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Merkel ruft zur Aktionswoche zum Impfen auf - doch die Grünen schießen gegen Spahn-Plan

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Von: Martina Lippl

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Angela Merkel
„Nie war es einfacher, eine Impfung zu bekommen. Nie ging es schneller“: Angela Merkel ruft die Bürger zum Impfen auf. © Rolf Vennenbernd/dpa

Entspannt sich die Corona-Lage in Deutschland? Die deutschlandweite Inzidenz geht am Sonntag weiter zurück. Doch die Sorgen vor einem Corona-Herbst wachsen. Der News-Ticker.

Braun: Bürgernahe Impfangebote auch noch nach Aktionswoche

Update vom 12. September, 21.11 Uhr: Die in der neuen Woche geplanten besonderen Corona-Impfangebote sollen auch danach fortgeführt werden. Das kündigte Kanzleramtsminister Helge Braun am Sonntagabend in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ an. „Das endet nicht mit der Impfwoche, das wird in den nächsten Wochen fortgesetzt“, sagte er. Die direkten und bürgernahen Impfangebote im Rahmen der Aktionswoche sollten dazu beitragen, eine vierte Welle der Pandemie im Winter noch zu verhindern. „Wenn wir nichts tun, dann kommt sie ziemlich sicher“, sagte Braun. Das bedeute dann im Ergebnis, dass diejenigen, die geimpft seien, etwa mit ihren Operationen zurückstehen müssten, weil Ungeimpfte in den Krankenhäusern lägen.

Merkel ruft Bürger um Impfen auf: „Nie war es einfacher“

Update vom 12. September, 17.01 Uhr: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zum Start einer bundesweiten Impfaktionswoche aufgerufen, die Angebote für Corona-Impfungen zu nutzen. „Nie war es einfacher, eine Impfung zu bekommen. Nie ging es schneller“, sagte sie vor dem Start der Aktion an diesem Montag. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt kritisierte am Sonntag, es reiche nicht aus, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Woche zur Aktionswoche erkläre. „Es braucht jetzt eine breitflächige Informationskampagne, ab jetzt muss jede Woche zur Aktionswoche werden“, teilte sie mit.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, lobte Merkel dafür, dass sie bei der Impfkampagne auf Argumente setze. „Damit setzt sich Angela Merkel wohltuend von der Polemik von immer mehr Ländern ab.“ Dazu gehöre die Abschaffung der Lohnfortzahlung bei Quarantäne von Ungeimpften, erklärte Brysch der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Merkel sagte in ihrem Video-Podcast, Impfangebote werde es etwa bei den Freiwilligen Feuerwehren, in der Straßenbahn, am Rand von Fußballfeldern und in Moscheen geben. Jeder könne sich dann ohne Termin und kostenfrei impfen lassen. „Ich bitte Sie daher: Schützen Sie sich selbst und andere. Lassen Sie sich impfen“, appelliert die Bundeskanzlerin. Die Impfaktionswoche dauert bis zum 19. September. Leider steige die Zahl der Neuinfektionen wieder, warnte die Kanzlerin.

RKI-Chef Wieler mahnt Lehren aus Pandemie an - „gnadenlos Defizite kennengelernt“

Update vom 12. September, 13.34 Uhr: Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) sieht im Umgang mit Infektionskrankheiten wie Corona deutlichen Nachbesserungsbedarf für Deutschland. „Es gibt sehr viele Lehren zu ziehen“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler zum Start der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) am Sonntag in Berlin. In der laufenden Pandemie habe man „gnadenlos Defizite kennengelernt“.

So gebe es in Deutschland ein Manko beim Erstellen klinischer Studien, erläuterte Wieler. Ein weiteres Thema mit Nachbesserungsbedarf sei die Datentransparenz. Sie zu schaffen, sei „ein dickes Brett“. Oftmals seien Daten im Prinzip schon da, aber gut versteckt und nicht frei verfügbar.

