Wie gefährlich sind die neuen Corona-Mutationen?
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Wie gefährlich sind die neuen Corona-Mutationen? Hilft eine Impfung trotzdem?

Covid-19

Corona-Mutationen: Britische, brasilianische und Südafrika-Variante - Unterschiede bei Impf-Wirkung und Infektiosität

  • Martina Lippl
    vonMartina Lippl
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Das Coronavirus mutiert. Mutationen sind nichts Ungewöhnliches. Einige Coronavirus-Varianten breiten sich jedoch rasant aus. Hilft eine Impfung trotzdem? Ein Überblick.

Berlin - Aus allen Teilen der Welt werden Corona-Mutanten gemeldet. Die Bezeichnungen sind verwirrend: B.1.1.7, B.1.351 und P.1. In Deutschland dominiert die britische Corona-Mutation B.1.1.7. Der Anteil der Variante liegt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) inzwischen bei mehr als 80 Prozent. Der Wildtyp Sars-CoV-2 wird weiter zurückgedrängt. Experten sind alarmiert. Doch was bedeutet das? Wirken Impfungen zum Teil schlechter?

Corona-Mutationen: Wie kommt es dazu?

Viren mutieren ständig - da ist Sars-CoV-2 keine Ausnahme. Um zu überleben schleusen Viren ihre Erbinformationen in Zellen ein. Einmal in der Zelle tun sie das, was sie am besten können: Sich vermehren. Beim Kopieren des Erbmaterials während der Virusvermehrung können sich Fehler einschleichen. Die können dem Virus einen Vorteil verschaffen, beispielsweise sich schneller auszubreiten. Andere dagegen bleiben unbemerkt.

Wissenschaftler untersuchen die punktuellen Veränderungen - Mutationen - im Erbgut der Erreger. „Coronaviren machen vergleichsweise wenige Fehler während ihrer Vermehrung, viel weniger als zum Beispiel das HI-Virus“, sagt Albrecht von Brunn, Experte für Coronaviren am Max-von-Pettenkofer-Institut der Universität München in der Süddeutschen Zeitung.

Welche Corona-Mutationen sind gefährlich?

Nichtsdestotrotz sind Coronavirus-Varianten mit ungewöhnlich vielen Mutationen in den Fokus geraten. Es sind die „besorgniserregenden Virusvarianten“ (Variants of Concern - kurz VOC) - dazu zählen B.1.1.7, B.1.351 und P.1. Sie wurden in Großbritannien (B.1.1.7), Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) nachgewiesen.

Diese VOCs weisen Mutationen auf, die sich auf die Übertragbarkeit, Virulenz auswirken oder auch gegenüber der Immunantwort von genesenen oder geimpften Personen relevant sind, teilt das RKI mit. Besonders die Mutation namens N051Y.

Britische Corona-Mutation B.1.1.7

Die Corona-Mutation B.1.1.7 wurde erstmals in Großbritannien im September 2020 entdeckt und breitete sich dort rasant aus. Deswegen wird sie oft als britische Variante bezeichnet. B.1.1.7 weist mehrere Mutationen auf, darunter auch eine Veränderung des Spike-Proteins - dem stachelartigen Protein (Eiweiß) mit dem das Virus an unsere Zellen andockt.

Diese Veränderung auch als N501Y bezeichnet, macht es dem Virus leichter sich an die menschlichen Zellen zu binden und sie zu infizieren. Die Coronavirus-Variante B.1.1.7 ist um ein vielfaches ansteckender als der ursprüngliche Wildtyp des Virus. Vermutungen, B.1.1.7 könnte zu mehr tödlichen Covid-19-Verläufen führen, bestätigten sich zunächst nicht. In einer aktuellen Studie des University College London konnten Forscher keine höhere Sterblichkeit bei mit B.1.1.7 Infizierten feststellen.

Die bisher in Deutschland zugelassenen Impfstoffe scheinen zu schützen. Bislang gibt es keine Hinweise auf eine substantiell verringerte Wirksamkeit, teilt das RKI mit (Stand: 16. April 2021).

Sonderform B.1.1.7 E48K

Von dieser Virusvariante B.1.1.7 gibt es eine Sonderform mit einer zusätzlichen Mutation (E484K genannt) - also: B.1.1.7 E484K. Sie wurde mehrfach in Großbritannien nachgewiesen, gilt laut RKI aber noch als selten. Die Mutation namens E484K weist eine zusätzliche Veränderung im Spike-Protein auf. Sie kommt auch in den in Brasilien und Südafrika verbreiteten Varianten P.1 und B.1.351 vor (siehe unten). Hierbei handelt es sich um eine sogenannte Escape-Mutation (auf Deutsch: Flucht-Mutation). Sie scheint das Virus vor den Antikörpern zu schützen, die Menschen nach einer Infektion oder durch einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 gebildet haben. Sie überlistet das vorhandene Immunabwehrsystem.

