„Inzwischen untauglich“

Corona-Notbremse: Epidemiologe wähnt großen Fehler in Merkels Regeln - und macht völlig neuen Vorschlag

  • Patrick Mayer
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Deutschland plant die einheitliche Corona-Notbremse. Ein Epidemiologe findet die 7-Tage-Inzidenz überholt - und fordert mehr Fokus auf die Intensivbetten.

Berlin - Es soll das letzte große Gesetz unter der Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) werden: die einheitliche Corona-Notbremse. Umgesetzt durch eine Verschärfung des bestehenden Infektionsschutzgesetzes. Der Bundestag und die Parteien ringen in der Coronavirus-Pandemie in Deutschland darum. Damit trotz Föderalismus zwischen Berlin und Bayern, zwischen NRW und Baden-Württemberg dieselben Regeln gelten.

Aber: Ein Epidemiologe kritisiert den maßgeblichen Maßstab für alle geplanten Maßnahmen der Corona-Notbremse jetzt scharf: die 7-Tage-Inzidenz. So soll die Notbremse nach Merkels Vorstellungen regional ab 100 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen greifen und etwaige Lockerungen zurücknehmen - oder Covid-19-Regeln weiter anspitzen.

Coronavirus-Notbremse in Deutschland: 7-Tage-Inzidenz soll Richtwert für Corona-Regeln bleiben

„Dieser Wert war schon immer problematisch, aber inzwischen wird er richtiggehend untauglich. Die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt sich immer mehr von der eigentlichen gesundheitlichen Lage“, meint Prof. Dr. Gerard Krause im Interview mit tagesschau.de. Zur Einordnung: Er leitet die Abteilung „Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung“ im niedersächsischen Braunschweig.

Dieser Wert wird richtiggehend untauglich.

Epidemiologe Prof. Dr. Gerhard Krause über die 7-Tage-Inzidenz

Das habe zwei Ursachen, die für sich sogar erwünscht seien, erklärt der Wissenschaftler: „Erstens, es wird jetzt deutlich mehr getestet, das führt zu deutlich mehr Meldungen von Infektionen, die zuvor unerkannt geblieben wären. Soweit ist das gut, aber die Sieben-Tage-Inzidenz reflektiert nur die positiven Tests - und nicht, ob die Menschen auch erkrankt sind.“ 

Corona-Notbremse in Deutschland: Epidemiologe - Covid-19-Impfungen werden zu wenig berücksichtigt

Dazu komme, dass der Wert nicht berücksichtige, „welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind. Zweitens: Durch die Impfungen werden schwere Erkrankungen seltener, selbst dann, wenn die Zahl der Infektionen nicht ganz so schnell sinkt“, sagt Krause. Heißt: Seiner Kenntnis nach nehmen im Verhältnis zu den Corona-Impfungen die schweren Krankheitsverläufe ab.

Krause meint weiter, dass die geplanten Testungen in den Schulen die Inzidenzwerte per se in die Höhe treiben würden. „Die allermeisten der so entdeckten Infektionen hätten keine Erkrankungen zur Folge“, sagt Krause und meint: „Die so gestiegene Inzidenz würde also die Behörden zwingen, Ausgangssperren, Schulschließungen und andere Maßnahmen zu treffen, obwohl sich die pandemische Lage gar nicht verschlechtert hätte, also gar nicht mehr Menschen als vorher überhaupt medizinisch versorgt werden müssten.“

Corona in Deutschland - Wissenschaftler erklärt: Belegung der Intensivstationen sollte maßgeblich sein

Der Wissenschaftler bringt deshalb „einen alternativen Parameter“ in die Corona-Debatte ein. Konkret: Er schlägt vor, „die Anzahl der intensivmedizinischen Neuaufnahmen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner der Herkunftsorte der Patienten“ als neuen Richtwert zu nehmen.

„Also die Anzahl der Menschen aus einer bestimmten Region, die wegen einer schweren Covid-19-Erkrankung auf einer Intensivstation neu aufgenommen werden müssen - egal, wo sich diese Station dann befindet“, erklärt Krause und meint weiter: „Dieser Wert zeigt viel stabiler die epidemische Lage an als die bisherige Sieben-Tage-Inzidenz.“ (pm)

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