Corona: Mehr als 1.400 Covid-Patienten liegen auf einer Intensivstation

Update vom 12. September, 12.34 Uhr: Die Betten auf den Intensivstationen füllen sich mit Covid-Patienten. Die Zahl steigt ungebremst. 1.441 Corona-Patienten müssen derzeit intensivmedizinisch behandelt werden, davon werden 756 künstlich beatmet. Das geht aus den Daten des DIVI-Intensivregisters vom Sonntag hervor. Zum Vergleich: Vor einem Jahr am 12. September 2020 lagen 231 Covid-Patienten auf einer Intensivstation.

Aktuell sind laut DIVI-Intensivregister 25,7 Prozent der Corona-Patienten zwischen 50 und 59 Jahre alt. 22,2 Prozent sind zwischen 60 und 69 Jahre alt. In der Altersgruppe der 40 bis 49-Jährigen sind es 16,4 Prozent, in der Altersgruppe der 70 bis 79 sind es 14,9 Prozent, in der Altersgruppe 30 bis 30 Jahre sind es 8 Prozent und in der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre 8 Prozent. 17 Covid-Patienten - also 1,2 Prozent - sind zwischen 0 und 17 Jahre alt.

1G-Regel: Berliner Wirt lässt nur noch Geimpfte rein

Update vom 12. September, 10.29 Uhr: Die Diskussionen über strengere Regeln für Ungeimpfte nimmt in Deutschland an Fahrt auf. Beim Thema Corona geht ein Berliner Wirt jetzt auf Nummer sicher. Er führt freiwillig die 1G-Regel ein.

RKI bestätigt: Corona-Inzidenz sinkt - Impfquote noch deutlich zu niedrig

Erstmeldung vom 12. September 2021

Berlin - Die 7-Tage-Inzidenz liegt laut Robert-Koch-Institut (RKI*) aktuell bei 80,2 (Vortag: 82,8; Vorwoche: 83,1). In den vergangenen 24 Stunden sind 7.345 Corona-Neuinfektionen und acht Todesfälle verzeichnet worden. Das geht aus den Daten des Covid-19-Dashboards am Sonntagmorgen hervor. Zum Vergleich: Vor einer Woche am Sonntag waren 10.453 positive Corona-Tests an die Gesundheitsämter in Deutschland gemeldet worden.

Bremen weist mit 114,4 momentan die höchste Inzidenz auf. Gefolgt von Hessen (105,3) und Nordrhein-Westfalen (110,8). In Sachsen-Anhalt ist der Wert mit 27,2 am niedrigsten.

Corona in Deutschland - Inzidenz in den Bundesländern (Stand 12. September 2021)

Bundesland7-Tage-Inzidenz (12. September 2021)
Baden-Württemberg79,1
Bayern84,2
Berlin84,6
Bremen114,4
Brandenburg43,4
Hamburg76,0
Hessen105,3
Mecklenburg-Vorpommern37,7
Niedersachsen75,7
Nordrhein-Westfalen100,8
Rheinland-Pfalz93,3
Saarland77,2
Sachsen41,2
Sachsen-Anhalt27,2
Schleswig-Holstein43,3
Thüringen45,5

Corona: Sechs Regionen über 200er-Grenze

Das Infektionsgeschehen in einigen Regionen ist weiter sehr dynamisch. In sechs Stadt-Landkreisen liegt die Inzidenz über der 200er-Marke: SK Neustadt a.d. Weinstraße (230,7), SK Wuppertal (218,3), SK Rosenheim (217,0), SK Salzgitter (216,6), LK Ahrweiler (213,4) und LK Berchtesgadener Land (205,0).

