Hartnäckige Corona-Pandemie: Arbeiter desinfizieren öffentliche Plätze in Warschau.
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Hartnäckige Corona-Pandemie: Arbeiter desinfizieren öffentliche Plätze in Warschau.

Viele Tote sind zu beklagen

Erschreckende Corona-Berichte aus deutschem Nachbarland Polen - „Das ist ein Massaker“

  • Patrick Mayer
    vonPatrick Mayer
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Polen hat schwer mit der dritten Welle der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen. Die Zahl der Corona-Toten ist im Verhältnis so hoch wie in Brasilien, das Gesundheitssystem wirkt dramatisch überfordert.

München/Warschau - „Polen ist von Covid-19 sehr stark betroffen.“ Das schreibt das Auswärtige Amt Deutschlands mit Blick auf die Coronavirus-Pandemie über den östlichen Nachbarn der Bundesrepublik.

Landesweit überschreite die Zahl der Corona-Neuinfektionen „200 Fälle pro 100.000 Einwohner auf sieben Tage, weshalb Polen als Gebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko“ (Hochinzidenzgebiet) eingestuft sei, heißt es auf der Website der Behörde weiter (Stand 20. April). Was nüchtern sachlich klingt, nimmt in dem EU-Staat mit seinen 38 Millionen Einwohnern nicht erst im April 2021 dramatische Ausmaße an. Denn: Die Zahl der Menschen, die mit oder an dem Coronavirus sterben, ist tagtäglich im Verhältnis so hoch wie im südamerikanischen Corona-Hotspot Brasilien.

Coronavirus in Polen: Hohe Zahl an Covid-19-Todesopfern und Corona-Neuinfektionen

Konkret: Wie die Welt (hinter einer Bezahlschranke) berichtet, sterben in Polen innerhalb von sieben Tagen im Schnitt 14 Menschen auf eine Million Einwohner an oder mit der heimtückischen Lungenkrankheit. Zum Vergleich: In Deutschland waren es, Stand 15. April, demnach im Schnitt drei Menschen auf eine Million Einwohner in sieben Tagen, in einem weiteren Hotspot der Coronavirus-Pandemie, in Tschechien, acht.

„Es ist schlimmer, als Sie es sich vorstellen. Nichts funktioniert so, wie es soll. Es gibt keine Leute mehr, die die vielen Patienten versorgen könnten“, zitiert die Welt einen namentlich nicht genannten Rettungssanitäter aus der schlesischen Großstadt Wroclaw: „Wir können nicht mehr. Das ist ein Massaker. Anders kann ich es nicht sagen.“

Durchschnitt Corona-Tote an sieben Tagen:Auf eine Million Einwohner (seit 1. März 2020):
Polen14
Tschechien8
Italien7
Frankreich4
Deutschland3

Quelle: Welt.de, auf Datenbasis von Johns Hopkins University, our world in data, Stand 20. April 2021

Manchmal gebe es zu Schichtbeginn bis zu 140 Patienten, die darauf warten würden, mit dem Krankenwagen abgeholt zu werden, erzählt der medizinische Mitarbeiter demnach weiter: „Ein solcher Stau ist das. Die Leute warten stundenlang mit Atemproblemen zu Hause, manchmal zwölf Stunden, und niemand kommt.“ Denn: Laut dem Bericht sind in der Stadt mit ihren rund 800.000 Einwohnern nur 27 Rettungswägen im Einsatz.

Coronavirus in Polen: Es fehlt an Ärzten und medizinischem Personal

Das Gerät sei dabei gar nicht das Problem. „Polen ist kein armes Land mehr, wir können uns Respiratoren kaufen, wenn wir wollen. Aber es gibt einfach kein Personal, das sie bedienen könnte“, wird der Rettungssanitäter zitiert: „Die Leute liegen dann dort und niemand kommt.“ Auch ein Arzt aus Plonsk nahe Warschau schlägt in dem Bericht Corona-Alarm.

„Zu sagen, das Personal wäre an der Grenze, wäre zu wenig. Das System ist zusammengebrochen, die Versorgung kann nicht mehr sichergestellt werden“, sagt Rheumatologe Bartosz Fialek der Welt: „Es werden immer mehr jüngere Patienten mit Atemproblemen eingeliefert. Es sind sehr viele. Oft bekommen sie einfach keine Hilfe, liegen dort mehrere Stunden.“ Auch er verweist darauf, dass es in Polen schlicht zu wenig Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpfleger gebe.

Präsident Andrzej Duda von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) will scheinbar von derlei Kritik nichts wissen und beschwichtigt unablässig. Doch die Zahlen und Fakten spiegeln eine andere Realität wider. Dabei sah das EU-Land, bildlich gesprochen, die dritte Welle auf sich zu rauschen. Am 20. März lag die 7-Tage-Inzidenz laut tagesschau.de bereits bei über 300, die Virusvarianten verbreiteten sich zu dieser Zeit rasch.

Coronavirus-Pandemie in Polen: Schlesien an der Grenze zu Sachsen ist ein Corona-Hotspot

Notkrankenhäuser wurden eingerichtet, zum Beispiel im Nationalstadion in Warschau oder in der stark betroffenen Woiwodschaft Schlesien, die unmittelbar an das deutsche Sachsen grenzt. Auch ein weiterer Lockdown Ende März konnte den raschen Anstieg des Infektionsgeschehens jedoch nicht unterbinden.

Einzig am 20. März (einem Samstag) wurden 26.405 neue Corona-Fälle binnen 24 Stunden registriert, 17.847 Neuinfektionen meldete das Gesundheitsministerium am 16. April. Am Freitag, 26. März, hatte Polen laut Spiegel sogar mehr als 35.000 Fälle verzeichnet. Die Inzidenz war bis zu diesem Zeitpunkt auf 450 angestiegen.

Zum Vergleich: Deutschland verzeichnet seit Längerem stets um die 20.000 Fälle, hat aber mehr als doppelt so viele Einwohner (83 Millionen). Wann eine Entspannung der Lage eintritt, ist derzeit noch nicht absehbar. Stand 20. April waren laut einer ZDF-Grafik auf 1000 Einwohner 224 Impfstoffdosen verabreicht. In Deutschland waren es zum selben Zeitpunkt 269 Impfungen je 1000 Einwohner. Der Kampf gegen die Pandemie geht überall weiter - jedoch mit unterschiedlichen Voraussetzungen. (pm)

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