In Deutschland kommt die Sonderform B.1.1.7 E484K kaum vor. In 40.000 Proben in denen zuletzt die britische Corona-Mutation B.1.1.7 nachgewiesen werden konnte, wurden laut RKI nur 43 Fälle entdeckt (RKI-Bericht zu Virusvarianten von Sars-CoV-2 vom 14. April 2021).

Coronavirus VarianteMutmaßliche EigenschaftEinfluss auf die Covid-19-Impstoffe
Britische Variante B.1.1.7.Erhöhte Übertragbarkeit Bislang nur geringe bis mäßige Auswirkungen auf die Effektivität der Impfstoffe. Dies betrifft sowohl den Vektor-basierten Impfstoff Vaxzevria (AstraZeneca), als auch die mRNA-Impfstoffe Comirnaty (BioNTech/Pfizer) bzw. die COVID-19 Vaccine Moderna.
Südafrika-Variante B.1.351Erhöhte Übertragbarkeit, Hinweis auf WideransteckungVermutlich reduzierte Wirksamkeit der Immunantwort nach Infektion/Impfung
Brasilien (Manaus)-Variante P.1Hinweis auf mögliche Wideransteckung, vermutlich erhöhte ÜbertragbarkeitHinweis auf eine etwas geringere klinische Wirksamkeit der Impfstoffe. Covid-19-Erkrankung trotz Impfung - insgesamt jedoch Schutzwirkung gegen schweren Verlauf

Südafrikanische Variante B.1.351

Ende 2020 wurde die Virusvariante B.1.351 in Südafrika gefunden. Diese Variante weist mehrere Mutationen auch im Spike-Protein auf - und eben auch Mutationen wie E484K. Sie scheint ansteckender zu sein als die Grundform des Virus.

Mehrere Studien weisen auch darauf hin, dass die südafrikanische Variante B.1.351 die Fähigkeit besitzt, die Wirkung von Antikörpern von Menschen, die mit der ursprünglichen Variante infiziert waren abzuschwächen. Menschen, die bereits mit Corona infiziert waren, erkranken erneut. Auch Impfstoffe scheinen weniger gut vor dem veränderten Virus zu schützen.

In Deutschland verbreitet sich B.1.351 seit Wochen, aber auf einem stabil niedrigen Niveau. 646 Fälle sind nach RKI-Angaben bisher nachgewiesen worden. Bei dieser Corona-Variation zeige sich in den letzten Wochen ein konstanter Anteil von zirka 1 Prozent (Stand: 14. April 2021).

Brasilianische Variante P.1

Im brasilianischen Staat Amazonas in der Stadt Manaus wurde die P.1 Variante das erste Mal nachgewiesen. Sie ähnelt in ihren Veränderungen der südafrikanischen Variante (B.1.351). P.1 weist Mutationen wie E484K auf. Experimentelle Daten deuten auch für diese Variante auf eine reduzierte Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen sowie Geimpften hin, so das RKI. Eine erhöhte Übertragbarkeit wird demnach ebenfalls als denkbar erachtet. Der in Südafrika nachgewiesene Typ B.1.351 könnte nach Einschätzungen von Wissenschaftlern „eine Grundlage für die Entstehung sogenannter Immune-Escape-Varianten darstellen“. 

Die Corona-Variante P.1 zeigt in Deutschland ein Anteil von 0,1 Prozent aus allen Erhebungen (Stand 14. April 2021).

Südafrikanische Variante B.1.351 und Brasilianische Variante P.1: So wirkt der Corona-Impfstoff

Ein Stück helfen die Corona-Impfungen, auch wenn sie nicht so gut vor einer Infektion mit den Varianten B.1.351 und P.1 schützen können. Mediziner gehen davon aus, dass die Impfung zumindest schwere Covid-19-Krankheitsverläufe verhindern kann. Die Impfstoffhersteller gehen bei den weit verbreiteten britischen, brasilianischen und südafrikanischen Varianten bislang zumindest von einer nur leicht eingeschränkten Wirksamkeit ihrer Präparate aus.

Trotzdem gibt es ein extremes Szenario: Was passiert, wenn das Coronavirus derart mutiert, dass weder Impfstoffe noch eine überstandene Infektion schützt. Sich eine Flucht-Mutation durchsetzt. Fängt dann alles wieder von vorne an?

Laut Forschern ist so ein Schreckensszenario möglich. Doch die aktuellen Impfstoffe können an die künftigen Mutationen angepasst werden. Das könnte insbesondere bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech, Moderna und in Zukunft auch von Curevac schnell gehen.

„Da muss man nur die Buchstabenreihenfolge im genetischen Bauplan ändern“, sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, der Nachrichtenagentur dpa. Eine Umstellung der Produktion sei wohl in rund sechs Wochen machbar. Die Zulassung von Corona-Impfstoffen gegen Varianten soll dann auch schneller gehen. Hersteller bereits zugelassener Corona-Vakzine sollen künftig weniger Daten bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA einreichen müssen, darauf hat sich der Gesundheitsausschuss des Europaparlaments am 16. April 2021 geeinigt. (ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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