Corona: Hospitalisierungs-Inzidenz

Die Hospitalisierungs-Inzidenz lag am Freitag bei 1,95. Einen neuen Wert gibt das RKI wieder am Montag heraus. Die Hospitalisierungs-Inzidenz steht für die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen. Einen Grenzwert - ab wann die Lage kritisch zu sehen ist - ist nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

Corona: Die aktuellen RKI-Fallzahlen vom Sonntag (12. September 2021)

Corona: Impfquote in Deutschland zu niedrig

Das Impfen in Deutschland geht momentan nur schleppend voran. Nach den aktuellen Daten des Gesundheitsministeriums sind 62 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. 66,4 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten. RKI-Chef Lothar Wieler warnt vor „fulminantem Verlauf“ der Herbst-Welle*. Bund und Länder wollen deswegen ab nächster Woche viele niedrigschwellige Impfangebote machen.

Expertenschätzungen zeigen: Mit jedem Prozentpunkt, um das die Impfquote steigt, kann sich die Situation entspannen.

Der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis befürchtet ohne steigende Impfquoten volle Intensivstationen in den nächsten Monaten. „Für die Intensivmedizin gilt: Wenn wir die Impfquote nicht noch mal deutlich steigern, dann laufen wir in einen ganz schwierigen Herbst hinein“, sagt der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) der Deutschen Presse-Agentur.

Es zeige sich bereits, dass die Impfquote besonders bei Menschen bis 60 noch zu gering sei. „Wir haben das Problem, dass der Altersdurchschnitt auf den Intensivstationen gerade sehr deutlich nach unten geht und viele Patienten unter 60 Jahre alt sind“, so Karagiannidis.

Was für Auswirkungen auf die Intensivbetten-Belegung der kommenden Monate eine Steigerung der Impfquote in der Gruppe der 12- bis 59-Jährigen haben könnte, zeigen Schätzungen des RKI. Mit einer Impfquote von 65 Prozent wäre demnach noch mit einem sehr starken Anstieg der 7-Tage-Inzidenz auf bis zu 400 und mit bis zu etwa 6000 Covid-19-Patienten zeitgleich in intensivmedizinischer Behandlung zu rechnen. Für eine Impfquote von 75 Prozent zeigt das RKI-Modell schon weit niedrigere Inzidenzen unter 150 und lediglich 2000 belegte Intensivbetten an.

Sowohl bei einer 85-prozentigen als auch bei einer 95-prozentigen Impfquote in dieser Gruppe steigt demnach die Inzidenz nicht mehr über 100 beziehungsweise 50 und die Intensiv-Auslastung nicht mehr über 1000 Betten. Laut RKI sind bei den Schätzungen zum Einfluss der Impfquote viele Faktoren wie etwa die Dominanz der hochinfektiösen Delta-Variante und die Reaktion der Menschen auf steigende Infektionszahlen mit ausschlaggebend.

Laut einer Modellierung von Karagiannidis gemeinsam mit Andreas Schuppert von der RWTH Aachen und Steffen Weber-Carstens von der Charité Berlin ist derzeit ab einer Inzidenz von etwa 200 wieder von einer erheblichen Belastung der Intensivstationen mit mehr als 3000 Intensiv-Patienten zeitgleich auszugehen.

Bei erheblich gesteigerten Impfquoten - bei den 18- bis 59-Jährigen etwa auf 80 und bei den über 60-Jährigen auf 90 Prozent - ergäbe sich diese Belastung erst bei einer Inzidenz von etwa 400, wie Karagiannidis kalkuliert. Zwar hätte man dann etwas mehr „Zeit und Spiel“, dennoch warne er ausdrücklich davor, die Inzidenzen unkontrolliert hochschnellen zu lassen. „Das Entscheidende ist, dass die Inzidenz nicht stetig ansteigen darf. Und das ist ein Riesenproblem, das ich sehe“, betont er.

Diverse Faktoren wie etwa die Verteilung der Neuinfektionen in den verschiedenen Altersgruppen seien bei sämtlichen Prognosen, Schätzungen und Berechnungen zu berücksichtigen - und machten diese so schwierig, gibt Karagiannidis zu bedenken. Weil bei jüngeren Intensivpatienten die Sterblichkeit oft nicht so hoch sei, könne es zudem sein, dass diese, wenn sie einmal dort lägen, länger auf den Intensivstationen blieben. Zudem fehle es bei allen Erfassungen an breiten Daten zu Genesenen, die die Infektion nicht bemerkt, aber durchgemacht hätten und jetzt immun seien. Diese Dunkelziffer sei unklar, spiele aber eine herausragende Rolle.

