt und der Infektionen durch die Variante B 1.1.7. werden zu einer deutlich ansteigenden Anzahl von Hospitalisierungen und intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten führen.“

Corona-Mutation B.1.1.7: Merkel warnt - „im Wesentlichen haben wir ein neues Virus“

Zum Jahreswechsel hatte sich die Mutation in Großbritannien immer rasanter ausgebreitet. Weil erste Studien auf eine deutlich höhere Infektiösität im Vergleich zur Ursprungsversion hingedeutet hatten, schrillten vielerorts die Alarmglocken. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, man habe es mit einer „neuen Pandemie“ zu tun.

„Im Wesentlichen haben wir ein neues Virus, natürlich derselben Art, aber mit ganz anderen Eigenschaften – deutlich tödlicher, deutlich infektiöser, länger infektiöser.“ Die Kanzlerin stützte sich in ihren Aussagen auf erste Erkenntnisse der Wissenschaft. Der Punkt mit der erhöhten Mortalität, also Sterberate, ist nach neuesten Erkenntnissen allerdings nicht zutreffend.

Corona-Mutation B.1.1.7: Virusvariante ansteckender, aber nicht tödlicher

Die Corona-Variante B.1.1.7 ist aktuellen Studien zufolge zwar ansteckender als die ursprüngliche Form, allerdings nicht tödlicher. Zu diesem Schluss kommen Forscher in zwei separaten Arbeiten, die am Dienstag (13. April) in den Fachmagazinen The Lancet Infectious Diseases und The Lancet Public Health veröffentlicht wurden. Die Annahme, die Variante B.1.1.7 sei nicht nur leichter übertragbar, sondern könne auch zu einer höheren Sterblichkeit unter den Patienten führen, könnte damit revidiert werden.

In ihrer Studie untersuchten Forscher des University College London mit PCR-Tests die Viruslast von Infizierten und werteten die in diesem Zeitraum aufgetretenen schweren Verläufe und Todesfälle aus. Bei Infizierten mit der sogenannten britischen Variante stellten sie eine höhere Viruslast fest. Der Anteil der Patienten, die an Covid-19 starben, war jedoch bei der Variante nicht erhöht.

Britische Corona-Mutation: Keine Unterschiede bei Schwere der Erkrankung

Die andere in The Lancet veröffentlichte Studie wertete Symptome von Covid-Patienten aus, die diese über eine App des Gesundheitssystems meldeten. Mittels Gensequenzierung stellten sie zudem fest, an welcher Corona-Variante die Betroffenen erkrankt waren. Auch diese Studie stellte keine signifikanten Unterschiede bei der Schwere der Erkrankung sowie bei nachweisbaren Langzeitwirkungen einer Infektion fest. Die Forscher wiesen jedoch für die britische Variante eine deutliche Erhöhung des R-Wertes nach, der die Entwicklung der Pandemie beschreibt. Das spricht ebenfalls für eine erhöhte Übertragbarkeit der Variante.

Da die Studien beide im vergangenen Winter in London und Südengland durchgeführt wurden, wo sich die Variante B.1.1.7 zu dieser Zeit rapide ausbreitete, hatten die Forscher eine gute Vergleichbarkeit beider Varianten. Allerdings räumen die Wissenschaftler ein, dass zusätzliche Studien nötig seien, um die Erkenntnisse weiter zu bestätigen.

Corona-Mutationen: Bis September 2020 mehr als 12.000 Virusvarianten

Neben der in Europa dominanten britischen Variante sind derzeit unter anderem auch Mutationen aus Südafrika, Brasilien und den USA bekannt. Sie spielen in Deutschland jedoch allesamt keine signifikante Rolle. Damit dies so bleibt, rät das RKI: „Nicht notwendige Reisen sollten weiterhin, insbesondere aufgrund der zunehmenden Verbreitung der besorgniserregenden Virusvarianten, unbedingt vermieden werden.“

Virus-Mutationen sind übrigens per se keine Seltenheit. Denn Viren verändern sich kontinuierlich. Und so mag es auf den ersten Blick furchteinflößend wirken, wenn allein bis September 2020 schon mehr als 12.000 Corona-Mutationen bekannt waren, doch die große Mehrheit von ihnen verhält sich nicht anders als die Ursprungsversion des SARS-CoV-2-Virus. Die britische Variante fällt ob ihrer erhöhten Infektiösität zwar nicht in diese Kategorie, scheint nun aber immerhin nicht tödlicher zu sein. (as/dpa)

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