Intensivstation im Johanniter Krankenhaus in Duisburg
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Die Gründe für einen schweren Verlauf von Corona sind jetzt klarer: Vorzeitige Alterung der Zellen könnte eine Rolle spielen. Forscher arbeiten bereits an Wirkstoffen dagegen (Symbolbild).

Vorzeitiger Zell-Ruhezustand

Durchbruch bei Corona-Forschung: Covid nutzt Immunsystem aus - Erkenntnis birgt große Chance

  • VonBettina Menzel
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Forscher haben nun eine weitere wichtige Erkenntnis über den Grund von schweren Verläufen: Das Coronavirus versetzt Zellen in den vorzeitigen Ruhestand. Doch Wirkstoffe dagegen werden bereits geprüft.

Berlin - Während manche Menschen eine Corona-Infektion kaum bemerken, müssen andere auf der Intensivstation behandelt werden. Doch warum verlaufen die Erkrankungen so unterschiedlich? Forscher haben nun herausgefunden, dass schwere Verläufe unter anderem durch die sogenannte Seneszenz entstehen. Das berichtet das Wissensmagazin Scinexx am Dienstag.

Corona lässt Zellen bei schweren Verläufen vorzeitig altern

Die Seneszenz ist eigentlich eine sinnvolle Funktion unseres Körpers. Sie schaltet alte Zellen ab, damit diese nicht mutieren und dadurch Krebs entsteht. Doch das Coronavirus kann diese Funktion zum Negativen umkehren. Soyoung Lee von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Kollegen fanden heraus, dass das Coronavirus bei schweren Verläufen zunächst die Atemzellen in einen vorzeitigen Ruhezustand versetzt. Das schädigt das Gewebe und schüttet Entzündungs-Botenstoffe aus. Im Anschluss schaltet es auch die Fresszellen des Immunsystems ab. Der Körper kann sich nicht mehr ausreichend wehren.

Kettenreaktion führt zu Lungenentzündung und Überreaktion des Immunsystems

Üblicherweise befällt das Virus zunächst die Schleimhautzellen der oberen Atemwege. Dort werden dann entzündungsfördernde Stoffe ausgeschüttet, die Fresszellen des Immunsystems anlocken. Eigentlich sind diese sogenannten Makrophagen dazu da, Eindringlinge zu bekämpfen. Doch bei einem schweren Verlauf überlistet das Coronavirus diesen Selbstschutz des Körpers. Stattdessen versetzt das Virus auch die Fresszellen des Immunsystems, die eigentlich zur Hilfe eilen, in einen Ruhezustand.

Nicht nur das: Die Makrophagen senden nun selbst entzündungsfördernde Stoffe und sogenannte Cytokine aus. Das sorgt für eine Kettenreaktion, die sich selbst verstärkt. Die Entzündungs-Stoffe werden wie eine Lawine im Körper verteilt und gelangen so auch in andere Regionen und Organe. Besonders betroffen ist in der Regel die Lunge. „Unsere Studien identifizieren Makrophagen als entscheidende zelluläre Boten für diesen Prozess“, erläutern die Forschenden in einer Pressemitteilung.

Schwerer Verlauf: Sauerstoffaustausch der Lunge beeinträchtigt

Bei schweren Corona-Verläufen sind Mikrothrombosen häufig, dadurch funktioniert der Sauerstoffaustausch der Lunge nicht mehr richtig. Die Forschenden fanden in weiteren Analysen heraus, dass die Zellen der Blutgefäßwände verklumpungsfördernde Substanzen abgeben. Das fördert unter anderem die bei schweren Verläufen beobachteten Gewebeschädigungen und Mikrothrombosen. Viele Corona-Patienten sterben nicht allein am Coronavirus, vielmehr ist eine Überreaktion des eigenen Immunsystems der Grund für den tödlichen Verlauf. Oftmals verschlechtert sich der Zustand sehr abrupt, die überschießenden Entzündungsreaktionen führen unter anderem zu Organversagen, massiven Lungenschäden und damit zum Ersticken.

Hoffnungsträger: Forscher testen diese vier Wirkstoffe

Die Forschergruppe um Soyoung Lee sieht in Senolytika Hoffnungsträger im Kampf gegen schwere Verläufe. Insgesamt vier Wirkstoffe scheinen derzeit erfolgsversprechend. Es handelt sich um die Mittel Navitoclax und Dasatinib, die bereits in der Krebstherapie Anwendung finden. Außerdem untersuchen die Forscher Fisetin und Quercetin. Bei Tierversuchen an Hamstern und Mäusen konnten die Kettenreaktion im Körper eingedämmt und die Schäden an der Lunge verringert werden.

Eine Kombination aus bestimmten Wirkstoffen erwies sich als besonders gut: Die Gruppe der Versuchstiere, die Dasatinib und Quercetin in Kombination erhielten, zeigten laut Forschern „keine Krankheitsanzeichen und keinen oder kaum Gewichtsverlust“. Erkenntnisse aus klinischen Studien mit Quercetin machen Hoffnung, dass dieser Wirkstoff auch beim Menschen gute Resultate erzielt. Der Stoff könnte helfen zu verhindern, dass das Coronavirus Zellen in den Ruhestand versetzt.

Die Forscher selbst sehen die Ergebnisse optimistisch: „Die entzündliche Überreaktion frühzeitig mit spezifischen Wirkstoffen zu unterbrechen, hat in unseren Augen großes Potenzial, eine neue Strategie zur Behandlung von Covid-19 zu werden“, so der Co-Autor der Studie, Clemens Schmitt. Nun bleibt zu klären, welche Dosis der Wirkstoffe ideal ist, wie lange die Behandlungszeit sein sollte und welche Nebenwirkungen die Senolytika haben können. Dafür sind weitere klinische Studien geplant.

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