Corona: Mindestens noch fünf Millionen Impfungen nötig

Gesundheitsminister Spahn hatte am Mittwoch gesagt, die angestrebte Impfquote für einen sicheren Herbst und Winter liege bei den über 60-Jährigen bei über 90 Prozent und bei den 12- bis 59-Jährigen bei 75 Prozent. Nötig seien dafür noch mindestens fünf Millionen Impfungen.

Doch würde auch schon eine Gesamtimpfquote von über 70 Prozent - statt der derzeit nur wenige Prozentpunkte über 60 - etwas ändern? Modellierungs-Mitautor Schuppert ist überzeugt: „Zehn Prozent machen in der Tat etwas aus.“ Bei den älteren Menschen lasse sich durch höhere Impfquoten das Risiko für hohe Belegungen der Intensivstationen deutlich reduzieren.

Bei Jugendlichen sei die Auswirkung auf die Intensivstationen wohl eher gering - schließlich gebe es bei ihnen nur selten entsprechend schwere Verläufe. Eine bei ihnen steigende Impfquote schlage sich aber wohl deutlich bei der Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus nieder, erklärt der Experte.

Delta-Variante - Impfquote besonders wichtig

Die Steigerung der Impfquote sei bei Erwachsenen aller Altersgruppen wichtig, betont Schuppert - insbesondere auch bei denen ab etwa 35 Jahren, weil die Delta-Variante* das Erkrankungsrisiko auch auf jüngere Altersgruppen schiebe. Dass nun oft eher jüngere Menschen auf den Intensivstationen lägen, bei denen die Impfquote geringer als bei den über 60-Jährigen sei, sei ein deutlicher Beleg dafür, dass die Impfungen große Wirkung zeigen.

Schon vermeintlich geringe Erhöhungen der Quote könnten faktisch große Unterschiede bewirken, betont auch Karagiannidis. Am Beispiel der Bevölkerung zwischen 18 und 60 Jahren erklärt er: Wenn sich in dieser Gruppe 10 oder 20 Prozent mehr Menschen impfen ließen, seien das konkret etwa vier oder acht Millionen Menschen mehr, die durch die Impfung geschützt seien - „am Ende also viel, viel weniger Intensivpatienten“.

Die Braunschweiger Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung erklärt, dass sich aber nicht nur die Frage stelle, welche Höhe die Impfquote realistisch erreichen könne. Praktisch sei von Bedeutung, wer ganz konkret noch geimpft werden könne und wie diese Menschen zu erreichen seien.

Lange geht davon aus, dass für das noch ungeimpfte Drittel der Bevölkerung viel größere Ressourcen aufzuwenden sind als bislang. „Die Menschen sind ja nicht alle Impfgegner, sondern viele sind einfach noch nicht vollkommen überzeugt, haben Fragen und sind unsicher.“ Wichtig sei es, genau zu wissen, in welchen Stadtvierteln oder Bevölkerungsgruppen etwa die Impfquote noch (zu) gering sei - und wie diese Menschen überzeugt werden könnten.

Wenn man es theoretisch schaffe, von den aktuell noch nicht geimpften Menschen die zu impfen, die aufgrund ihrer Berufe oder Haushaltssituation die meisten Kontakte hätten, sowie jene mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf, würde man noch mehr Infektionen verhindern können, so die Expertin. In den nächsten Wochen gehe es darum, diese Menschen zum Impfen zu bewegen.

„Es ist aber sehr schwierig, eine Impfkampagne so zu gestalten, dass tatsächlich vor allem diese Menschen erreicht werden“, gibt Lange zu bedenken. Und grundsätzlich sei es natürlich das Ziel, möglichst alle zu impfen - sowohl zum Selbst- als auch zum Fremdschutz.(ml, dpa) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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