1. Startseite
  2. Welt

Corona-Party dank Distanz-Tracker? Stuttgart-Modell stößt auf massives Unverständnis - „verstörend“

Erstellt:

Von: Veronika Silberg

Kommentare

Wenige Menschen tanzen in einem Club - Der Distanz-Tracker, ein Modell aus Stuttgart soll Veranstaltungen möglich machen.
Könnten sich die Tanzflächen bald wieder füllen? - Ein Tracking-Projekt in Stuttgart soll neue Erkenntnisse bringen. (Symbolbild) © dpa/Jean-Christophe Bott

Ein kleines Gerät, das Alarm schlägt, wenn wir uns im Club zu nahe kommen? Was kurios klingt, wird in Stuttgart für eine halbe Millionen Euro umgesetzt.

Stuttgart/Saarbrücken - Schwitzende Menschen drängen sich aneinander, es wird getanzt, gelacht, getrunken. Bis das in Clubs, auf Konzerten oder bei kulturelle Veranstaltungen wieder „normal“ wird, dauert es noch. Um die Tore aber trotz Corona schon zu öffnen, will Stuttgart ein neues, bundesweit einzigartiges Projekt testen: einen Distanz-Tracker für Veranstaltungen. Der Gemeinderat hat dem Modell am Donnerstagabend zugestimmt.

Wer eine Veranstaltung besucht, bekommt am Eingang ein scheckkartengroßes Gerät, das den Abstand zu anderen Geräten dauerhaft misst. Bei zu wenig Abstand in zu langer Zeit soll es laut Stadt ein „Echtzeit‐Warnsystem“ mit „Vibration oder Alarmton“ geben. „Das ist letztendlich nichts großartig anderes als die Corona-Warn-App nur als eigenes Gerät“ erklärt Thorsten Lehr in einem Interview mit dem SWR. Leer ist Professor für klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, die das Projekt mitentwickelt hat. Mit den Messungen wollen die Forscher wichtige Corona-Erkenntnisse für zukünftige Öffnungen gewinnen.

Mit dem Distanz-Tracker auf die Corona-Party: Wie soll das Modell funktionieren?

Im Unterschied zur Corona-App sollen die Distanz-Tracker allerdings laut Lehr deutlich präziser messen. Ein innovatives Ultrabreitband‐System könne Abstände bis auf 10 Zentimeter genau erkennen, so Lehr in der offiziellen Meldung der Stadt Stuttgart. Auch sollen spezielle Einstellungen für Partner oder Haushaltsangehörige möglich sein. Die Daten können anschließend vom Institut gelesen und ausgewertet werden. Dafür sind die Geräte durchnummeriert oder benannt. Auf dem Tracker selbst werden also keine persönlichen Daten gespeichert. Erst bei einem positiven Corona-Fall werden sie mit einer Anmelde-Liste verglichen. Nach dem Event wird der Tracker einfach wieder abgegeben.

Der Distanz-Tracker soll die Gesundheitsämter bei der Corona-Nachverfolgung entlastet und Ressourcen bei Tests und Laboren schonen. Stuttgart hat das Projekt genehmigt und investiert 495.500 Euro. Insgesamt neun Monate lang sollen die Tracker nun getestet werden.

Der Corona-Distanz-Tracker: Gute Idee oder einfach nur „verstörend“?

Nicht alle halten das für eine gute Idee. Die Journalistin Eva Wolfangel richtet sich auf Twitter direkt an Professor Lehr und schreibt: „Sehr geehrter Herr Lehr, zunächst: allein die Idee einer Technologie, die laut Alarm schlägt, wenn Menschen einander nahekommen, finde ich höchst verstörend und dystopisch.“ Nach einem kurzen Schlagabtausch resultierte sie, sie finde es unverhältnismäßig und falsch, Technologien zu entwickeln, die auf 10 cm genau messen, welche Menschen sich wann und wo nahe kommen. „Diese Art der Überwachung schadet mehr als sie nutzt.“

In einem Telefongespräch mit dem Nachrichtenportal Focus verteidigte Lehr die Bedingungen des Projektes. „Ich verstehe, wenn Leute Angst um ihre Daten haben, deswegen muss man Aufklärung leisten“. Er sehe allerdings in diesem Fall keine Gefahr, sonst würde er beim Projekt nicht mitmachen. Die Ethikkommission und der Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg seien involviert. Auch beziehe man das Lüftungssystem einer Location in die Kriterien mit ein, um der Übertragung via Aerosole vorzubeugen. „Wir wollen mit der wissenschaftlichen Studie schauen, was machbar ist. Denn die Corona-Warn-App, die ich gut finde, ist für wissenschaftliche Fragen nicht geeignet. Wenn man etwas lernen will, muss man sich auch die Daten anschauen.“ (vs)

Auch interessant

Kommentare