Proteste in Sarajevo gegen das Corona-Management der Behörden.
+
Proteste in Sarajevo gegen das Corona-Management der Behörden.

Bürger protestieren

Corona in Sarajevo: Mehr tägliche Todesopfer als zu Kriegszeiten - Probleme bei Impfstoff-Beschaffung

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
    schließen

Der Bosnienkrieg kostete Tausende Menschen das Leben - doch die Corona-Pandemie trifft das Land wohl ähnlich schlimm. In der Hauptstadt Sarajevo sterben täglich etwa 18 Menschen.

Sarajevo - Täglich sammeln sich die Menschen vor den Bestattungsunternehmen, die schon vor Wochen an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina ist voller Todesanzeigen, die an Hauswände und Straßenschilder geklebt werden, berichtet die Welt. Jeden Tag werden es mehr, die Coronavirus-Infektionszahlen steigen steil an. Gestern, 20. April, meldete die Johns-Hopkins-University 722 neue Corona-Fälle im Land. Außerdem fehlt es an Corona-Impfstoffen.

Bürgerproteste in Sarajevo: Menschen wollen Veränderung im Corona-Management der Behörden

Vor einigen Tagen protestierten Bürger vor den Regierungs- und Parlamentsgebäuden in Sarajevo gegen die völlig unzureichende politische Reaktion auf die Pandemie. „Wir sind hier, weil wir erreichen wollen, dass man unser Recht auf Leben respektiert“, sagt Miranda Sidran. Laut Statistiken der städtischen Gesundheitsbehörde sterben derzeit in Sarajevo durchschnittlich 18,5 Menschen pro Tag. Während des Krieges waren es durchschnittlich 3,8 Zivil-Todesopfer täglich. So kann es nicht weitergehen, da sind sich die Bürger einig.

Das Problem für das schlechte Corona-Management sei das dezentralisierte System des Landes, das nach Kriegsende eingeführt wurde. Das System überträgt die Macht auf insgesamt 14 Verwaltungsbehörden. „Noch vor einem Monat hätten sicherlich noch weitere tausend Menschen an dieser Demonstration teilgenommen, doch die sind seitdem an Covid-19 gestorben“, sagt Sidran. „Wenn man sieht, wie jemand stirbt, dann kann man doch nicht einfach innehalten und lange darüber nachdenken, wessen Aufgabe es ist, sich um die Impfstoffe zu kümmern.“

Corona in Bosnien und Herzegowina: Land will Impfstoff kaufen, doch scheitert an der Umsetzung

Die bosnischen Behörden entschieden sich dazu, nach Lieferverzögerungen aus dem globalen Covax-Impfprogramm, selbst mit den Herstellern zu sprechen. Wer in dem Land die Verantwortung für solche Verhandlungen übernimmt, sei jedoch nicht klar geregelt. Denn Bosnien hat kein staatliches Gesundheitsministerium. Das sorgte für Verwirrung bei den Impfstoffherstellern.

Corona: Weltweit bereits mehr als 3 Millionen Todesopfer

Corona-Impfstoff: Nachbarland Serbien als positives Beispiel für Bosnien und Herzegowina

Das Nachbarland Serbien hatte einen besseren Plan für die Corona-Impfungen. Innerhalb kürzester Zeit kaufte der Staat Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca, Chinas Sinopharm und das russische Vakzin Sputnik V. Der serbische Präsident Aleksandar Vučić spendete sogar Impfstoffe an Nordmazedonien, Montenegro und auch Bosnien und Herzegowina.

Nachdem das Vakzin von Astrazeneca negative Schlagzeilen machte und die Serben andere Impfstoffe bevorzugten, lud Serbiens Präsident alle Menschen der Region ein, sich mit einer der 25.000 Dosen impfen zu lassen, die Ende März ablaufen würden. Auch mehrere Tausend Bosnier nahmen den Weg in das Nachbarland auf sich. Jedoch ist das keine Dauerlösung, viele wollen nicht vom guten Willen Vučićs anhängig sein. Im eigenen Land müsse sich etwas ändern, da sind sich die Bürger einig.

Auch Deutschland hat mit der Corona-Pandemie und hohen Infektionszahlen in der dritten Welle zu kämpfen. Der aktuelle Corona-Ticker für Deutschland.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare