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Experte skizziert mögliche neue Normalität nach Corona: „Kinder haben viel auf- und nachzuholen“

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Von: Anna Lorenz

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Das Bild zeigt eine Frau mit Maske vor einem durchgestrichenen Schild, das auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.
Das Ende der Maskenpflicht stimmt auf den Beginn der Post-Pandemie-Zeit ein. Doch wie geht die Gesellschaft mit dem neuen „Normal“ um? © Frank Hoermann/SVEN SIMON/dpa

Im Interview steht der renommierte Sozialpsychologe Dieter Frey Rede und Antwort hinsichtlich der Frage: Wie sieht die neue Normalität nach der Corona-Pandemie aus?

München - Frühling, Sonne, Lockerungen - Ist Corona langsam überstanden? Und wie sieht sie aus, die neue, postpandemische Normalität? Diese und weitere Fragen klärte t-online.de im Interview mit dem Sozialpsychologen Dieter Frey, seines Zeichens emeritierter Professor an der LMU München.

Corona-Pandemie: Lockerungen spalten „Team Freiheit“ und „Team Sicherheit“

„Ich rechne damit, dass sich auch langfristig zwei Gruppen ausbilden werden, ich nenne sie mal Team Freiheit und Team Sicherheit“, statuiert der Sozialpsychologe Dieter Frey hinsichtlich der, durch die Lockerungen gegenwärtig veränderten, Lage hinsichtlich der Corona-Pandemie in Deutschland. Seitdem vor allem die Maskenpflicht in weiten Teilen des öffentlichen Lebens gefallen ist, stellt sich schließlich die Frage, inwieweit die Spaltung der Gesellschaft, die sich bereits in puncto Impfpflicht abgezeichnet hat, noch stärker voranschreiten wird.

Unerfreuliche Begegnungen im Sinne des obigen Videos seien zwischen den genannten Gruppen, die der Experte für gleich groß hält, möglich. Aber, so Frey, „dieses Freund-Feind-Denken bringt uns natürlich nicht weiter.“ Ein gegenseitiges Verständnis und Offenheit seien wichtig, zumal gerade die Verantwortung für gefährdetere Gesellschaftsteile weiterhin bestehen bliebe. Auch im Job müsse auf Toleranz geachtet werden: „Chefs sollten das klar kommunizieren, dass jedem freigestellt ist, Maske zu tragen oder eben nicht. Und ich hoffe natürlich, dass die Chefs auch sagen, dass die Rücksichtnahme auf diejenigen, die gefährdet sind, auch am Arbeitsplatz groß sein sollte“, so der Sozialpsychologe.

Corona: Das neue „Normal“ - Wie geht es nach der Pandemie weiter?

Obwohl, wie die Zahlen des aktuellen Wochenberichts des RKI zeigen, die Pandemie noch nicht vorüber ist, ist Frey überzeugt, dass der Weg in ein neues Normal schrittweise zu bewerkstelligen sein wird. „ Man tastet sich wieder heran, geht vielleicht irgendwann mal wieder ins Restaurant oder Kino ohne Maske“, so der Experte. Die Gesellschaft müsse sich an Nähe nur erst wieder gewöhnen. Größere Sorgen machen dem gebürtigen Baden-Württemberger allerdings die Kinder, die seiner Einschätzung nach im Laufe der Pandemie wichtige Entwicklungsjahre verloren hätten.

Die Kinder in einer Kindertagesstätte machen am Vormittag eine Corona-Lolllitest.
Seit Ende 2019 hält das Coronavirus die Welt in Atem - einige Kinder kennen den Alltag gar nicht ohne Pandemie. (Symbolbild) © Peter Kneffel/dpa

„Sie brauchen im Besonderen Kontakt und Nähe, um sich zu entfalten.“ In der Pflicht sieht Frey hierbei die erwachsenen Bezugspersonen. Sie müssten „den Kindern gute Rahmenbedingungen für ihre weitere Entwicklung“ schaffen; insbesondere auch den Zugang zu Sportvereinen hält der Experte für wichtig. „Aber ich denke, dass Kinder schnell in die Nach-Corona-Normalität zurückkehren. Da bin ich optimistisch. Sie haben viel auf- und nachzuholen.“ Mit bleibenden Störungen rechne Frey im Regelfall nicht.

Jahre der Pandemie: So hat uns Corona dauerhaft gesellschaftlich geprägt

Was nach Ansicht des Sozialpsychologen jedoch bleiben wird, sind Abstände und verminderter Körperkontakt zu fremden Personen. „Ich denke, der Handschlag kommt über Jahre nicht so zurück, wie er früher mal war“, so Frey, der jedoch der Meinung ist, dass sich „in der engen Freundesgruppe“ schnell wieder gewohnte Umgangsformen etablieren werden.

Auch der Augenkontakt sei im Rahmen des Maskentragens sehr wichtig geworden, da man gezwungen war, „über die Augen herauszufinden, wie das Gegenüber gestimmt ist“ - diese neue nonverbale Kommunikationsform ist nach Frey auch als postpandemisch persistent einzuschätzen. Abseits der Gepflogenheiten im Zuge der Corona-Zeit kann der Sozialpsychologe der Pandemie aber trotz des „Dauerstress“ etwas Gutes abgewinnen: „Ich glaube, dass viele diese Zeit auch als bereichernd erlebt haben. Man war gezwungen, sich auf sich selbst und die eigene Familie zu konzentrieren, hatte Zeit für Dinge, für die man sonst schwer Zeit gefunden hat. Es gab unter Corona auch Zeit und Möglichkeit für Selbstverwirklichung. Auch diese Erinnerung wird bleiben.“ (askl)

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